Piloten schlagen Alarm und fordern Untersuchung Nervengift in Swiss-Jets

  • Aktualisiert am 19.01.2012
  • Von Pirmin Kramer
Gefährlich: Atmen Piloten vergiftete Luft ein, ist die Flugsicherheit gefährdet. Das Gift kann die Handlungsfähigkeit einschränken.- Keystone

Ölqualm gelangt über die Triebwerke ins Flugzeug, immer wieder. Piloten bangen um ihre Gesundheit – und um die Sicherheit der Passagiere.

Am Dienstag, 19. April 2005, um 9.15 Uhr meldete sich der Kapitän von Swiss-Flug LX 1103 beim Tower in Zürich-Kloten: «Wir haben Geruch im Cockpit, der Co-Pilot fühlt sich schlecht, wir verlangen Landepriorität.» Kurz darauf setzt der Jumbolino aus München in Zürich auf.

Im März 2006 erscheint der Bericht des Büros für Flugunfalluntersuchungen (BFU): «Das Cockpit füllte sich mit Dunst, der eine toxische Wirkung entfaltete. Dieser Dunst entstand durch ein Ölleck im Triebwerk.» Der Qualm sei über die Klimaanlage ins Cockpit gelangt, der Co-Pilot nur noch «beschränkt handlungsfähig» gewesen, vermeldet der BFU-Report.

Ein «Fume Event» wie damals ist bei allen 77 Flugzeugen der Swiss möglich. «Jeder Jet, der Luft über Triebwerke einsaugt, kann theoretisch betroffen sein», sagt Henning M. Hoffmann (37), Geschäftsführer der Pilotenvereinigung Aeropers. «Wenn Piloten kontaminierte Luft einatmen, ist die Flugsicherheit gefährdet.»

Nach einer Expertise der britischen Regierung ist dies statistisch bei jedem 2000. Flug der Fall. Davon geht auch die deutsche Lufthansa aus. Für Swiss würde dies bei jährlich 134000 Flügen bedeuten: fünf Vorfälle pro Monat.

In den letzten zwei Jahren kam nach und nach ans Licht, dass immer wieder Piloten und Flight Attendants wegen Rückständen von erhitztem Öl schwer erkrankt und arbeitsunfähig geworden sind, so auch der britische Pilot John G. Hoyte (53, siehe Box rechts). Mediziner nennen die Krankheit Aerotoxisches Syndrom.

Recherchen der TV-Sendungen «Kassensturz» (SF) und «Plusminus» (ARD) ergaben auch in einigen Flugzeugen der Swiss eine stark erhöhte Konzentration des Nervengifts TCP. Dieser Stoff ist dem Triebwerksöl aus technischen Gründen beigemischt (siehe Box unten).

«Unsere Piloten sind beunruhigt», so Hoffmann. Jetzt fordern die Pilotenverbände Aeropers, IPG und Kapers eine Untersuchung: «Wir möchten wissen, wie häufig die Luft im Flugzeug vergiftet ist und wie gefährlich das ist.» Am 8. Mai findet ein erstes Treffen mit Swiss statt.

Auch für Passagiere bestehe die Gefahr, vergiftete Luft zu atmen, sagt Hoffmann. Olav Brunner (69), ehemaliger Swissair-Pilot, hat einen solchen Vorfall miterlebt: «Als Passagier schaltete ich während eines Fluges von Zürich nach Genf das Licht oberhalb meines Sitzes ein. Da bemerkte ich Nebel. Untersuchungen zeigten, dass ein Hilfstriebwerk ein Leck hatte.»

Auf Anfrage von SonntagsBlick schreibt Swiss: «Wir haben im Durchschnitt weniger als einen Fall mit sichtbarem Rauch pro Jahr.»

Das Problem betreffe alle Airlines. «Wir nehmen das Thema sehr ernst und installieren freiwillig neue Technologien.» Weiter lässt die Swiss verlauten: Ein «kausaler Zusammenhang» zwischen Öldampf in der Kabine und gesundheitlichen Problemen «konnte bis heute nicht nachgewiesen werden».

Wie das Gift ins Flugzeug gelangt

Cockpits und Passagierkabinen fast aller modernen Linienflugzeuge werden über die Triebwerke mit Luft versorgt.

Diese «Zapfluft» wird verdichtet, erwärmt und durch Rohre ins Innere geleitet. Das Cockpit wird zu 100 Prozent mit Zapfluft versorgt, die Passagierkabine zu 60 Prozent.

Bei Triebwerksschäden kann sie mit Ölqualm kontaminiert werden, der das Nervengift Trikresylphosphat (TCP) enthält.

Chemie-Professor Michael Oehme (60), früher an der Universität Basel: «Wenn man es einatmet, kann dies zu Husten, Atemnot, Koordinationsstörungen und Lähmungen führen. Zum Teil sind die Gesundheitsschäden irreversibel.»

«Ich konnte nicht mehr sprechen»

«Erst kamen die Sehstörungen, dann konnte ich nicht mehr richtig sprechen.» John G. Hoyte (53) war krank, schwer krank. 16 Jahre lang litt er am Aerotoxischen Syndrom. «Auch mein Gedächtnis wurde immer schlechter», so der britische Pilot. Er ist sich sicher, woran es lag. «Oft war ich am Morgen vor dem ersten Start sichtbaren Dämpfen ausgesetzt, jeweils rund fünf Minuten lang», sagt er zu SonntagsBlick. Es ging ihm so schlecht, dass er kein Flugzeug mehr steuern konnte. 2005 gab er den Beruf auf. In seinem Blut fanden Ärzte das Nervengift TCP. Er ist überzeugt: «Vergiftete Triebwerksluft machte mich krank.» Seit er nicht mehr fliegt, geht es Hoyte zusehends besser. 

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