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Pandemie-Alarm Stufe 6 bei der Schweinegrippe: Die WHO rechnet mit zwei Milliarden Infizierten. (SoBli)
Drei Firmen in der Schweiz wären in der Lage, einen Impfstoff gegen die Schweinegrippe zu produzieren. Hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) von Direktor Thomas Zeltner also seine Bestellungen bereits aufgegeben? Fehlanzeige!
Stattdessen schreibt das BAG in einer Medienmitteilung vom 5. Juni : «Der Bundesrat hat heute die aktuelle Lage zur Grippe A(H1N1) zur Kenntnis genommen und den Kauf von 40000 Packungen Tamiflu als zusätzliche Notfallreserve des Bundes bewilligt. Diese Reserve stellt einen raschen Zugang zum antiviralen Medikament im Falle einer temporären Verknappung sicher.»
Sieht so die optimale Versorgung der Schweizer Bevölkerung mit Impfstoff gegen die Schweinegrippe aus?
Überhaupt nicht, finden Fachleute.
Die Mitteilung des BAG suggeriert, dass Tamiflu ein Impfstoff gegen die Schweinegrippe ist. Unter Fachleuten aber ist längst bekannt: Es gibt noch keinen in der Praxis erhältlichen Impfstoff gegen dieses Virus. Bei dieser neuen Grippe haben die Personen künftig den besten Schutz, die sich infizieren und überleben (was höchst wahrscheinlich ist). Denn diese haben einen körpereigenen Immunschutz entwickelt.
Tamiflu bewirkt dagegen nur, dass sich der Virus im Körper des Infizierten nicht so stark ausbreitet. Es schwächt die Ansteckung nur etwas ab, aber auch dies nur, falls man das Medikament sehr früh nach der Ansteckung einnimmt.
«Bei einer normalen Grippe oder der Schweinegrippe würde ich nur zu Tamiflu greifen, wenn ich durch andere Krankheiten, die etwas mit dem Immunsystem zu tun haben, geschwächt wäre», sagt denn auch Prof. Beda M. Stadler, Direktor des Instituts für Immunologie an der Uni Bern, gegenüber Blick.ch.
Bundesrat hatte kein Interesse
Dabei hätte es die Schweiz in der Hand gehabt, selbst einen eigentlichen Impfstoff gegen die Schweinegrippe zu entwickeln . «Die Firma Berna hat das schon 2006 vorgeschlagen», ruft Stadler in Erinnerung.
Damals klagte der damalige Gesundheitsminister Pascal Couchepin, wenn es zu einer Pandemie komme, sei die Schweiz von Impfstoffen aus dem Ausland abhängig. «Wir sind erstaunt über diese Aussage», konterte daraufhin Berna-Biotech-Chef Kuno Sommer in der «HandelsZeitung». Der Impfstoff-Produzent mit Sitz in Bern (seit 2006 eine Tochterfirma der niederländischen Crucell-Gruppe) hatte bereits anfangs März 2006 bei Couchepins Bundesamt für Gesundheit – Direktor damals wie heute: Thomas Zeltner – einen Vorschlag deponiert, wie Impfstoffe zu 100 Prozent in der Schweiz hergestellt werden können.
Bern wollte davon nichts wissen. Darum sind wir weiterhin auf Impfstoffe angewiesen, die nach der veralteten Produktionsmethode mit Hühnereiern hergestellt werden. Eine Methode übrigens, die tierquälerisch ist, weil sie die Hühner mit einer schweren Krankheit infiziert. Und unnötig.
Denn, wie der SonntagsBlick berichtet, ist Novartis drauf und dran, über seine US-Tochter Chiron einen Schweinegrippe-Impfstoff zu entwickeln. Nur, von dem darf das BAG nichts kaufen. Denn es hatte kein Interesse daran, entsprechende Verträge mit Novartis abzuschliessen. Daher wird der Novartis-Impfstoff nur im Ausland verkauft, in den USA und europäischen Ländern. Die Schweiz wird von einem anderen Pharma beliefert werden, der englischen GlaxoSmithKlinee. Wenn die mal soweit ist.
Dass wir aber den Novartis-Impfstoff nicht in unsere Apotheken kriegen, ist besonders ärgerlich. Denn die Chiron-Methode «ist die Zukunft», sagt Immunologe Stadler. «Dank Gentechnik ist es nämlich gelungen einen modernen Impfstoff in Zellkultur herzustellen.» Erwünschte Nebenwirkung: Tiere müssen hier nicht mehr leiden.
Schweiz abhängig vom Ausland
Obendrein hat Stadler kein Verständnis dafür, dass die Schweiz sich bei Impfstoffen unnötig vom Ausland abhängig macht. «Jedes entwickelte Land sollte seine Impfstoff-Produktion selber an die Hand nehmen. Dieses Problem löst man nicht mit Politik und Verträgen.»
Das scheint man jetzt endlich auch in Bern zu erkennen. Die Schweiz verhandle jetzt auch mit Novartis über die Lieferung des Impfstoffes gegen das Grippevirus A(H1N1), sagte heute Jean-Louis Zurcher, Sprecher des Bundesamtes für Gesundheit (BAG). Darüber werde der Bundesrat «demnächst» informieren.
Und was ist mit Cytos?
«Pikant ist zudem», kritisiert Prof. Stadler weiter, «dass wir in der Schweiz eine Firma haben – Cytos in Schlieren –, die bereits seit einiger Zeit einen modernen Impfstoff gegen H1N1 entwickelt hat, der im Tierversuch wirksam ist.» Diese Firma sei bei den Bundesämtern und Firmen bisher nur auf taube Ohren gestossen.
BAG-Sprecher Jean-Louis Zurcher sieht das anders. Das Bundesamt für Gesundheit habe «seit einiger Zeit» Kontakt mit diversen Impfstoff-Produzenten, sagte Zurcher gegenüber Blick.ch. Welche das seien, wollte er nicht sagen.
Tatsache bleibt: Es gibt drei Schweizer Impfstoff-Produzenten – und unsere Behörden haben bis heute nur einen Vertrag mit einer englischen Firma.