ZÜRICH – Muss dereinst kein Tier mehr sterben, damit wir Fleisch essen können? Schon bald sollen in Brutkästen aus Stammzellen saftige Steaks heranwachsen.«Tissue Engineering» nennt sich die neue Forschungsrichtung. In Holland wurde bereits unter der Nummer WO 99/3122/3 ein Patent auf diese neue Art der Fleischherstellung erteilt.Das erste Retorten-Schnitzel aus Stammzellen will uns der Mikrobiologe Henk Haagsman von der Universität Utrecht schon bald auftischen. «Meine Vision ist es, Fleisch zu produzieren, ohne
Tiere zu züchten oder zu schlachten», so seine Begründung. In Bioreaktoren vermehren sich die Stammzellen aus tierischen Skelettmuskeln auf Kollagengerüsten zu fleischigen Muskelfasern, die «geerntet, gekocht oder – in die Form gepresst – als Steak oder Kotelett verzehrt werden können».So fasst US-Agrar-Ökonom Jason Matheny von der University of Maryland seine Bemühungen um das Kunstfleisch aus Stammzellen in der US-Zeitschrift «Tissue Engineering» zusammen.Fleisch besteht aber nicht nur aus Muskelzellen. Es enthält auch Fett, Nerven, Blutgefässe und Bindegewebe – die grösste Herausforderung der Wissenschaftler bei der Herstellung des Retortenfleisches.Ihr Trick: Trägermembranen aus essbarem Kollagen. Auf ihnen sollen die tierischen Stammzellen in die gewünschte Form wachsen. Das künstliche Fleisch vermehrt sich in einer dicken Nährflüssigkeit, die 62 Inhaltsstoffe enthält, darunter 20 Aminosäuren, 12 Vitamine sowie diverse Enzyme.Das alles klingt so kompliziert, dass Henk Haagsman erst einmal eine Art «Hackfleisch» herstellen will bevor er sein erstes Schnitzel in die Pfanne haut. Dieses Retorten-»Ghackets» könnte man zumindest mal für Spaghetti Bolognese brauchen.Ernährungstechnisch hat künstliches Fleisch ebenfalls einen Vorteil: Der Fettanteil könnte so niedrig dosiert werden, dass Herz und Kreislauf nicht mehr belastet werden.Haagsman und sein Team sind nicht die einzigen, die am Retortenfleisch aus Stammzellen basteln. Erste Versuche gibt es auch im französischen Nantes.Dort verzehrten Gewebe-Ingenieure Steaks, die sie aus Frosch-Stammzellen gewonnen hatten – die Spenderfrösche sassen dabei in einem Glasgefäss und schauten dem «Festmahl» zu.Über den Geschmack waren sich die Forscher jedoch ausnahmsweise mal einig: Gut habe nur die Calvados-Sauce geschmeckt. Der Rest müsse «noch stark verbessert werden». Surftipp: New Harvest