Raser-Paradies Aargau

  • Aktualisiert am 03.01.2012
  • Von Simon Hehli

ZÜRICH – Ein Todesraser darf wieder die Aargauer Strassen unsicher machen. Kein Zufall, sagt Opferhelfer Roland Wiederkehr – und ortet ein katastrophales Versagen auf vielen Stufen.

Ein Entscheid des Aargauer Verwaltungsgerichts von gestern sorgt für Empörung: Der Todesraser von Wohlen darf sich wieder hinters Steuer setzen. Das Urteil widerspricht dem gesunden Menschenverstand – und auch 95 Prozent der 4000 Blick.ch-Leser, die sich an unserem Voting beteiligten, wollen den mittlerweile 41-jährigen Italiener für immer von den Strassen verbannt sehen!«Überwältigend» findet Roland Wiederkehr dieses Ergebnis – zumal das Auto für die meisten Schweizer noch immer eine heilige Kuh sei. Der frühere Zürcher LdU-Nationalrat kämpft mit der Organisation «RoadCross» unermüdlich für die Interessen der Opfer von Strassengewalt. Den Schwarzen Peter will Wiederkehr nun nicht dem Verwaltungsgericht zuschieben: Es habe gar nicht anders entscheiden können. Denn die «katastrophalen Fehler» passierten vorher: Wieso liess das Strassenverkehrsamt den Raser nach dem tödlichen Unfall noch 22 Monate lang unbehelligt rumkurven, bis das Urteil rechtskräftig war? Wieso verhängte der Untersuchungsrichter nicht selbst Fahrverbot, was in seinen Kompetenzen gelegen wäre? Und wieso hatten die Psychologen dem Italiener immer wieder grünes Licht gegeben, obwohl er insgesamt sieben Fahrausweisentzuge einfuhr?Besonders die Rolle der Seelendoktoren bereitet Wiederkehr ein mulmiges Gefühl. Hätten sie dem Italiener nach ein paar Therapiesitzungen keine Fahrtüchtigkeit beschienen, wäre sein späteres Opfer Tiziana (14) jetzt noch am Leben. «Es fragt sich, ob die Psychologen für ihre Gutachten nicht in die Verantwortung genommen werden sollten – genauso wie das bei Sexualstraftätern ja auch der Fall ist», argumentiert Wiederkehr. Dass nun wieder die Aargauer Justiz am Pranger steht, ist kein Zufall: «Hier liegt besonders viel im Argen», kritisiert der Zürcher – und verweist auf weitere traurige Schlagzeilen aus dem Mittelland, etwa über den «Porsche-Raser» und den Horrorunfall von Brugg, den 2005 ein 82-Jähriger verursachte. In den langen Tälern des Kantons tobten sich Raser hemmungslos aus und die Kontrollen seien viel zu lasch. Wiederkehrs Beweis: «Der Aargau ist der einzige Kanton ohne Radarkästen!» 50000 Flugblätter über den «Justizskandal» im Fall Brugg, die «RoadCross» letzte Woche an Aargauer Haushalte verteilte, hätten praktisch kein Echo hervorgerufen. Nun sieht Roland Wiederkehr nur noch ein Mittel, um die Aargauer Bevölkerung aufzurütteln: «Wir überlegen, ob wir zusammen mit den Angehörigen der Opfer eine grosse Demonstration organisieren.» Können Sie die Entscheide der Aargauer Behörden nachvollziehen? Welche Strafen sollten Autofahrern für massive Geschwindigkeits-Überschreitungen blühen?

Top 3

1 Betrugs-Opfer Conni Kuhn erzählt «Wie konnte ich nur so dumm sein?»bullet
2 Lawinendrama am Pilatus Sportschule trauert um ihren «Studi»bullet
3 Kälte-Ticker Bise bläst den Feinstaub weg – aber es bleibt kaltbullet

Schweiz