
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar abzugeben.
Wenn Sie ein Konto bei Facebook haben, können Sie sich damit anmelden.
Die Polizeimeldung stellte routiniert fest: «Eine 40-jährige Automobilistin ist am Montagmittag, 5. September 2011, auf der Autobahn A13 mit einem Signalisationsfahrzeug kollidiert. Ein Atemlufttest zeigte einen Wert von über zwei Promille an.» Viele Leser rieben sich die Augen, schüttelten den Kopf, fragten sich, wie man am helllichten Tag so betrunken sein kann – und blätterten weiter.
Anita Ch. (40) konnte nicht einfach weiterblättern. Sie war die Frau aus der Meldung. Im SonntagsBlick erzählt sie nun, wie es damals dazu kam. «Dieser Unfall musste einfach passieren. Es ist ein Wunder, dass nichts passiert ist. Heute fühle ich mich wie neugeboren», sagt die vierfache Mutter auf dem Sofa in ihrer 3-Zimmer-Wohnung in Niederuzwil SG. Mit ruhiger Stimme erzählt sie von ihrem Unglück.
Das Unglück trägt einen Namen: Khalil S.* (40). Im Sommer 1992 lernt sie den libanesischen Flüchtling kennen. «Es war nicht die grosse Liebe.» Nach einem Monat ist sie schwanger. «Wir haben uns zusammengerauft. Meine Eltern waren dagegen, ich wollte ihnen etwas beweisen», sagt Anita Ch.
Im Mai 1993 kommt Nadine zur Welt. Doch das Familienglück ist brüchig. Khalil ist krankhaft eifersüchtig. «Ich hatte das Gefühl, eingesperrt zu sein. Das war ich mich nicht gewohnt – ich habe mich gewehrt.» Nach zwei Jahren Kampf keimt Hoffnung. Khalil zeigt sich einsichtig. 1996 erblickt Dounia das Licht der Welt. Die zweite Tochter wird in eine «ruhige Zeit» hineingeboren, in eine fast normale Familie.
Zehn Jahre später beginnen die Streitereien von neuem. Anita arbeitet als Teamleiterin bei Cablecom. Sie finanziert die Familie. Das restliche Geld fliesst in den Libanon. Khalil kauft Land und eine Wohnung in Beirut. In der Schweiz gründet er eine Computerfirma, kämpft mit Startschwierigkeiten.
Die Eifersucht flammt wieder auf. Anita Ch.: «Nach Team-Events in der Firma hatten wir wochenlang Diskussionen. Es war nicht auszuhalten. Khalil war dominant und rechthaberisch. Er schaffte es, dass ich immer das Gefühl hatte, ich trage alle Schuld.» Das Familienleben ist eine Katastrophe. Doch sie lässt sich nichts anmerken. «Meine Eltern wussten nicht, wie schlimm es war. Ich spielte ihnen Familienidylle vor.»
2008 hat sie genug. Mittlerweile ist Jonas (heute 5) dazugestossen. Mit den Kindern zieht sie nach Chehabije im Libanon, das Dorf ihres Mannes. Auf eigenem Land will sie Tiere halten: Ziegen, Hühner, Hunde. Doch sie kommt vom Regen in die Traufe. «Seine Familie versuchte, mich in ihr Herz zu schliessen. Aber es ging nicht. Die Unterschiede waren zu gross. Dass ich Tiere hielt, verstanden sie gar nicht. Das sei etwas für arme Leute.»
Der äussere Schein ist der Familie heilig. Khalil kauft mit ihrem Geld einen Mercedes, verbaut 55 000 Franken aus ihrer Pensionskasse in einer Villa. Die Familie will, dass sie betet, Kopftuch trägt.
Anita Ch. kann jetzt endgültig nicht mehr. Einer der wenigen, an den sie sich in ihrer Verzweiflung wenden kann, ist Yassin (30), den Cousin von Khalil. Sie verlieben sich. Die Affäre fliegt auf. Khalils Familie will sie so schnell wie möglich loswerden. Im Schnellverfahren wird die Ehe nach islamischem Recht geschieden. Khalil erhält alles: das Geld, das Land, die Villa, die Wohnung in Beirut, die Kinder. Anita Ch. bekommt nichts.
Im November ist sie wieder in der Schweiz. Ohne Kinder, ohne Geld, aber – was sie noch nicht weiss – mit einem Kind unter dem Herzen. Es ist von Yassin, der ihr in die Schweiz folgt und sie heiratet.
Von ihren Eltern hagelt es Vorwürfe: «Wieder ein Ausländer? Hast du nichts gelernt? Wie dumm kann man eigentlich sein?» Ihr Vater verschliesst sich ihr, die Mutter unterstützt sie weiter. Vermittelt mit Khalil, der immer noch in der Schweiz lebt. Darf sogar mit den Kindern im Libanon sprechen – Anita darf das nicht. Der Vater lässt jeden Kontakt unterbinden, erzählt den Kindern, ihre Mutter sei eine Schlampe.
Dann erleidet Anita Ch. eine Schwangerschaftsvergiftung. Am 21. März, nach nur sechs Monaten, kommt Anna zur Welt. Das Frühchen wiegt 410 Gramm. «Die Ärzte machten mir keine Hoffnung, dass sie durchkommt. Sollte sie es dennoch schaffen, wüssten sie nicht, welche Schäden sie davontragen werde.» Anna ist noch auf der Kinderstation, als das Schicksal im Juni schon wieder zuschlägt – mit noch grösserer Härte: Ihre Mutter Anna ertrinkt in Italien beim Schwimmen. Anita verliert ihre letzte Bezugsperson. Sie stürzt in ein tiefes Loch.
So viel Schmerz kann sie einfach nicht mehr ertragen. Nur Alkohol sorgt jetzt noch für Linderung. «Nach zwei Schluck ging es mir besser.» Dann kommt der 5. September. «Nach einer weiteren schlaflosen Nacht stand ich auf und trank ein Glas Gin. Dann noch eins. Und noch eins. Ich weiss nicht mehr, wie viele. Ich kann mich nicht erinnern. Ich weiss auch nicht, wohin ich wollte.»
Sie fährt auf der A13 im St. Galler Rheintal, kommt immer näher an den Pannenstreifen. Bei Kriessern SG kracht sie in das Signalisationsfahrzeug. Ihr Auto ist Schrott, sie bleibt unverletzt. Seit diesem Tag ist Anita Ch. in psychologischer Behandlung. «Der Unfall öffnete mir die Augen. Ich akzeptiere nun mein Schicksal. Ich kann zugeben, dass ich nicht perfekt bin. Dass ich Fehler gemacht habe – und dass das keine Schande ist. Jetzt kann ich nach vorn schauen. Ich bin gesund, habe mit Yassin einen guten Mann, eine gesunde Tochter.»
Ihre Kinder hat sie nicht aufgegeben. Eine Anwältin hilft, sie aus dem Libanon zurückzuholen. Vielleicht auch etwas von ihrem Geld. Im Moment hat sie nicht einmal genug, die Anwältin zu bezahlen. Aber Mut, den hat sie: «Ich will jetzt ein Buch schreiben über meine Geschichte. So kann ich vielleicht meine Erlebnisse besser verarbeiten.»