Schredderte Bundesrat Pläne für China-Bombe?

  • Publiziert: 07.06.2008, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Henry Habegger

BERN - In der Affäre um die Aktenvernichtung führt eine Spur sogar nach Peking. Möglicherweise wurden in Bern Pläne für chinesische Atomsprengköpfe geschreddert. Aus Angst, sie könnten den Weg in den Iran finden?

Der Bundesrat musste kürzlich zugeben, was BLICK im Februar berichtete: Die Schweiz hat brisantes Beweismaterial aus dem laufenden Strafverfahren gegen Mitglieder der St. Galler Ingenieursfamilie Tinner schreddern lassen. Den Tinners wird vorgeworfen, sie hätten im Atomschmuggelnetzwerk des Pakistaners Abdul Qadeer Khan mitgewirkt.

Nur: Was waren das für Pläne, die angeblich den Weltfrieden gefährdeten? Offiziell sagt der Bundesrat bisher nur: Es sei neben Plänen für Urananreicherung auch um «detaillierte Baupläne für Nuklearwaffen» und «Lenkwaffenträgersysteme» gegangen.

Eine heisse Spur führt nach China. Es gibt Hinweise, dass chinesische Atomwaffenpläne geschreddert wurden. Sprengköpfe oder Trägerraketen, oder beides. Ein Insider bestätigt BLICK: «Eigentlich hätte nicht die CIA bei der Aktenvernichtung dabei sein müssen, sondern China.»

Das Khan-Netzwerk hatte tatsächlich Zugang zu China-Plänen. Urs Tinner hielt diese Pläne Ende 2003 sogar in den Händen. Er kopierte sie im Auftrag von Khan in Dubai.

Und zwar im Oktober 2003. Da schickte Abdul Qadeer Khan, der Vater der pakistanischen Atombombe, seinen Schweizer Vertrauen Urs Tinner in seine Wohnung in Dubai. Dort sollte Tinner Pläne einscannen und weitermailen, die in einem gesicherten Aktenschrank lagen. Das enthüllt der US-Autor Douglas Frantz in seinem Buch «The Nuclear Jihadist».

Monate später erzählte Tinner einem Vertreter der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO), die Pläne hätten ausgesehen wie Pläne für Sprengköpfe. Für den IAEO-Mann war sofort klar: Tinner hatte Pläne für einen chinesischen Atomsprengkopf kopiert.

Jene Sprengkopfpläne, die Pakistan in den frühen 80er Jahren von China erhalten hatte. Khan soll sie in den 90er-Jahren auch an Libyen weitergereicht haben.

Unklar ist: Was geschah mit den Plänen in Khans Tresor in Dubai, nachdem Tinner sie kopiert und weitergemailt hatte? Hat die Schweiz sie später bei Tinner beschlagnahmt?

Doug Frantz, der den Fall enthüllte, sagt zu BLICK: «Ich glaube gestützt auf Recherchen für unser Buch, dass Urs Tinner wohl einen Satz Pläne des chinesischen Atomsprengkopfes für sich behalten haben kann, nachdem er für Khan Kopien angefertigt hat.»

Harte Beweise für den ungeheuren Vorwurf an China wurden bisher nicht öffentlich. Vielleicht hat der Bundesrat sie nun geschreddert.

Unklar ist auch, an welche Bombenbastler die Pläne für chinesischen Atomsprengköpfe gingen. Oder gehen sollten. Syrien? Saudiarabien? Oder gar an den Iran, der nachweislich seit langem nach der Atombombe trachtet? Und der bereits über Trägerraketen verfügt, mit denen er Atombomben 2000 Kilometer weit um die Welt schicken könnte?

Bereits in drei Jahren, so internationale Schätzungen, soll der Iran soweit sein, die Atombombe bauen zu können. Und wenn er dann auch noch Sprengköpfe hat, ist das der blanke Horror.

Zu denken gibt: Das Netzwerk um Khan hat bereits seit den 80er Jahren Atom-Geschäfte mit dem Iran gemacht. Es lieferte einmal eine ganze Urananreicherungsanlage. Auch Vertreter der Tinners sollen Zentrifugenteile an den Iran geliefert haben.

CIA: Bombenpläne gefördert statt gestoppt?

Die USA und deren Geheimdienst CIA haben gewaltigen Druck auf den Bundesrat ausgeübt, damit der die brisanten Akten vernichtet. Es ging auch darum, eigene Fehler zu vertuschen.

Ein Grossteil der angeblich bis zu 300 geschredderten Aktenordner und den zahllosen vernichteten elektronischen Daten bezogen sich auf Aktivitäten der CIA und anderer Geheimdienste, auch der schweizerischen.

Sicher ist: Die Schlapphüte haben dem Treiben des Khan-Netzwerkes seit Mitte der 70er Jahre zugeschaut. Khan war laut dem ehemaligen holländischen Premier Ruud Lubbers seit 1975 auf dem Radar der CIA. Holland wollte den Pakistaner 1975 und 1986 verhaften, weil er Atompläne gestohlen hatte. Beide Male intervenierte laut Lubbers die CIA. Sie wolle zuerst mehr Informationen über Khans Netzwerk beschaffen.

Die Geheimdienste hätten die Akteure längst aus dem Verkehr ziehen können. Zogen es aber vor, die Szene zu beobachten.

Dabei arbeitete die CIA mit Leuten im Innern des Netzwerkes zusammen. Etwa Urs Tinner, der seit etwa 1999 nicht nur für Khan, sondern auch für die Amerikaner gearbeitet haben und sie mit Informationen versorgt haben soll. Es könnte sogar sein, dass die Familie Tinner schon viel früher für die CIA aktiv war. Vater Friedrich Tinner mischte seit 1981 unbehelligt mit einer eigenen Firma im Atomzuliefer-Geschäft mit.

Eine zentrale Frage ist: Wie weit haben Geheimdienste wie die CIA die Verbreitung von Atomwaffen gefördert, statt sie zu verhindern? Und, wie sich ein ehemaliger US-Geheimdienstler gegenüber BLICK ausdrückt, «den Geist selbst aus der Flasche entweichen lassen"?

Es gibt haarsträubende Beispiele. In einem Fall ging die CIA laut US-Autor James Risen so weit, dass sie dem Iran echte russische Atompläne zuspielte, die aber kleine Fehler enthielten. Die CIA hoffte, dass die Iraner so Fehlschläge errleiden und Zeit verlieren würden. Nur: Ein russischer Wissenschaftler, der die Pläne zu Gesicht bekam, entdeckte die von der CIA eingebauten Fehler sofort. Das bedeutete auch: Die Iraner waren höchst wahrscheinlich in der Lage, die Pläne zu korrigieren und zu nutzen.

Solche katastrophalen Fehlschläge, glauben Insider, versucht die CIA jetzt um jeden Preis zu vertuschen. Mit Schredderaktion wie jener in Bern.

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