‘Ndrangheta-Jäger Nicola Gratteri (56) ermittelt gegen die Frauenfelder Zelle Vor ihm zittert die Mafia

Der Staatsanwalt im Interview über das Frauenfelder Mafia-Video, zögerliche Politiker und Kriminelle in der Schweiz.

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BLICK: Sie und die Schweizer Kollegen der Bundesanwaltschaft haben die Frauenfelder Zelle aufgedeckt. Hat  Sie überrascht, dass eine Mafia dieser Art in der Schweiz agiert?
Nicola Gratteri*:
Keineswegs. Ich bin schon Anfang der 90er-Jahre nach Neuenburg gereist, um nach einem gesuchten Verbrecher der ’Ndrangheta zu fahnden. Die Mafia gibt es in der Schweiz seit den 70er-Jahren. Mit den armen Gastarbeitern, welche Arbeit suchten, kamen auch die Verbrecher. Sie haben ihre Landsleute mit Schutzgeldforderungen erpresst und unseren Ruf verdorben.

Gibt es ausser dem Locale in Frauenfeld noch weitere ’Ndrangheta-Zellen in der Schweiz?
Es gibt sie in fast allen Sprachregionen. Es sind etwa 20 Zellen. Über Einzelheiten darf ich nicht sprechen.

Zellen wie jene in Frauenfeld?
Diese Zellen sind Klone der kalabrischen Zelle. Drei oder vier Familien bilden sie. Blutsverwandtschaft ist dabei sehr wichtig. Daher gibt es in der ’Ndrangheta auch kaum Pentiti, also Verräter. Die Mitglieder haben nicht immer eine kriminelle Vergangenheit. In der Schweiz führen sie oft kleine Baufirmen oder Restaurants und erhalten finanzielle Unterstützung von der Mutterzelle. Sie werden mit traditionellen Ritualen aufgenommen und schwören Treue. Wenn der Boss ihnen einen Auftrag erteilt, müssen sie diesen erledigen.

Wie kamen Sie der Frauenfelder Zelle auf die Schliche?
Die Operation Crimine brachte uns auf ihre Spur. Wir hatten 2008 die Elite der ’Ndrangheta im Visier. Da gab es Treffen mit Schweizer Mitgliedern. Noch heute kommen Vertreter der ausländischen Zellen in Kalabrien zusammen. Uns sind Zellen aus den Niederlanden, Deutschland, den USA, Kanada und Australien bekannt.

Warum werden diese Zellen nicht zerschlagen?
In vielen EU-Staaten ist die Mitgliedschaft bei einer Mafia-Organisation keine Straftat, also auch kein Grund zur Verhaftung wie bei uns in Italien.

Also fühlen sich die Mafiosi im Ausland sicher?
So ist es. In Italien verurteilte Verbrecher können im Rest Europas ihr Unwesen treiben. Die ’Ndrangheta hat mittlerweile das Monopol auf den Kokainhandel in Europa und beste Beziehungen zu den Drogenkartellen in Kolumbien.

Das Ausland ist selbst von der Mafia bedroht. Warum wird dort nicht ganz anders durchgegriffen?
Als im Jahr 2007 im deutschen Duisburg sechs Mafiamitglieder erschossen wurden, erwartete ich eine Revolution. Doch es passierte nichts. Es sind die Politiker, die wegschauen. Sie wissen von der Bedrohung, wollen aber nicht zugeben, dass es sie gibt und dass sie immer weggeschaut haben.

Klappt die Zusammenarbeit mit der Schweiz?
In den letzten drei, vier Jahren hat sie sich erheblich verbessert. Es besteht eine grosse Offenheit. Das freut mich sehr.

Ihre Behörde hat ein Überwachungsvideo der Bundesanwaltschaft aus dem Thurgau veröffentlicht. Das hat die Schweizer verärgert. Sie fürchten Verdunkelungsgefahr. Warum haben Sie das getan?
Die Ermittlungen gegen die ’Ndrangheta-Mitglieder von Frauenfeld sind abgeschlossen. Die Akten erhalten auch die Anwälte von Betroffenen. Damit sind sie für andere zugänglich. Also konnten wir das Video, Namen und Fotos von Beteiligten veröffentlichen.

