Ehemaliger Arxhof-Direktor zum Rehetobel-Schützen Roger S. (†33) war eine «tickende Zeitbombe»

NIEDERDORF BL - Radio Energy hat mit dem ehemaligen Direktor des Massnahmenzentrums gesprochen, in dem der Rehetobel-Schütze Roger S. seine Strafe wegen versuchter Tötung absass. Er beschreibt ihn als «tickende Zeitbombe» und «Meister der Täuschung».

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Roger S. (†33) ist der Schütze von Rehetobel AR. zVg

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Renato Rossi war 16 Jahre lang Direktor des Massnahmenzentrums Arxhof in Niederdorf BL und hat mehrere Jahre mit dem Schützen von Rehetobel gearbeitet. Gegenüber «Radio Energy» sprach er exklusiv darüber, wie er den Rehetobel-Schützen Roger S.* (†33) erlebte. Dort sass dieser nach einem früheren Eifersuchtsdrama zwischen 2004 und 2009. Rossi wählt harte Worte für Roger S.: «Er war eine tickende Zeitbombe».

Renato Rossi, Ex-Arxhof-Direktor. play
Renato Rossi, Ex-Arxhof-Direktor. Keystone

Roger S. habe fremdenfeindliche Ansichten gehabt: «Seine Welt war eine kleine Welt, in der Ausländer keinen Platz haben. Er hatte Fantasien von Metzeleien und Schiessereien.» Weiter beschreibt Rossi den Schützen von Rehetobel als sehr anpassungsfähig und manipulativ, als Meister der Täuschung.

 

Er kooperiert – und schlägt zu

In diese Falle seien wohl auch die beiden verwundeten Polizisten getappt. «Das ist typisch, so funktioniert Roger S. Er kooperiert, ist angepasst, das Misstrauen ihm gegenüber wird kleiner. Und plötzlich schlägt er zu.»

Auch Rossi bestätigt, was BLICK schon 2003 schrieb (siehe unten): Roger S. war ein Waffennarr. «Seine Faszination für Waffen hatte etwas suchtähnliches. Man kann fast schon von einer Liebesbeziehung sprechen.»

Massnahmezentrum Arxhof in Niederdorf BL. play
Massnahmezentrum Arxhof in Niederdorf BL. baselland.ch

Dass Roger S. erneut zur Waffe gegriffen hat, überrascht den ehemaligen Arxhof-Direktor nicht. «Bei seinem Austritt haben wir die Behörden informiert und eine genaue Einschätzung über die Risiken abgegeben. Das ist das Risiko, mit welchem wir leben müssen, dass solche Menschen rückfällig werden. Sie sind tickende Bomben in unserer Gesellschaft.»

Bekannt wegen Eifersuchtsdrama

Im Kanton war Roger S. kein Unbekannter. Als 19-Jähriger sorgte er für ein Eifersuchtsdrama, BLICK berichtete damals ausführlich. Noch heute erinnern sich viele im Dorf an den «Osterschützen» von Heiden AR: Er konnte nicht verkraften, dass seine damals 15-jährige Freundin sich von ihm trennte. Roger S. bedrohte sie und ihre Eltern – und erhielt dafür zehn Tage Gefängnis bedingt.

Damit war der Streit aber nicht beendet. Im Gegenteil: Der neue Freund seiner Ex drohte Roger S., ihn und seine Familie «auszulöschen». Der Streit eskalierte in der Nacht auf Ostermontag im Jahr 2003. Es kam zum Treffen zwischen S. und zweier Männer, die als «Beschützer» seiner Ex-Freundin auftraten.

Was S. offenbar nicht wusste: Nicht nur er, auch die «Beschützer» waren bewaffnet. Sie rechneten offenbar mit einer gefährlichen Auseinandersetzung und liehen ein geladenes Sturmgewehr von einem weiteren Kollegen aus.

Ein Zimmer des Massnahmezentrums Arxhof. play
Ein Zimmer des Massnahmezentrums Arxhof. Keystone

Bis heute ist aber nicht geklärt, wer den ersten Schuss abgab. Die Version von S. und seinem Anwalt lautet, dass einer der «Beschützer» ein Sturmgewehr auf ihn richtete. Es sollen auch Schüsse gefallen sein. Klar ist: S. schoss mit seiner Schrotflinte, traf die «Beschützer» und verletzte sie schwer.

Die beiden «Beschützer» waren Brüder, ein vorbeifahrender Velofahrer wurde ebenfalls getroffen.

Roger S. erklärte sein Verhalten mit «ausserordentlich starkem psychischem Druck», Depressionen und Selbstmordgedanken. Er habe seine Gegner nicht töten wollen, sondern «nur verletzen», ihnen «einen Denkzettel verpassen», sagte er vor Gericht.

