Skandalheim Wiesen «Ich wurde spitalreif geschlagen»

  • Aktualisiert am 03.01.2012
  • Von Roman Neumann

HERISAU – Sebastian Schelbert* (28) macht im Jugendheim Wiesen der Stiftung «Gott hilft» ein Praktikum als Heimarbeiter. Was er dort erlebt, ist die Hölle.

Seine medizinische Akte schockiert: Schädelkontusionen, rezidivierender Schwindel, Atemnot. Das notiert ein Notfallarzt im Spital Herisau über Sebastian Schelbert*. Es ist der 22. Januar 2004 und Sebastian hat sich gerade selbst ins Spital eingeliefert.

Eine Stunde zuvor: Schelbert, Praktikant im Schulheim Wiesen, führt eine Gruppe Kinder zum hauseigenen Skilift. Er hat die Verantwortung für die Gruppe, als 22-Jähriger. Mit in der Gruppe: ein 16-jähriger Bursche. Aggressiv.

Die Kinder sind überfordert


Beim Skilift eskaliert die Situation: Der 16-Jährige schlägt auf Sebastian Schelbert ein, verprügelt ihn vor den Augen der anderen Kinder. Niemand ist da, um zu helfen. «Schläge ins Gesicht, in die Brust, gegen die Beine». Sebastian kann sich nicht wehren, die anderen Kinder stehen nur da. Sie lachen, sind überfordert mit der Situation. Am Schluss schlägt der 16-Jährige sogar mit den Skiern auf Sebastian ein!

Er schleppt sich zurück ins Heim. Er blutet, informiert die Heimleitung. Die tut – nichts! Dann geht Sebastian ins Zimmer. Wird ohnmächtig. Er hat Atemnot, fängt an zu hyperventilieren. «Ich habe gespürt, jetzt brauche ich Hilfe», erzählt Schelbert. Doch er ist auf sich allein gestellt.

Zwei Tage lang bleibt er im Spital. Am 24. Januar wird er entlassen. Zurück im Heim sucht er das Gespräch mit der Heimleitung. «Die rieten mir aber von einer Anzeige gegen den 16-Jährigen ab», sagt Sebastian noch heute empört. Der Leiter begründete das Nichtstun damit, dass der Schläger schliesslich schon im Heim sei. Das sei aus sozialer Sicht bereits die unterste Stufe.

«Heute ist mir klar wieso: Hätte ich gehandelt, wären vielleicht noch andere Missstände aufgeflogen», sagt Sebastian . Jetzt mag er nicht mehr schweigen. Er erzählt vom schlechten Klima im Heim, vom ständigen Druck, der geherrscht habe. «Alle waren überfordert – einige Lehrkräfte schlugen die Kinder sogar.»

Stiftung wiegelt ab

Schläge, sexuelle Handlungen unter Kindern, überforderte Lehrkäfte – das Schulheim Wiesen der Stiftung «Gott hilft» sollte seine Vergangenheit aufarbeiten. Der Stiftungsrat gibt aber bis heute nur «eine handvoll Vorfälle» zu. Es ist wohl nur die Spitze des Eisbergs.

Von Blick.ch mit dem Fall konfrontiert, teilt der Stiftungsrat mit:«Wir können diese Vorfälle leider nicht völlig ausschliessen.» Werde man mit konkreten Vorwürfen konfrontiert, sei es Chefsache, dass sich der Stiftungsleiter diesen Leuten persönlich in Begegnungen stelle.

Sebastian Schelbert bespricht nun sein weiteres Vorgehen mit den Behörden in Appenzell. «Etwas muss geschehen», sagt er.

* Name geändert

Top 3

1 Auf verschneiter Strasse Frontal-Crash – vier Personen verletztbullet
2 Im Casino St. Gallen Thurgauer knackt Jackpot zwei Mal in drei Wochenbullet
3 «Die älteste Katze der Welt» Miez Maz aus Versehen eingeschläfertbullet

Schweiz