Jedes Jahr unterstützt das VBS zwischen 1600 und 2500 private Anlässe Privatarmee-Sumpf!

  • Publiziert: 16.06.2008, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Thomas Ley und Beat Michel

Die Todesfahrt auf der Kander. Angeführt von einem Kadi, der auch in der Freizeit Militär spielt. Doch solches Tun wird gefördert. Hochoffiziell.

Kompaniekommandant Yves M. (29) hatte Übung mit Flussfahrten auf der Kander. Nämlich genau einmal.

Zehn Tage bevor der Kadi mit neun Kameraden in der Kander untergeht, probt er das Ganze schon mal. In der Aktion «Tonus 08». Inhalt: «Abseilen im und am Wasser» und «Verhalten im Schlauchboot».

Bloss organisiert Yves M. die «Kaderübung» nicht für Armee und WK – sondern für seine «Swiss Army Group». Einen Verein von gut 40 Offizieren und Soldaten, die in der Freizeit Militär spielen.

Die Armee weiss allerdings genau, was Yves M. da mit seiner «Tonus 08» durchzieht – sie gibt ihm sogar ganz offiziell ihren Segen.

Und das ist kein Ausnahmefall.

Die Schweiz und ihre Militär-Clubs, -Gruppen und -Grüppchen: Fürs VBS sind sie gelebte Miliz. Für Aussenstehende wirken sie wie Privatarmeen ohne richtige Aufsicht.

Dabei gibt es gar eine Verordnung, welche «die ausserdienstliche Tätigkeit in militärische Gesellschaften und Dachverbänden» regelt. Übungen à la «Tonus» müssen beantragt werden.

Doch ganz offensichtlich hat die Armee Freude an den vielen Freizeit-Soldaten, die auch im Privatleben ständig im WK sind.

Denn allein im Jahr 2006 bewilligte das «Kompetenzzentrum Sport und Prävention» 2550 solche Anlässe. Im Jahr 2007 waren es immer noch 1611 Aktionen – «was einem Total von 63 746 Einsatztagen entspricht, die freiwillig zugunsten der Armee geleistet werden», wie VBS-Sprecher Felix Endrich hinzufügt.

Das ist löblich. Aber was tun die Armeefans an diesen Anlässen?

Gemäss Verordnung wird nur bewilligt, was die «militärischen Grund- und Fachkenntnisse» erweitert, der «Aus- und Weiterbildung» dient, «sicherheits- und militärpolitische Informationen» vermittelt oder die «körperliche Leistungsfähigkeit» fördert.

Kurz: Bewilligt wird, was das «Kompetenzzentrum» sinnvoll findet. Und das kann auf Antrag durch die Armee gefördert werden: finanziell, logistisch, personell. So wie Yves M.s Privatübung an der Kander.

Die deutsche Bundeswehr – auch sie eine Milizarmee – handhabt das anders. «Militärübungen organisiert entweder das Heer», so ein Sprecher der deutschen Armee, «oder dann der Reservistenverband – ein staatlich eingebundener Ableger der Bundeswehr.» Logistische Unterstützung für Privatarmee-Anlässe? Das Tragen der Uniform dabei? «Bei uns ausgeschlossen.»

Kein Wunder ärgern sich die Berner Parlamentarier über die large Bewilligungspraxis hierzulande: «Das VBS hat leider die Neigung, jeden zu unterstützen, der armeefreundlich ist», sagt SP-Nationalrat und Major Werner Marti. «Da braucht es eine klarere Trennung.»

Selbst Peter Malama, FDP-Nationalrat und Oberst, fordert bessere Sicherheitsstandards für die ausserdienstlichen Anlässe. «Doch grundsätzlich begrüsse ich ihre Tätigkeiten. Sie erweitern die Ausbildungsbreite unserer Soldaten.»

Unglückskadi Yves M. hatte wohl kaum die Ausbildungsbreite der Soldaten im Sinn, als er seinen Armee-Puch «Bang-Bus» (US-Slang für «fahrendes Puff») nannte.

Oder als er sich im WK ständig Baller-Filme über Israels Elitetruppe reinzog. Oder als er seine «Swiss Army Group» gegenüber Armeekollegen als seine «Party-Truppe» bezeichnete.

Die Party ist aus. Die Zeche zahlten andere.

Was meinen Sie: Soll die Armee private Anlässe unterstützen? Schreiben Sie uns!

Suche nach dem letzten Vermissten

Im Nieselregen arbeitet sich ein Trupp von 4 Soldaten im Kanderdelta flussaufwärts. Sie tragen Schwimmwesten, sind gesichert mit Seilen.

Ein Soldat wagt sich weit hinaus ins schmutziggraue Wasser. Mit einer Sondierstange sucht er den Grund ab. Aufmerksam beobachtet von seinen Kameraden. Sie sondieren seichtere Stellen. Auch am Ufer wird unter Geröll und Geschiebe, hinter grossen Steinbrocken und angeschwemmten Wurzelstöcken gestochert.

Die Kander kommt nicht mehr so hoch wie letzten Donnerstag, als die 10 Soldaten mit ihren Schlauchbooten kenterten. Die über 100 Wehrmänner und zivilen Spezialisten, die im Kanderdelta und in der Schlucht im Einsatz sind, suchen nach dem letzten vermissten Opfer, Marc B. (25) aus Dottikon AG. Der Einsatz der Unterwasserkamera ging gestern zu Ende. Ab heute wird wieder mit Sonar gesucht. 

Von Hannes Heldstab

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