Hauspflegerin Barbara P. «Plötzlich war ich lebensmüde»

Hauspflegerin Barbara P. erzählt, wie sie durch die Krankheit ihre Arbeit verlor.

  • Publiziert: 12.10.2012, Aktualisiert: 13.10.2012
  • Von Nadine Chaignat

Die Kindergärtler haben gerade Pause und spielen im Park. Barbara P.* (60), geschieden, vier Kinder und vier Enkelkinder, sitzt auf ihrer Terrasse oberhalb des Kindergartens, umgeben von Blumen in Töpfen. «Wenn ich hier bin, meine Blumen habe, mein Haus, meine Freunde, bei denen ich mich wohl fühle, dann ist es okay», sagt sie, «Aber es braucht wenig, bis es wieder kippt.»

Barbara P. ist Hauswartin im Kindergarten. Zudem arbeitete die diplomierte Hauspflegerin mit Fachausbildung Gerontologie zehn Jahre lang 80 Prozent in einer Seniorenresidenz in Winterthur. «Ende 2010 habe ich gemerkt, dass ich am Morgen um 4, 5 Uhr aufstehen muss, damit ich um 7 Uhr am Arbeitsplatz bin» erzählt sie. «Ich kam schlecht in Bewegung, hatte Schmerzen im Körper, eine extreme Müdigkeit, verlor 20 Kilo in einem Jahr. Plötzlich war ich lebensmüde, hatte Suizidgedanken.»

«Ich war mal eine sehr starke Frau»

Trotzdem arbeitet Barbara P. weiter. «Ich merkte, dass etwas nicht stimmt, aber ich habe mich aufgerafft. Ich habe meine Kinder allein erzogen, da muss man sich öppe aufraffen. Ich war mal eine sehr starke Frau.» Jetzt sieht Barbara P. zerbrechlich aus, erzählt mit leiser Stimme.

Aufraffen, das geht seit ihrem Zusammenbruch Mitte Mai 2011 nicht mehr: «Ich hatte einmal mehr eine schlaflose Nacht, in meinem Kopf hat es nur rotiert. Als ich aufstand, hatte ich das Gefühl, Körper, Geist und Seele seien wie getrennt.»

Sie wird krankgeschrieben, doch einen Monat später will sie wieder arbeiten. «Mit einem reduzierten Pensum. Ich hatte gros­se Angst, dass ich die Stelle sonst verlieren würde.»

Die Angst ist nicht unbegründet. Nach zwei Unfällen im Betrieb erhielt Barbara P. einen Brief vom Arbeitgeber, in dem stand, «ich hätte sie 33 625 Franken gekostet, darüber müsse ich mir im Klaren sein». Ein Schock: «Ich war in meinem Leben noch nie jemandem etwas schuldig. Das war ganz heftig.»

«Sie waren überhaupt nicht verständnisvoll»

Sie fühlt sich gemobbt, steht unter Dauerstrom. Ihr Arzt schickt sie in eine Burnout-­Klinik. «Von der Seniorenresidenz hat sich niemand gemeldet, keine Blumen, keine Karte, nichts.» Es folgen Gespräche mit dem Arbeitgeber. «Sie waren überhaupt nicht verständnisvoll.»

Nach ihrem Klinikaufenthalt im Herbst startet Barbara P. einen erneuten Arbeitsversuch. Drei bis vier Stunden arbeitet sie an zwei Tagen pro Woche. Mehr liegt nicht drin. «Mitte Dezember ging es mir besser, ich fühlte mich etwas ruhiger.» Im Januar 2012 wird ihr gekündigt. «Wegen meiner Krankheit», weiss sie, «weil sie nicht glaubten, dass ich wieder voll leistungsfähig werde.»

Seit dem Burnout ist Barbara P. nicht mehr dieselbe Person. «Meine Freundin sagte, ich hätte dauernd den traurigen Blick. Früher habe ich so viel angezettelt, heute kommt nichts mehr», sagt sie. «Wenn man das nicht selbst erlebt hat, kann man das nicht nachvollziehen. Lieber einen Beinbruch als ein Burnout. Das heilt schneller.»

Barbara P. möchte wieder arbeiten. Doch ihre Bewerbungen kommen zurück mit dem Vermerk «überqualifiziert» oder «zu alt». Fürs IV-Wiedereingliederungsprogramm ist sie zu alt, beim RAV liegt ihr Dossier pendent. «Ich brauche eine Stelle, wo ich drei, vier Stunden arbeiten könnte und das dann langsam steigern.»

«Man hat ein schlechtes Gewissen»

Barbara P. hofft, dass ihre Offenheit anderen hilft. «Ich wünschte mir, dass Arbeitgeber geschulter sind und ihr Personal besser wahrnehmen», sagt sie. «Das ist auch eine Kostenfrage, ich kostete enorm viel Geld. Man hat ein schlechtes Gewissen, der Versicherung gegenüber, dem Umfeld gegenüber, dass ich Schwierigkeiten mache.»

Die Pause der Kindergärtler ist vorbei. Nur der Strassenlärm stört die Ruhe auf der Terrasse. «Es ist wie eine Batterie, die sich entladen hat und in der Nacht wieder auflädt. Bei mir lädt sich die Batterie nie mehr ganz und ist sehr schnell leer. Aber ich kämpfe darum, ich will wieder arbeiten.»

*Name der Redaktion bekannt.