Wie könnte die internationale Jagd auf die ’Ndrangheta verbessert werden?
Die Gesetze müssen reformiert werden. Die Zugehörigkeit zur Mafia muss zur Straftat werden. Dann sollte man den Ermittlern mehr Spielraum geben. Wenn eine Straftat vorliegt und der Täter ermittelt ist, sollte es möglich sein, ihn weiter zu observieren, damit man an die Hintermänner kommt. So machen wir es in Italien. In vielen Ländern geht das nicht. Da muss sofort verhaftet werden. Wir in Italien wollen das Huhn und nicht das Ei.

* Nicola Gratteri (56) ist ein bekannter italienischer Mafia-Jäger und Buchautor. Er ist Staatsanwalt in Reggio Calabria (I) und bekämpft die ’Ndrangheta. Er lebt seit 1989 mit Personenschutz. Am Tag des Interviews mit BLICK begleiteten ihn drei Bodyguards.

Publiziert am 30.08.2014 | Aktualisiert am 30.08.2014
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So lief die Verhaftung von 20 Mafiosi

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9 Kommentare
  • Dani  Laroche aus Zürich
    30.08.2014
    Die Grossen lässt man laufen, die Kleinen hängt man. Das ist auch bei der Mafia so. Bei den jetzt Verhafteten handelt es sich doch um unbedeutende Nummern, jederzeit austauschbar. Diejenigen welche an den Stricken ziehen, die sind nicht zu packen.
  • Daniel  Weilenmann aus Zürich
    30.08.2014
    Dieser Mafia-Jäger, ist das nicht der der dann plötzlich einen "Unfall" haben wird..... Oder, .... die Mafia wird es immer geben!
    • Jo  Etter , via Facebook 30.08.2014
      In etwa dieser Richtung hab ich auch sofort gedacht. Ob da Bodyguards ausreichend sind? Hoffe dieser Staatsanwalt hat auch einen guten Schutzengel oder gar mehrere........ Foto wurde ja in einer weitverbreiteten Zeitung veröffentlicht
  • Felix  Harig aus Basel
    30.08.2014
    Personen wie Nicola Gratteri zolle ich grossen Respekt.
    Es ist gut zu wissen dass es noch Menschen gibt, die versuchen, kriminelle Organisationen zu bekämpfen. Dies braucht viel Mut und Entschlossenheit. Bleibt zu hoffen dass sich andere ein Beispiel daran nehmen. Um so eine grössere Schlagkraft gegen Kriminalität auf allen Ebenen zu erreichen.
    • Nino  Bambino , via Facebook 30.08.2014
      Grossen Respekt hat er auch von mir. Aber ist es das wirklich Wert, Tag ein Tag aus 30 j. immer mit Bodyguards unterwegs. Sei es als Privatperson oder wärend der Arbeit. Man schaue in den 90er Jahren die Zwei Richter Falcone und Borselino.....
    • alexa  sommer aus frauenfeld
      30.08.2014
      Schön ja. Hätten unsere Politiker nicht dem ganzen Gesindel die Grenzen geöffnet, wäre das Problem sehr klein.
    • Nino  Bambino , via Facebook 30.08.2014
      Alexa Sommer, das wo Sie gesindel nennen, haben die halbe Schweiz gebaut!!!! Sei es Häuser/Strassen SBB Geleise! Sie verwechseln da was mit den kriminellen die heutzutage rein gelassen werden.
    • Manuel  Ríos , via Facebook 30.08.2014
      Alexa Sommer...Bitte nicht kommentieren wenn man keine Ahnung haben. Das ist nicht das "Gesindel" welches sie meinen. Diese Menschen haben Jobs, bezahlen Steuern und sind an ihren Wohnorten sogar noch beliebt und super integriert. Die Mafia ist nicht mit den Kleinkriminellen zu vergleichen. Ich sage nicht, dass es gute Menschen sind. Aber das ist eine ganz andere Liga. Die Mafia wird nie aussterben. Wird jemand verhatet stehen hunderte wenn nicht tausende bereit.
    • süleyman  kovanci 30.08.2014
      Mitbürger als gesindel zu betitteln fr. sommer ist unfair und zu kurz gedacht.