Benzin 4 Franken, SBB doppelt so teuer Schocktherapie gegen Verkehrskollaps

  • Publiziert: 25.10.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Werner Vontobel
play Knapper Platz: Ist Mobi­lität in der Schweiz zu günstig? (Keystone)

Das Land erstickt im Verkehr. Die Lösung: kosten- deckende Preise. Der Liter Benzin müsste dann vier, das Zweitklassbillett Bern–Zürich retour 215 Franken kosten. Mit den Mehreinnahmen könnte man die Mehrwertsteuer abschaffen.

Ökonomen und Landesplaner sind sich einig: Die Schweiz kriegt ihre Verkehrs- und Siedlungsprobleme nur in den Griff, wenn der Verkehr die vollen Kosten trägt und der Profit aus den steigenden Bodenpreisen besteuert wird. Das war, grob zusammengefasst, das Fazit eines Seminars der Denkfabrik Avenir Suisse von vergangener Woche in Zürich.

Der Freiburger Ökonomieprofessor Reiner Eichenberger (48) rechnet vor:

• Die ungedeckten Kosten des Automobilverkehrs betragen mindestens zehn Milliarden Franken. Pro Liter Benzin wären das zwei Franken. Zudem wird Autofahren massiv subventioniert, indem die Arbeitswegkosten von der Steuer abgezogen werden können. Das nützt vor allem den höheren Einkommen.

• Die Kunden des öffentlichen Verkehrs zahlen pro Jahr insgesamt etwa sechs Milliarden Franken für Tickets, Abos und Frachten. Dazu kommen aber noch mindestens acht Milliarden Franken Subventionen und Umweltkosten. Wollte man auch diese auf die Konsumenten überwälzen, müssten sämtliche Tarife im Schnitt um 133 Prozent erhöht werden.

Ein SBB-Billett Zürich–Bern retour zweiter Klasse kostet dann statt 92 neu 215 Franken, vorausgesetzt man hat die 350 Franken für das neue Halbtaxabo angelegt.

• Durch Einwanderung, Steuersenkung, neue Strassen und Bahnen steigt der Wert der Immobilien pro Jahr um gut 100 Milliarden Franken. Schöpft man nur zehn Prozent dieses Mehrwerts durch eine Steuer ab, flössen weitere zehn Milliarden in die öffentlichen Kassen. Zusammen mit 18 Milliarden beim privaten und öffentlichen Verkehr ergäbe das 28 Milliarden.

Bei diesen Steuern geht es aber nicht um zusätzliche Staatseinnahmen, sondern um Verhaltensänderungen: Die Schweizer sollen weniger reisen, weniger pendeln und in den Städten näher zusammenrücken. Eichenberger schätzt, dass kostendeckende Preise die Nachfrage nach Transportleistungen längerfristig um rund ein Drittel senken werden. Deshalb wird der Staat auch nicht 28, sondern vielleicht 20 Milliarden Franken einnehmen. «Mit diesen Einnahmen», schlägt Eichenberger vor, «könnte man die Mehrwertsteuer abschaffen.»

Hat diese Idee überhaupt eine Chance? Eichenberger: «Die Vorteile sind riesig – weniger Stau, bessere Luft, weniger Lärm, wohnlichere Städte und das alles per saldo zum Nulltarif. Das müsste den Bürgern und Politikern doch einleuchten.» Doch der Professor warnt: Die Idee habe nur eine Chance, «wenn von Anfang an klar ist, dass jeder Franken Mehreinnahmen an die Steuerzahler zurückfliesst.» 

play Querdenker: Reiner Eichenberger. (RDB)

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