Mieter raus, Asylanten rein Raus aus dem ehrenwerten Haus

  • Publiziert: 10.07.2011, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Sascha Schmid

Wenn Schweizer ihre Wohnungen für Asylanten räumen sollen, sorgt das für rote Köpfe. SonntagsBlick sprach mit Betroffenen.

Im Mehrfamilienhaus an der Birkenstrasse in Brüttisellen ZH leben junge Familien und Rentner, Ausländer und Schweizer. Die Mieten der 18 Wohnungen sind tief, der Garten ist gross, abgesehen von der Autobahn hinter den Schallschutzwänden ist die Gegend ruhig und friedlich.

Doch die Mieter haben Angst. Angst um ihre Wohnung, Angst um ihre Heimat. Sie befürchten, dass sie Asylbewerbern Platz machen müssen.

Der Kanton Zürich, dem die Liegenschaft gehört, will im Mehrfamilienhaus ein Durchgangszentrum einrichten. Erfahren haben die Bewohner davon durch die Medien.

«Diese Ungewissheit macht uns fertig»

«Wir waren total platt. Wir haben unsere Miete immer pünktlich bezahlt. Jetzt will man uns einfach auf die Strasse werfen. Das ist doch eine bodenlose Frechheit», sagt Max Jaeger (75).

Der Rentner und seine Frau Erika (74) waren die ersten Mieter im Block, als dieser vor 48 Jahren fertiggestellt wurde.

Die Jaegers möchten ihren Lebensabend an der Birkenstrasse verbringen. Nun ist der Plan in Gefahr. «Diese Ungewissheit macht uns fertig. Wir haben schlaflose Nächte», sagt auch Verkäuferin Lilian Brander (60).

Im Notfall auf die Barrikaden

Die Kantag Liegenschaften AG, Verwalterin des Mehrfamilienhauses, versucht die Bewohner zu beschwichtigen. «Alle Mietverträge behalten weiterhin ihre Gültigkeit», schreibt sie in einem Brief an die Bewohner.

Gleichzeitig fügt sie an: «Die Zuweisung dieser Liegenschaft an das Kantonale Sozialamt entspricht der Strategie, mittel- bis langfristig genügend Unterbringungsplätze für Asylsuchende bereitstellen zu können.»

«Was soll das heissen?», fragt sich Max Jaeger. «Wir wollen für immer hier bleiben», sagt Lilian Brander. Sie und ihre Mitstreiter sind bereit zu kämpfen. Jaeger: «Im Notfall gehen wir auf die Barrikaden.»

19 000 Asylsuchenden für 2012

Was wie eine unglaubliche Geschichte tönt, ist kein Einzelfall.

Die Empfangszentren des Bundes sind voll, der Druck auf Kantone und Gemeinden steigt. Wegen der politischen Umwälzungen in Nordafrika haben 2011 schon 8000 Personen Asyl beantragt.

Für 2012 rechnet der Bund mit 19 000 Asylsuchenden. Diese Leute brauchen Platz. Zu spüren bekamen dies auch zwei Familien an der Frohwiesstrasse in Pfäffikon ZH. Ihnen wurde gekündigt, um Platz zu schaffen für Asylbewerber.

Familienvater Michael Chiller (36) versteht die Welt nicht mehr: «Es kann doch nicht sein, dass man Familien auf die Strasse stellt, um neue darin zu platzieren.» Chiller hat mit Glück eine neue Bleibe für seine vierköpfige Familie gefunden.

«Weniger Glück haben meine kosovarischen Nachbarn. Sie haben noch keine neue Wohnung in Aussicht.» Wenigstens hat die Nachbarsfamilie vom Sozialamt eine Gnadenfrist bis September erhalten.

Statt Handwerkern Asylbewerber

Keinen Aufschub erhielten die Bewohner am Wydäckerring im Zürcher Triemli-Quartier. Auf Ende März mussten alle Mieter raus. Wegen Renovation, wie es hiess.

Doch statt Handwerkern kamen Asylbewerber, letzte Woche zogen die ersten ein. Am Schluss sollen es 100 Asylbewerber sein. Von offizieller Seite wird das Vorgehen als «Zwischennutzung» bezeichnet. Wie lange diese dauert, weiss niemand.

«Hätten wir das gewusst, hätten wir uns geweigert auszuziehen», sagt Silvia Läderach (60). Die Kosmetikerin führte in der Liegenschaft ein Nailstudio mit einem schönen Garten voller Blumen. Nun muss sie die Kunden bei sich zu Hause empfangen. «Wenn man leere Wohnungen hat, soll man Asylanten dort unterbringen. Aber doch nicht, wenn Mieter drin wohnen.»

Immer wieder dieselbe Frage

Ob Brüttisellen, Pfäffikon oder Zürich – die Betroffenen stellen sich immer dieselbe Frage: «Gibt es keine andere Möglichkeit, diese Leute unterzubringen? Es kann doch nicht sein, dass Schweizer Asylbewerbern weichen müssen.»

Ruedi Hofstetter, Chef des Sozialamts des Kantons Zürich: «Es ist extrem schwierig, Unterkünfte zu finden. Es herrscht Wohnungsnot und Vermieter wollen selten Asylbewerber aufnehmen.»

Container seien eine Möglichkeit, führten aber auch zu Problemen. «In Eglisau wollten wir Container aufstellen, doch die Gemeinde legte ihr Veto ein – aus ästhetischen Gründen.»

Falsche Planung der Kantone

St. Gallen vorbildlich Allerdings drängt sich auch die Frage auf, ob einzelne Kantone falsch geplant haben. Im Kanton St. Gallen zum Beispiel müssen Mieter Asylbewerbern nicht weichen.

«Wir haben in den Gemeinden genug Platz für Asylsuchende. Wir fuhren unsere Bettenkapazität auch nicht herunter, als es weniger Asylbewerber gab. Im Notfall belegen wir die Zimmer mit mehreren Personen», sagt Beat Tinner, Präsident der Vereinigung der St. Galler Gemeindepräsidenten.

Und Ruedi Hofstetter: «Das Sozialamt hat keinen Moment daran gedacht, den Mietern in Brüttisellen zu kündigen, und wird das auch nicht tun.» Das Durchgangsheim werde frühestens in fünf bis zehn Jahren entstehen.

Doch das beruhigt Mieter wie Max Jaeger oder Lilian Brander nur bedingt. Sie zittern um ihre Wohnung – und ihren gemütlichen Lebensabend. 

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Dürfen Mietwohnungen als Durchgangsheim verwendet werden?»

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