Bienensterben – das Rätsel ist gelöst Nervengift tötet Bienen

  • Publiziert: 15.02.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Pirmin Kramer
play Bedrohte Bienen Seit der Zulassung von Clothianidin hat in Europa das grosse Sterben begonnen. (RDB/Reuters)

Ein Pflanzenschutzmittel killt unsere Bienen. Der Hersteller bestreitet dies. In Deutschland und Italien wurde es verboten, nicht aber in der Schweiz.

Vor 2006 lebten in der Schweiz eine Viertelmillion Bienenvölker. Dann trat das grosse Sterben ein. Inzwischen ist ihre Zahl auf 150 000 geschrumpft.

Jetzt gibt es eine Erklärung fürs Bienensterben: Schuld ist Clothianidin. Das Nervengift wird zum Schutz von Pflanzen eingesetzt und wirkt äusserst heimtückisch. Das hat Professor Vincenzo Girolami von der Universität Padua (I) bewiesen.

Mit Clothianidin behandelte Maispflanzen scheiden Wasser aus, worin das Nervengift enthalten ist. Wenn die Bienen dieses «Guttationswasser» trinken, sterben sie innerhalb von fünf Minuten.

Je näher der Stock beim Maisfeld ist, desto grösser die Gefahr für die Insekten: Schaffen es die Tiere nach Hause, verbreiten sie das giftige Wasser im Bienenstock, um dort die Temperatur zu regulieren. Das könnte auch die bisher rätselhaften regionalen Unterschiede des Bienensterbens erklären.

Schweizer Imker sind erleichtert. «Jetzt wissen wir endlich, dass das Nervengift die Bienen sterben lässt», so Jakob Künzle (40), Vizepräsident des Schweizer Wanderimkerverbands.

Dass auch die Varroa-Milbe Bienen töten kann, ist schon länger bekannt. Doch weil die Parasiten seit mehr als 20 Jahren in der Schweiz beheimatet sind, können sie für das massenhafte Bienensterben der letzten Jahre nicht allein verantwortlich sein.

«Das grosse Sterben hat in Europa exakt zu dem Zeitpunkt begonnen, als Clothianidin zugelassen wurde», so Künzle. In der Schweiz ist dies seit 2006 der Fall. Rund fünf bis zehn Prozent des Maissaatguts sind hierzulande mit Clothianidin bearbeitet.

In Frankreich und Kanada wurde das Nervengift schon vor Jahren verboten. Wegen der Studie von Professor Girolami gilt das Verbot neuerdings auch in Italien und Deutschland.

Produziert wird das Pflanzenschutzmittel von der Firma Bayer CropScience. Dort wehrt man sich: «Unsere Untersuchungen zeigen, dass Guttationswasser in Verbindung mit darin enthaltenen Pflanzenschutzmittel-Rückständen keinen Einfluss auf die Gesundheit von Bienenvölkern hat.»

Das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) hat die Insektizide 2006 zugelassen, obwohl damals bereits der Verdacht bestand, dass sie Bienen töten könnten. Die neue Untersuchung aus Italien kennt man beim BLW nicht. «Bevor wir ein Pflanzenschutzmittel zulassen, darf es keine Gefahr für Mensch und Umwelt darstellen», sagt Olivier Félix vom BLW bloss.

Der Verein Schweizer Wanderimker hat das Bundesamt für Landwirtschaft nun aufgefordert, die Verwendung des Insektizids sofort zu untersagen. Falls das nicht geschehen sollte, will Maya Graf (46), Nationalrätin der Grünen, eine Motion einreichen, die das Nervengift verbietet.

So wird Clothianidin verwendet

Das Insektizid wird vor allem in Maispflanzungen eingesetzt: Maissaat erhält eine Clothianidin-Beschichtung, um die Körner vor Frassinsekten zu schützen. Nach der Saat gibt der Keimling das Nervengift an die unmittelbare Umgebung ab.

So werden Schädlinge von der Pflanze ferngehalten. Jetzt hat Professor Vincenzo Girolami von der Universität Padua (I) einen weiteren Vergiftungsweg entdeckt: Bis die Maispflanzen 40 Zentimeter hoch sind, schwitzen sie Wasser aus, sogenannte Guttationstropfen. In diesen ist das Nervengift enthalten. Die Bienen trinken es und sterben innert zwei bis fünf Minuten.

Ein besonderer Fall: Im vergangenen Jahr vergiftete Clothianidin am Oberrhein in Deutschland 12000 Bienenvölker: Weil das Nervengift nicht stark genug an den Maiskörnern haftete, gelangte vergifteter Staub auf blühende Pflanzen. Die Bienen verendeten nach dem Kontakt. Hersteller Bayer CropSience entschädigte die Imker.

Pestizide verursachen Parkinson

Amerikanische Forscher haben herausgefunden: Der Kontakt mit Pestiziden erhöht das Risiko, an Parkinson zu erkranken, um bis zu 70 Prozent. Besonders gefährlich sind Mittel zur Bekämpfung von Insekten. Parkinson ist eine Nervenkrankheit, typische Symptome sind Gleichgewichtsstörungen, Zittern und verlangsamte Bewegungen.

Dr. med. Fabio Baronti, Parkinson-Experte an der Bethesda-Klinik in Tschugg BE: «Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass gewisse Pestizide für die Parkinson-Erkrankung mitverantwortlich sind. Solange nicht bewiesen ist, dass sie unschädlich sind, sollte bei einer allfälligen Zulassung grosse Zurückhaltung geübt werden.»

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