Polizei nahm ihm die Waffen weg

Die Liebe zu Waffen von Roger S. war gross: Der Schweizer nahm in seinen jungen Jahren immer wieder an Schiesswettkämpfen teil. Sein grösster Erfolg war der Titelgewinn als Jungschützenmeister.

Auch ein Waffenarsenal soll er besessen haben – bis die Polizei gut ein halbes Jahr vor dem Eifersuchtsdrama einschritt und ihm die Waffen wegnahm. «Er hat die Waffen nicht immer mit aller Sorgfalt benutzt», sagte damals ein Sprecher der Kantonspolizei zum BLICK.

«Osterschütze ist ein Wafennarr»: So berichtete BLICK am 24. April 2003 über Roger S. (†33). play
So berichtete BLICK am 24. April 2003.

Noch ist wenig darüber bekannt, was Roger S. nach seiner Freilassung im Jahr 2009 machte. Vor gut zwei Jahren gründete er eine Firma, mit der er ins Renovationsgeschäft einsteigen wollte. Die Firma lief offenbar nicht gut: Kreditprüfungs-Institute sprachen ihr eine schlechte Zahlungsmoral zu. 2017 wollte er mit seinem Unternehmen durchstarten, zwei neue Angestellte hätten diese Woche bei ihm anfangen sollen. 

Roger S. nahm sich gestern Abend jedoch beim Polizeieinsatz das Leben. Kurz vor seinem Tod telefonierte er noch mit seinem Vater. (pma)

* Name der Redaktion bekannt

Publiziert am 04.01.2017 | Aktualisiert am 12.01.2017
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11 Kommentare
  • Steinle  Jeannette 05.01.2017
    Für mich ist dieser Fall absolut unverstäntlich. Da muss ein Schwerverbrecher, nach fünf Jahren Arxhof, als tickende Zeitbombe entlassen werden und acht Jahre später detoniert die Bombe. Die Frage sei erlaubt, hat in dem Fall überhaupt eine Kommunikation zwischen Rossi und den Behörden statt gefunden? Auch wenn Roger S. mit Auflagen entlassen wurde, scheinen alle Massnahmen versagt zu haben. Das einzig positive ist, dass Roger seinem Dasein selber ein Ende gesetzt hat.
  • Caroline  Schmid aus Luzern
    04.01.2017
    An alle Experten, ja klar - immer wenn in solchen risikoreichen Berufen etwas schief läuft, sind Fehler passiert. Ob Polizist, Feuerwehrmann etc., diese Menschen haben meist nicht stundenlang Zeit eine Analyse zu erstellen, müssen meist schnell handeln und man glaube es nicht, es sind Menschen die handeln und in erstaunlich vielen Fällen sogar genau das Richtige tun, weil sie geschult sind... doch Fehler passieren tragischerweise...
  • Corinne  Jörg aus Chur
    04.01.2017
    Interessant was der ehemalige Anstaltsdirektor Rossi alles zu erzählen hat... ich dachte immer, dass solche Leute jedoch einer Schweigepflicht unterliegen? Oder gilt bei einem Totem (ob Amokläufer hin- oder her) diese automatisch nicht mehr, so frei nach Motto, wo kein Kläger mehr ..... da darf man sich bei der Presse mit ehemaligen Berufsgeheimnissen in Szene setzen?
    • Urs   Weiermann 05.01.2017
      Eigentlich dachte ich auch, dass derlei Infos der Schweigepflicht unterliegen, welche längst abgeschafft scheint. Bei genauem hinsehen könnte man sogar zum Schluss kommen - nicht nur im Falle von Roger S. - , dass diese sog. Massnahmezentren FF (fürd Füx) sind. Fazit Massnahme wegen versuchter Tötung, was den Steuerzahler knapp 1 Mio kostete und dann "nach erfolgreicher Therapie" wiederum im haargenau gleichen Delikt endet. Noch fragen.
  • Christian  Duerig , via Facebook 04.01.2017
    Wenn Polizisten eine Person anhalten, dann dürfen sie nie die Kontrolle verlieren. Sie müssen äusserst wachsam sein. Überraschungen darf es nicht geben. Eine lapidare Aussage wie: "Plötzlich hatte die Person eine Pistole in den Händen" deckt auf, dass die Ausbildung zum Polizisten ungenügend ist. Managementkontrolle, Qualitätsüberprüfung und Zertifizierung müssen überarbeitet werden.
    Ich danke für jeden Polizeieinsatz. Ich weiss: Die Polizei ist dein Freund und Helfer.
  • Paul  Schaller aus Salto
    04.01.2017
    Also, gem. dem Fachmann, dem Anstaltsdirektor ist er eine wandelnde Zeitbombe und den Psychologen ist er geheilt und normal und kann auf die Menschheit losgelassen werden. Wie somimmer und keiner hat mit Konsequenzen zu rechnen!