Endlich wird gegen den Aids-Spritzer Anklage erhoben. Doch Maurice G.* (53) sorgt erneut für Ärger – eine junge Frau hat ihn angezeigt.
Es ist eines der unglaublichsten Verbrechen der Schweizer Kriminalgeschichte: In Bern soll ein Musiklehrer und selbst ernannter Heiler seinen Patienten absichtlich das Aids-Virus HIV gespritzt haben. Mindestens 16 Männer und Frauen habe er infiziert. Sieben Jahre ermittelten die Behörden – jetzt wurde Anklage erhoben. Maurice G. muss sich wegen mehrfacher schwerer Körperverletzung und der Verbreitung menschlicher Krankheiten vor Gericht verantworten. Publik gemacht hat den Fall im Juni 2010 der SonntagsBlick.
G. bestreitet sämtliche Vorwürfe. Sein Anwalt erklärt, die Infizierten seien lediglich auf der Suche nach einem Sündenbock.
Nun hat der Heiler zusätzlichen Ärger am Hals. Seine Mieterin Tanja F.** (26) zeigte ihn wegen Körperverletzung an. «Am Freitag vor einer Woche schlug er mir mit der Faust ins Gesicht und spuckte mich an», so die Pflegeassistentin. «Er kam auf mich losgestürmt, als ich die neue Putzfrau vor ihm warnen wollte. Er ist ein absoluter Psychopath.»
Die Berner Kantonspolizei bestätigte den Eingang der Anzeige gegenüber SonntagsBlick.
F. beschuldigt den Musiklehrer auch wegen Belästigung und Drohung. «Es fing alles im Januar an», sagt sie. «Er klingelte an meiner Türe, wollte mich zum Essen einladen. Er jammerte, sagte, Frau und Kind hätten ihn verlassen. Ich lehnte ab.»
Doch Maurice G. liess nicht locker. Immer wieder kam er vorbei. «An meinem Geburtstag wollte er mir ein Geschenk geben. Als ich wiederholt freundlich ablehnte, wurde er böse und sagte: ‹Du hast es nicht anders gewollt›», so die junge Frau. Er habe gedroht, er würde ihr Leben zerstören.
Mehrmals habe sie den Eindruck gehabt, der Vermieter sei in ihrer Wohnung gewesen: «Er wusste zum Beispiel, dass ich die Wohnung kündigen wollte. Das habe ich aber niemandem erzählt. Das geht nur, wenn er die Unterlagen gesehen hat.»
Tanja F. ist erst seit Oktober Mieterin bei Maurice G. «Einmal hat er bei allen Mietern geklingelt und sie gefragt, ob sie die Artikel über ihn und Aids in der Zeitung gelesen haben. Er sagte, dass wir das nicht glauben sollen», erzählt Tanja F.
Die junge Frau ist nach der tätlichen Attacke letzte Woche ausgezogen. «Ich habe grosse Angst vor ihm. Die Polizei hat mir geraten, nicht mehr alleine in die Wohnung zurückzukehren», sagt sie.
Tanja F. hofft, dass das Kapitel für sie erledigt ist. Doch die Opfer, die der Heiler angesteckt haben soll, werden ihr Leben lang leiden müssen: «Ich muss davon ausgehen, dass meine
Lebenserwartung um 20 Jahre vermindert wurde», sagte Thomas K.** (Mitte 40) gestern im BLICK. K. war es, der mit seiner Anzeige 2005 die Untersuchung ins Rollen brachte. Er leidet – wie die meisten Opfer – an einer Doppel-Infektion: Das verseuchte Blut, das der Heiler vermutlich injizierte, enthielt nicht nur das HI-, sondern auch das Hepatitis-C-Virus. Die Krankheit schädigt die Leber, ist nur bedingt heilbar.
Grosses Rätselraten herrscht über G.s Motiv. «Es ist möglich, dass es im Bereich der persönlichen Machtausübung zu suchen ist», sagt Opfer Thomas K. «Vielleicht ist es auch einfach ein Gewaltverbrechen ohne Grund und erkennbares Motiv. Das macht die Sache aber nicht besser, im Gegenteil!»
*Name bekannt; **Namen geändert
Die Staatsanwaltschaft Bern-Mittelland hat die Untersuchung gegen den Musiklehrer und selbst ernannten Heiler Maurice G. nach sieben Jahren abgeschlossen. Mindestens 16 Menschen soll er vorsätzlich mit dem HIV-Virus infiziert haben – knapp die Hälfte bei sonderbaren Akupunktur-Behandlungen. In einigen Fällen habe er seinen Opfern auch ein Getränk verabreicht, das sie vorübergehend bewusstlos machte. Maurice G. bestreitet sämtliche Vorwürfe.
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