Die Dauerkritik machte ihn krank Schmid nudelfertig

  • Publiziert: 13.11.2008, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Georges Wüthrich

Geschichte eines Rücktritts. Der lange Weg von Bundesrat Samuel Schmid (61) bis zur Demission gestern Morgen. Ein Wechselbad der Gefühle unter Dauerstress.

«Man muss auf die Signale seines Körpers hören.» Sagt Bundesrat Samuel Schmid – und schon kommt es. Starkes Nasenbluten zu Beginn der Fragerunde nach seiner Rücktritts-Erklärung. Das blütenweisse Hemd blutbefleckt – Unterbruch.In der Toilette des Medienzentrums stillt Schmid die Blutung und richtet sich etwas her. Kommt zurück und beantwortet die Fragen, teils brillant, teils den Tränen nah. Nudelfertig und doch erhobenen Hauptes.Kreislaufprobleme und BlutverdünnerDer Verteidigungsminister legt die Karten auf den Tisch: Die gesundheitlichen Probleme dauern schon länger an. Schon lange vor der Gallenblasen-Operation vom letzten Freitag. In Frühling musste er sich im Spital ambulant wegen Kreislaufproblemen behandeln lassen. Seither nimmt er Blutverdünner. Vielleicht der Grund fürs Nasenbluten.Die Ärzte behandelten den Bundesrat im Frühling mit einer Elektrokonversion, einer gezielten Elektroschock-Abgabe zur Normalisierung von Herzrhythmus- Störungen.Euro, BDP, Kander-Drama und Fall NefDas alles nur wenige Wochen vor der Euro 08, dem Parteiwechsel zur neuen BDP – und dem Kander-Unglück vom 12. Juni. Der Auslöser der harten Monate. Es folgen die Nef-Affäre, wo Schmid Fehler bei der Anstellung von Armeechef Roland Nef einräumen muss.Die Affäre setzt ihm zu. Aber noch mehr, was folgt. Seine frühere Partei will Rüstungskäufen so lange nicht zustimmen, wie Schmid noch Bundesrat ist. Gestern nimmt er Worte in den Mund, die den Druck der letzten Monate veranschaulichen.  «Politische Erpressung hat nichts zu suchen in diesem Land.» «Politische Geiselnahme ebenso wenig.»Der Widerstand dagegen müsse spürbar wachsen. Die Bescheidenheit wieder einen grösseren Stellenwert erhalten.«Bin ich noch zu retten?Samuel Schmid hat all die Monate gerungen. «Bin ich noch zu retten?», schreibt er Freunden auf dem Höhepunkt der Nef-Affäre in SMS. Und dann erlebt er im Kontakt mit der Bevölkerung die andere Seite: ungeteilten Zuspruch, vor allem bei seinen Auftritten am 1.  August.Doch der Dauerbeschuss, der ständige Druck löst merkwürdige Verunsicherungen aus. Schmid zweifelt ernsthaft, ob er an der Beerdigung seines Freundes Ruedi Rymann am 20.  September tröstende Worte sagen soll. Die Familie des bekannten Jodlers hat ihn ausdrücklich dazu eingeladen. Er befürchtet, dass ihm der Auftritt als Profilierungsversuch missdeutet werden könnte. Macht es letztlich doch – und findet an jenem Samstagmorgen die richtigen Worte.Freunde: «Halte durch!»Er hört die Worte von Freunden: «Halte durch, denn sonst machen solche Methoden Schule.» Doch er überlegt sich weiter den Rücktritt. Nach den harten Auftritten im Parlament während der Herbstsession ist die Demission nah wie noch nie.Ein wichtiger Stichtag ist der 1.  Oktober, die Sonderdebatte zur Armee im Nationalrat. Eine Woche zuvor ist das Rüstungsprogramm 08 vom Nationalrat abgelehnt worden.Doch am Tag vor der Sonderdebatte will die SVP-Fraktion das Fell verteilen, bevor der Bär erlegt ist. Stundenlang wird schon über die Nachfolge diskutiert. «So nicht!», sagt sich Schmid und macht weiter.Zurücktreten, wie es sich gehörtSchmid will, wenn überhaupt, während einer Bundesratssitzung zurücktreten, wie es sich gehört. Und die nächste Bundesratssitzung findet erst am 15. Oktober statt.Doch auch der 15. Oktober geht vorüber. Der Bundesrat hat anderes zu tun: die Rettung der UBS und die Stabilisierung des Schweizer Finanzplatzes. Schmid ist vorübergehend aus der Schusslinie und aus den Schlagzeilen. Und es gibt Signale, dass die SVP dem Rüstungsprogramm doch noch zustimmen wird. Schmid kämpft weiter – und liefert Bericht um Bericht zu Mängeln in der Armee ab. Keiner enthält Neues, aber das Ziel rückt näher: ein Ja des Parlaments in der Wintersession.Am Dienstag die vorentscheidende Sitzung der Sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrates: Ja! Schmid hat es geschafft. Niemand erwartet noch ernsthaft den Rücktritt.Jetzt kommt er auf den HundDoch nach einem langen Gespräch mit seiner Frau Verena, nach einer schlaflosen Nacht fällt gestern Morgen früh der für viele überraschende Entscheid: Jetzt! Gerührt sagt der Hundeliebhaber in der Medienkonferenz: «Jetzt erhalte ich ja wieder einen Hund.» In Anspielung an die Bedingung seiner Frau, dass es erst wieder einen Hund gebe, wenn er nicht mehr Bundesrat sei.

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