Beliebteste Kommentare

  • Isabella  Rickenbacher
    Ich habe dasselbe vor 3 Jahren mit 55 J. erlebt. Dank meines Hausarztes und Depressionsmedikament konnte ich mich nach 1/2 Jahr wieder auffangen. Allerdings habe auch ich die Arbeitsstelle verloren. Unzählige Bewerbungen sind mit dem Wortlaut "überqualifiziert" und "leider nicht zum jungen Büro-Team passend" zurückgekommen. Einige Tage alleine auf dem Jakobsweg haben mir enorm viel geholfen. Ich wurde mir bewusst, dass ich nicht mehr im selben Tempo weitermachen kann, jedoch etwas unternehmen muss um nicht zum Sozialfall zu werden. Dank meinem ersten erlernten Beruf Damenschneiderin setzte ich alles auf eine Karte und machte mich nochmals selbständig. In der Zwischenzeit gründete ich eine Firma und darf sagen, dass ich sehr zufrieden bin und dankbar dafür, dass ich mich selber erhalten kann. Ich arbeite viele Stunden am Tag; nehme mir jedoch auch die Zeit um mal 1 Std. in die Natur zu gehen oder mit Kunden einen Kaffé zu trinken.
    Liebe Barbara geben Sie sich die notwendige Zeit und Erholung und setzen Sie sich nicht unter Druck. Für den weiteren Lebensweg wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen alles Gute.
  • maria  mauro , luzern
    Ich bin 34 Jahre alt und habe genau das selbe erlebt das ist jetzt gut 2 Jahre her und auch ich habe meine Stelle trotz Kampf verloren auch ich habe schwierigkeiten eine neue Stelle zu finden. Ich finde es traurig zu sehen wie verständnislos die Arbeitgeber sind. Ich wünsche Ihnen sehr viel Kraft für die Zukunft.

Alle Kommentare (13)

  • Sämi  Stirnemann , via Facebook
    ich kann der Frau nachfühlen,ich selbst leide unter Depressionsanfällen - muss Medikamente einnehmen - man verliert
    den Antrieb -ich kann nur sagen, es ist grauenhaft -dazu kommt, das man mir äusserlich nichts ansieht - für die übrigen Menschen ist man gesund - ich weiss was die Frau durchmacht

    • 14.10.2012
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  • jürg  frey , teufen
    Wer ein Burn-Out oder Nervenzusammenbruch hat und in Behandlung muss hat eine gewaltige Lücke im Lebenslauf. Auch wenn man sich wieder auffängt, sind die Arbeitgeber meistens verunsichert, weil sie oft von einer Rückfälligkeit in Stresssituationen ausgegen. Das Risiko ist zu hoch. Mir auch geschehen. Problem der Stellensuche ist bekannt. Habe aber eine TZ-Stelle gefunden und einen Boss, der Rücksicht nimmt, wenn ich bemerke, dass es zuviel wird. Das ist lobenswert. Viel Glück allen Betroffenen, die in gleicher Situation sind. Man kriegt viel zu hören, fauler Siech, Scheinkranker, aber fragst Du die Motzer, hast mir Arbeit, dann ist meist Funkstille. Sie wissen nicht was sie reden. Ein Beinbruch ist wirklich leichter zu verkraften!
    • 13.10.2012
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  • Hans  Komisch
    Wie oft hab ich mir im Leben gewünscht, am Morgen nicht mehr aufwachen zu müssen wegen Mobbing, ob privat oder im Geschäft. Vor 11 Jahren wurd ich IV-Rentner, jetzt krieg ich AHV. Ich hab alles runtergeschluckt, es musste irgendwie gehen. Jammern bringt nichts, auch wenn man sich am liebsten die Kugel geben würde. Irgendwie gehts immer weiter, man muss nur wollen.
    • Jonas  Bähler , Gümligen
      "man muss nur wollen"? Sehr fahrlässig dahergesagt. Wenn die Kraft dazu fehlt... !! Beim Burn-Out geht eben gar nix mehr.
      • 14.10.2012
      • als Kommentar auf Hans  Komisch
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  • Sandy  Christen , Emmenbrücke , via Facebook
    Ich habe vor einer Weile, nicht gleich in Burnout, aber einen Nervenzusammenbruch erlitten. Ich wurde vor einer Weile von einer guten Arbeitsumgebung in eine andere, für mich schlechtere Umgebung verschoben Filialwechsel Ich hatte immer wieder Betont, das für mich das so nicht stimme... Aber man nahm mich nicht ernst. Ich bekam Probleme mit meinem Magen, kotzte mich jeden morgen aus bevor ich arbeiten ging und irgendwann wurde ich ständig von Schwindelanfällen geplagt. Bis irgendwenn noch während der Arbeit nach Hause ging. Danach hatte ich nur noch heulkrämpfe und überhaupt keinen Bock mehr auf irgendetwas. Alles war mir egal und ich lag den ganzen Tag nur rum. Hatte keine Motivation mehr für irgendetwas. Ich hatte das Glück das mir danach eine Firmeninternelösung geboten wurde und ich wieder in eine Filiale arbeiten gehen durfte, wo es mir nun gefällt. Das hat mich sehr aus meiner Misere "gelüpft". Ich empfand das schon als recht krass und ich will mir gar nicht vorstellen wie sich ein richtiges Burnout anfühlt.......
    • 13.10.2012
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  • corinne  müller , zürich
    Das erlebte ich leider schon mit 19Jahren und zu dem kam noch eine Autoimmunkrankheit dazu. 10Jahre später, es geht beßer aber bin nicht mehr belastbar.
    • 13.10.2012
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