Politiker, her mit den EM-Tickets!

  • Publiziert: 23.04.2008, Aktualisiert: 03.01.2012

Echte Fans ärgern sich da grün und blau. Politiker können an die Euro – weil die Uefa ihnen Tickets nachschmeisst. Was sagen Sie dazu? Schreiben Sie uns.

Was für ein Krampf, um an Euro-Tickets zu kommen. Erstens: Sich auf Internet bewerben – mit Millionen Mitbewerbern. Warten. Verlieren. Zweitens: Sich noch mal bewerben – mit Hunderttausenden Mitbewerbern. Warten. Verlieren. Drittens: Hoffen auf einen Wettbewerb im Radio oder auf dem Bier-Fläschli. Warten...

Es hätte einen anderen Weg gegeben: Sich einfach ins richtige Parlament wählen lassen.

Mit Volksvertretern meint es die Euro gut. Besser als mit Fans. Austragungsorten (neudeutsch: «Host-Cities») und Bund stellt der Fussballverband Uefa nämlich einige Hundert Tickets zur Verfügung.

«Es sind unsere Partner für die Euro, sie tragen mit uns zum Gelingen des Turniers bei», erklärt Uefa-Sprecherin Pascale Vögeli. «Der grösste Teil sind ja auch Kauf-Tickets, keine Freikarten.»

Bloss: Bei 8,7 Millionen Bewerbungen für 346 500 Tickets im freien Verkauf – da sind garantierte Kauf-Tickets ein Privileg. Von Gratis-Eintritten ganz zu schweigen.

«Wie die Tickets dann verteilt werden, ist Sache der Behörden», fügt Vögeli an. «Darüber entscheiden Städte und Bund selber.» Nun, die Entscheidungsträger haben entschieden – und schenken sich die Tickets gleich selber.

Sich, den Regierungsmitgliedern und Parlamentariern. «Als Anerkennung für die geleistete Arbeit», erklärte der Zürcher Stadtpräsident Elmar Ledergerber, stellvertretend für alle. «Schliesslich haben die Parlamentarier viel Zeit in die Euro-Vorlagen investiert.»

Die Pointe kommt aber noch: Die Politiker nehmen das Geschenk nicht etwa still und dankbar an – sie streiten sich darüber.

Die einen wollen die Tickets unbedingt. Andere finden, sie sollten lieber nicht – und zwar gleich alle zusammen. Und den dritten ist das gestiftete Ticket eigentlich egal.

Angefangen hat das Gezänk in Basel-Stadt. Dort kriegt der Grosse Rat (130 Köpfe) 132 Tickets. Aber jetzt entdeckt die SP ihr schlechtes Gewissen: «Wir kaufen die Tickets und geben sie kostenlos an die Bevölkerung weiter», sagt SP-Grossrat Tobit Schäfer. Wie das genau gehen soll, ist aber noch unklar.

Allerdings schimpft gerade der prominenteste Sozi, Grossratspräsident Roland Stark, über diesen «Populismus». Fussball-Fan Stark hatte sich eben erst noch so über die «freudige Botschaft» gefreut, ein Ticket zu kriegen.

Nicht nur die Genossen machen ihm einen Strich durch die Rechnung: «Auch bei uns wollen einige verzichten», sagt SVP-Fraktionspräsident Lorenz Nägelin.

In Zürich geht der Streit ebenfalls quer durch die Fraktionen. Die grüne Kantonsrätin Esther Guyer nervt sich wie der Basler Stark über «Gutmenschen-Anträge», die Tickets zu verteilen. Dabei sei die Nachfrage geringer gewesen als das Angebot. «Es wollten gar nicht so viele Kantonsräte zugreifen, wie es Tickets gab», sagt SVP-Kantonsrat Claudio Zanetti. Er selber war letzten Herbst zum ersten Mal an einem Match und hätte das Ticket gern verschenkt. «Aber das wurde uns untersagt. Jetzt geh ich halt.»

Nochmals anders halten es die Berner. Fürs kantonale und städtische Parlament gabs je 45 Tickets – geschenkt. «Wir haben unseren Fraktionsanteil verlost», erklärt SP-Fraktionschefin Margreth Schär, «und pro Ticket 50 Franken eingezogen und gespendet.» An ein Heim für Sehbehinderte.

Chris Keller, Gründer der Webseite Natifans.ch und an jedem Spiel der Nati dabei, kann nur den Kopf schütteln. «Es ist der Auswuchs einer Euro, an der es viel zu wenig Tickets gibt – jedenfalls für Fans.»

Vorzugs-Tickets für VIPs und Politiker: Was sagen Sie dazu? Schreiben Sie uns!

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