Hauspflegerin Barbara P. erzählt, wie sie durch die Krankheit ihre Arbeit verlor.
Die Kindergärtler haben gerade Pause und spielen im Park. Barbara P.* (60), geschieden, vier Kinder und vier Enkelkinder, sitzt auf ihrer Terrasse oberhalb des Kindergartens, umgeben von Blumen in Töpfen. «Wenn ich hier bin, meine Blumen habe, mein Haus, meine Freunde, bei denen ich mich wohl fühle, dann ist es okay», sagt sie, «Aber es braucht wenig, bis es wieder kippt.»
Barbara P. ist Hauswartin im Kindergarten. Zudem arbeitete die diplomierte Hauspflegerin mit Fachausbildung Gerontologie zehn Jahre lang 80 Prozent in einer Seniorenresidenz in Winterthur. «Ende 2010 habe ich gemerkt, dass ich am Morgen um 4, 5 Uhr aufstehen muss, damit ich um 7 Uhr am Arbeitsplatz bin» erzählt sie. «Ich kam schlecht in Bewegung, hatte Schmerzen im Körper, eine extreme Müdigkeit, verlor 20 Kilo in einem Jahr. Plötzlich war ich lebensmüde, hatte Suizidgedanken.»
Trotzdem arbeitet Barbara P. weiter. «Ich merkte, dass etwas nicht stimmt, aber ich habe mich aufgerafft. Ich habe meine Kinder allein erzogen, da muss man sich öppe aufraffen. Ich war mal eine sehr starke Frau.» Jetzt sieht Barbara P. zerbrechlich aus, erzählt mit leiser Stimme.
Aufraffen, das geht seit ihrem Zusammenbruch Mitte Mai 2011 nicht mehr: «Ich hatte einmal mehr eine schlaflose Nacht, in meinem Kopf hat es nur rotiert. Als ich aufstand, hatte ich das Gefühl, Körper, Geist und Seele seien wie getrennt.»
Sie wird krankgeschrieben, doch einen Monat später will sie wieder arbeiten. «Mit einem reduzierten Pensum. Ich hatte grosse Angst, dass ich die Stelle sonst verlieren würde.»
Die Angst ist nicht unbegründet. Nach zwei Unfällen im Betrieb erhielt Barbara P. einen Brief vom Arbeitgeber, in dem stand, «ich hätte sie 33 625 Franken gekostet, darüber müsse ich mir im Klaren sein». Ein Schock: «Ich war in meinem Leben noch nie jemandem etwas schuldig. Das war ganz heftig.»
Sie fühlt sich gemobbt, steht unter Dauerstrom. Ihr Arzt schickt sie in eine Burnout-Klinik. «Von der Seniorenresidenz hat sich niemand gemeldet, keine Blumen, keine Karte, nichts.» Es folgen Gespräche mit dem Arbeitgeber. «Sie waren überhaupt nicht verständnisvoll.»
Nach ihrem Klinikaufenthalt im Herbst startet Barbara P. einen erneuten Arbeitsversuch. Drei bis vier Stunden arbeitet sie an zwei Tagen pro Woche. Mehr liegt nicht drin. «Mitte Dezember ging es mir besser, ich fühlte mich etwas ruhiger.» Im Januar 2012 wird ihr gekündigt. «Wegen meiner Krankheit», weiss sie, «weil sie nicht glaubten, dass ich wieder voll leistungsfähig werde.»
Seit dem Burnout ist Barbara P. nicht mehr dieselbe Person. «Meine Freundin sagte, ich hätte dauernd den traurigen Blick. Früher habe ich so viel angezettelt, heute kommt nichts mehr», sagt sie. «Wenn man das nicht selbst erlebt hat, kann man das nicht nachvollziehen. Lieber einen Beinbruch als ein Burnout. Das heilt schneller.»
Barbara P. möchte wieder arbeiten. Doch ihre Bewerbungen kommen zurück mit dem Vermerk «überqualifiziert» oder «zu alt». Fürs IV-Wiedereingliederungsprogramm ist sie zu alt, beim RAV liegt ihr Dossier pendent. «Ich brauche eine Stelle, wo ich drei, vier Stunden arbeiten könnte und das dann langsam steigern.»
Barbara P. hofft, dass ihre Offenheit anderen hilft. «Ich wünschte mir, dass Arbeitgeber geschulter sind und ihr Personal besser wahrnehmen», sagt sie. «Das ist auch eine Kostenfrage, ich kostete enorm viel Geld. Man hat ein schlechtes Gewissen, der Versicherung gegenüber, dem Umfeld gegenüber, dass ich Schwierigkeiten mache.»
Die Pause der Kindergärtler ist vorbei. Nur der Strassenlärm stört die Ruhe auf der Terrasse. «Es ist wie eine Batterie, die sich entladen hat und in der Nacht wieder auflädt. Bei mir lädt sich die Batterie nie mehr ganz und ist sehr schnell leer. Aber ich kämpfe darum, ich will wieder arbeiten.»
*Name der Redaktion bekannt.
Beliebteste Kommentare
Alle Kommentare (13)