«Ich tue nichts Böses»

  • Publiziert: 23.08.2008, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Walter Hauser

Theologe Martin Joos verteidigt seine Neigung und tritt aus der katholischen Kirche aus.

Die Wohnung von Martin Joos (67), katholischer Theologe und früherer Kirchenverwaltungsrat in Murg SG, ist voll von Bildern und Statuen, die Körper von Jünglingen zeigen. Joos steht offen zu seiner Pädophilie – die Liebe zu Knaben – und sieht diese nicht als eine Krankheit an. «Pädophilie ist nichts Böses, solange sie nicht sexuell ausgelebt wird», sagt er. Der Gottesmann behauptet von sich, dass er seine Begierde beherrschen könne. «Es macht mir Freude, den Körper eines schönen Knaben anzuschauen. Analsex hatte ich noch nie.»

Pädophile Übergriffe gehören zu den meistgeächteten Delikten und werden entsprechend hart geahndet. Nach dem geltenden Recht ist bereits das Aufbewahren von kinderpornografischem Material strafbar.

Joos sorgte vor einer Woche für Schlagzeilen, nachdem er auf Druck der Kirchenleitung und des Pfarramts in Murg von seinem Amt zurückgetreten war. Die Polizei beschlagnahmte in seinem Haus unzählige Schriften, Disketten etc. und ermittelt gegen ihn wegen Verdachts auf strafbare Handlungen gegen die sexuelle Integrität.

Emil Hobi (49), Pfarrer in Murg, will zum Fall Joos nicht Stellung nehmen. Er warnt aber davor, das Problem der Pädophilie zu verharmlosen. Grundsätzlich gehörten Liebe und Sex zusammen. Das sei aber eine Sache von Erwachsenen, die frei entscheiden könnten, sagt Hobi. Weil Kinder gegenüber Erwachsenen von vornherein im Nachteil seien, müsse Pädophilie strikt abgelehnt werden.

Aufgeflogen war der Fall, weil Joos auf seiner Internetseite eine pädophile Freundschaft mit einem Jugendlichen im Zeitraum zwischen 1982 bis 1998 geschildert hatte. Laut Joos war dies aber keine sexuelle Beziehung. Es sei mit Daniel, wie er den Knaben nennt, zwar zu Zärtlichkeiten gekommen – aber erst, als Daniel 16 Jahre alt gewesen sei. «Ich habe nichts Verbotenes gemacht, und schon gar nicht könnte ich irgendjemandem ein Leid antun», sagt er.

Joos hatte Daniel, Sohn eines Alkoholikers, in einem Kinderheim in Flims GR kennengelernt. Er habe den damals Zwölfjährigen wie sein eigenes Kind behandelt, sagt Joos, der neben seinem Theologiestudium als Goldschmied tätig war. «In meinem Atelier half er mir bei den Arbeiten, wir balgten uns und verbrachten zusammen Ferien in Paris», schwärmt Joos noch heute. Inzwischen ist Daniel 38-jährig und bekleidet in einer grossen Elektronikfirma einen wichtigen Posten.

Weil die Kirche ihn wegen seiner pädophilen Veranlagung fallen gelassen habe, so Joos, habe er nun die Konsequenz gezogen. In einem Schreiben vom 15. August erklärte der ausgebildete Theologe seinen Austritt aus der katholischen Kirche. «Einer Kirche, die mich nicht akzeptieren kann, wie ich von Gott geschaffen wurde, will ich nicht angehören.» Sabine Rüthemann, Mediensprecherin des Bistums St. Gallen, widerspricht Joos. «Wir haben ihn nicht fallen gelassen, sondern ihm im Gegenteil seelsorgerische Hilfe angeboten.»

Die Bewohner in Murg und frühere Bekannte meiden Joos nach den jüngsten Ereignissen. Einer der wenigen, die noch zu ihm stehen, ist Daniel. Der rufe ihn regelmässig an und frage ihn nach seinem Befinden, sagt Joos. Daniel ist homosexuell und hat vor einem Jahr seinen langjährigen Partner geheiratet. «Sicherlich behaupten jetzt gewisse Leute, Daniel sei meinetwegen schwul geworden.»

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