Überbelastung SBB-Lokführer gehen auf die Barrikaden

GENF - Lokführer murren wegen Überbelastung – und boykottieren an Frei-Tagen Anrufe ihrer Chefs. Der Krach mit den SBB könnte eskalieren.

  • Publiziert: 30.07.2010, Aktualisiert: 14.01.2012
  • Von Simon Hehli
play Auf gute Laune mögen die SBB-Lokführer derzeit nicht machen. (Keystone)

Am letzten Freitag mussten die SBB einen Zug zwischen Lausanne und Vallorbe VD ersatzlos streichen: Sie fanden keinen Lokführer, der bereit war, in den Führerstand zu steigen.

Der Hintergrund der Meldung ist brisant: In der Westschweiz kracht es gewaltig zwischen den Bundesbahnen und ihren Zugschauffeuren. Das berichtet heute «Le matin». Die Lokführer klagen, dass sie wegen Personalmangels immer wieder kurzfristig in der Freizeit aufgeboten würden.

Deshalb hat die Genfer Sektion der Lokführer-Gewerkschaft VSLF radikale Massnahmen beschlossen: Ihre Mitglieder sollen an freien Tagen Anrufe des Chefs einfach ignorieren. Die SBB reagieren darauf, indem sie ihren renitenten Angestellten eingeschriebene Briefe nach Hause schickt, um sie zur Arbeit zu beordern.

«Absolut unkollegiales Verhalten»

SBB-Sprecher Roman Marti findet gegenüber Blick.ch klare Worte zum Verhalten der Genfer Lokführer: «Das ist ein absolut unkollegiales Verhalten. Wenn ein Lokführer ausfällt, muss man Kollegen anfragen können, ob sie einspringen – das ist in jedem Unternehmen so.»

Auch gegenüber den Kunden sei der Boykott nicht korrekt: «Die SBB können ja nicht einfach ein Schild vor den Zug hängen: ‹Fällt wegen Krankheit leider aus›». Und sowieso: Das Klagen der Lokführer sei nicht berechtigt. «Wir haben keinen Unterbestand, auch wenn das manche Gewerkschaftsvertreter noch so oft wiederholen.»

Im Schnitt vier Wochen Überzeit

Ganz anders sieht das Hubert Giger. Der Chef der Gewerkschaft VSLF wirft den SBB vor, sie hätten seit 2002 im Auftrag der Kantone viele Züge gekauft, aber zu wenig Personal angestellt, um sie zu betreiben. «Sie können auch keinen Bauauftrag für ein Hochhaus annehmen, wenn sie nur zwei Maurer haben».

Im Schnitt schiebe jeder Lokführer 20 Tage Überzeit vor sich her – ohne Chance, sie zu beziehen.

Angesichts solcher Zahlen findet Giger die Vorwürfe Martis an seine Kollegen «schon fast frech»: Was die Genfer machen, sei völlig korrekt. Das Problem mit der grossen Arbeitsbelastung sei zwar in der Romandie besonders gross. «Aber auch in der Deutschschweiz geistert die Idee mit dem Telefonboykott herum, vor allem in Bern und Brig.»

Ein «übles Spiel» des SBB-Sprechers

Unterstützung erhält Giger von seinem Kollegen Peter Moor von der Gewerkschaft SEV: «Es ist ein übles Spiel, wenn Marti die Kollegen gegeneinander ausspielt.» Bei einzelnen Notfällen wehre sich natürlich kein Lokführer einzuspringen. «Nur klappt die Planung permanent nicht.»

Weil die SBB krampfhaft versuchten, ihre Leute an den Arbeitsplatz zu befehlen, wachse der Unmut – nicht nur in der Romandie, sondern auch in Zürich.

Bis 2012 wollen die SBB wollen 87 neue Lokführer anstellen – ungefähr so viele, wie gemäss Moor derzeit fehlen. Das werde aber langfristig nicht viel nützen, glauben die beiden Gewerkschafter. Denn es gibt immer mehr Züge, die gesteuert werden müssen.

In den nächsten Jahren gehen zudem überdurchschnittlich viele Lokführer in Pension. Für den Nachwuchs, der die Lücken füllen müsste, sei der stressige Job mit unregelmässigen Arbeitszeiten wenig attraktiv, sagt Giger: «62‘500 Franken als Einstiegslohn sind zu wenig – gerade wenn man sich für vier Jahre verpflichten muss.»

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