Teil 2: Jetzt reden die Deutschen «Natürlich haben Schweizer Vorurteile ...»

  • Aktualisiert am 14.01.2012

ZÜRICH – Die Deutschen sind da! Und jetzt haben sie das Wort. Im zweiten Teil der BLICK-Serie erzählen Deutsche, was ihnen gefällt in der Schweiz – und was sie stört.

«Die Schweiz hat es mir angetan. Als ich vor einem Jahr in Zürich war, wusste ich: Hier gehöre ich hin. Ich mag die Schweizer Mentalität. Die Leute strahlen so viel Ruhe und Gelassenheit aus. Und sie sind offen. Das kennt man in Deutschland gar nicht mehr. Im Moment suche ich Arbeit in der Schweiz und entdecke das Land. Überall werde ich mit offenen Armen empfangen. In zwei Wochen habe ich vier Mal Käsefondue gegessen. Immer anders. Nur mit dem Schwiizertüütsch habe ich noch Probleme. Aber ich möchte es unbedingt lernen.»

«Ich bin hier oben sehr gut aufgenommen worden. Aber was in der letzten Zeit passiert, macht mir Sorgen. In den Medien wird viel Negatives über die Deutschen in der Schweiz berichtet. Im Alltag merke ich noch nicht, dass ich angefeindet werde. Aber es besteht die Gefahr, dass irgendwann negative Reaktionen kommen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man hier nicht den Deutschen rauskehren sollte. Die Schweizer sind gemütlicher als wir. Und als Gäste in ihrem Land müssen wir uns anpassen. Allerdings nicht bei der Sprache: Obwohl ich schon lange hier lebe, spreche ich kein Schwiizertüütsch. Bei mir klingt es einfach zu komisch.»

«In der Schweiz gibt es immer wieder Personen, die sich sehr über uns Deutsche ärgern. Ich merke das beim Autofahren oder Einkaufen. Die Leute lassen mich warten oder wenden sich offen von mir ab. Ausserdem höre ich oft Ausdrücke wie ‹Nazikopf›. Diesen Leuten fehlt das offene Denken. Ausserdem arbeiten doch auch in Deutschland viele Schweizer. Meist dicke Bosse mit einem Wahnsinns-Gehalt. Darauf sind wir auch nicht neidisch! Meine persönliche Meinung zu den Schweizern ist trotz allem sehr positiv. Ich habe mehr wirkliche Freunde in der Schweiz als in Deutschland. Und auch politisch gesehen empfinde ich mehr Solidarität für die Schweiz: weil ich hier aufgenommen wurde und hier arbeiten darf.»

Umfrage: Katia Murmann

Karin Moor-Kästner (59), Angestellte aus Dresden , lebt seit sechs Jahren in Gstaad BE.

«Als ich das erste Mal in die Schweiz gekommen bin, wusste ich sofort: Hier möchte ich bleiben. Schnell habe ich Arbeit gefunden, erst in einem Bergrestaurant, dann in einem Café. Und trotzdem war es schwer für mich, im Saanenland Fuss zu fassen. Nicht weil ich Deutsche bin, sondern weil man als Fremde nur schwer Kontakt zu den Einheimischen bekommt. Wenn man sich aber gut anpasst und sich sehr einsetzt, kann man sich integrieren. Ich bin froh, dass ich heute in der Schweiz leben darf – es ist hier um Welten besser als in Deutschland. Allen Schweizern kann ich nur sagen, dass sie stolz und glücklich sein können, Schweizer zu sein.»

Ricardo Kern (35), Gipser aus Berlin, lebt seit 21/2 Jahren in Safnern BE.

«Ich arbeite auf dem Bau. Da erlebe ich schon, dass Schweizer Angst haben, wir Deutschen würden für weniger Geld arbeiten und ihnen die Jobs wegnehmen. Auf den Toiletten stehen Sprüche wie ‹Deutsche raus›. Aber das nehme ich nicht persönlich. Direkt angefeindet wurde ich noch nie – das entspricht wohl auch nicht der Schweizer Mentalität. Dass ich in die Schweiz gegangen bin, war für mich der beste Schritt meines Lebens. Wer hier arbeiten will, kann arbeiten. Und am Monatsende bleibt – anders als in Deutschland – auch noch etwas vom Gehalt übrig.»

Benjamin Sommer (35), Apotheker aus Hamburg, lebt seit vier Jahren in Solothurn.

«Viele Deutsche denken, dass die Schweiz so eine Art kleines Deutschland ist. Aber das ist sie nicht. Sie ist ein eigenes Land mit einer eigenen Kultur. Dieser Kultur müssen wir uns anpassen, wenn wir hierher kommen. Dann haben wir keine Probleme. Ich selbst hatte noch nie das Gefühl, dass ich nicht willkommen bin. Ich lebe gerne in der Schweiz. Hier lohnt es sich zu arbeiten. Das ist in Deutschland anders. Natürlich haben die Schweizer Vorurteile gegenüber uns Deutschen. Aber die haben wir umgekehrt ja auch. Ich finde, beide Seiten sollten die Dinge einfach ein bisschen entspannter und differenzierter sehen.»

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