Nach Millionenschäden verstärkt die Unfallversicherung jetzt die Überwachung Kriminelle Banden zocken Suva ab

Die Suva ist Opfer von organisierten Versicherungsbetrügern. Mit fiktiven Unfällen zocken sie Taggelder ab. Jetzt reagiert die Unfallversicherung und baut die Überwachung massiv aus.

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Der Gipser Zait K.* (45) gründete in Zürich ein kleines Geschäftsimperium: Drei Baufirmen und ein Reinigungsunternehmen entstanden unter seiner Regie. Heute sind alle Konkurs.

Arbeit für seine Mitarbeiter hatte er genug. Doch sein eigentliches Geschäftsmodell war der Versicherungsbetrug: Über Jahre hinweg meldete er der Suva Unfälle, die gar keine waren. So betrog er die Unfallversicherung um über 140 000 Franken. Die Mitarbeiter waren eingeweiht und machten mit, viele waren Verwandte des Unternehmers.

Zum Beispiel Ferit K.*, der im Mai 2007 «verunfallte», dann wieder im Juni 2008, im Oktober 2008 und im März 2009. Stets meldete der Firmenchef die Unfälle und kassierte Taggeld – sein Angestellter arbeitete munter weiter: auf Baustellen und im Reinigungsbetrieb. Dasselbe Spiel trieb Zait K. mit fünf weiteren Mitarbeitern, die er ebenfalls weiter malochen liess, während er von der Suva Geld kassierte.

Im letzten November wurde Zait K. vom Zürcher Bezirksgericht wegen gewerbsmässigen Betrugs zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Er hatte nicht nur die Suva systematisch hinters Licht geführt, sondern auch andere Versicherungen.

Zait K. ist kein Einzelfall

Die Akte K. ist kein Einzelfall, wie die Suva bestätigt. Jährliche Schäden in Millionenhöhe sind die Folge. Die Betrüger gründen Firmen, häufig Familienbetriebe, melden fiktive Unfälle und kassieren die Unfalltaggelder. Häufig erfinden sie sogar Mitarbeiter, um Leistungen zu erschleichen.

Werden die Abzocker erwischt, gründen sie bald neue Firmen – das Spiel beginnt von vorne. Dabei wechseln sie gern den Kanton, um Spuren zu verwischen. Die Suva darf niemanden ablehnen. Sie ist verpflichtet, die Firmen gegen Unfall zu versichern.

Lisa Estermann (55) leitet die Suva-eigene Koordinationsstelle gegen Versicherungsmissbrauch, die seit sechs Jahren operativ ist. Fünf Spezialisten bearbeiten Verdachtsfälle: 2012 waren es 292, im darauffolgenden Jahr schon 315. In etwa 40 Prozent der Fälle stellen die Spe­zialisten Missbrauch fest. Die Deliktsumme beim Versicherungsbetrug schwankt zwischen 12 und 15 Millionen Franken pro Jahr – wie viel davon organisierte Versicherungsbetrüger wie Zait K. verursachen, lässt sich nicht genau abgrenzen.

Suva baut Koordinationsstelle gegen Missbrauch aus

Weil die Koordinationsstelle davon ausgeht, dass es noch viele unentdeckte Fälle gibt, rüstet die Suva derzeit auf. Sie stellt sechs zusätzliche Spezialisten ein und hat zudem ein neuartiges Monitoring aufgebaut, um betrügerische Firmenstrukturen zu entlarven. «Bis anhin hatten wir fast keine Möglichkeiten, solche zu erkennen. Das sind Profis», gibt Estermann unumwunden zu.

Die Suva-Spezialisten analysieren Handelsregister-Daten von verdächtigen Firmen und vergleichen sie mit Mustern, die sie von Missbrauchsfällen kennen. Besonders aufmerksam beobachten sie Inhaber, die Firmennetzwerke mit einem hohen Konkursrisiko leiten.

Solche Konstrukte seien es, die oft hohe Kosten verursachen, sagt Estermann: «Sie erschleichen nicht nur Leistungen, sondern zahlen auch keine Prämien.»

Prämienverluste in der Höhe von 40 Millionen Franken

Tatsächlich verursachen allein die organisierten Betrüger jedes Jahr einen zusätzlichen Prämienverlust von rund 40 Millionen Franken: Da sie oft in Konkurs gehen, kann die Suva die ausstehenden Prämien nicht mehr eintreiben.

Sie sei immer wieder erstaunt, wie viel Energie die Abzocker aufwenden, um die Suva zu überlisten, sagt Estermann: «Es gibt Tote, die quicklebendig umherlaufen, Kinder, die erfunden sind – und ganze Belegschaften, die nur auf dem Papier existieren.»

Fall 1

Ein 46-jähriger Bauunternehmer aus dem Raum Zürich betrieb eine grosse Schein-Mannschaft – er bezahlte Chauffeuren, Maurern und Eisenlegern fein säuberlich Löhne. Die arbeiteten aber nichts – und lieferten dem Chef die Hälfte der Löhne in bar wieder ab. Dafür durfte dieser im Namen seiner «Mitarbeiter» regelmässig Bagatellunfälle melden. Bis zu seinem Auffliegen ergaunerte er mit diesem System von der Suva 400 000 Franken.

Fall 2

Ein Ehepaar im Kanton Bern lebte jahrelang von nichts anderem als erschlichenen Kranken- und Unfalltaggeldern – ein ebenso einträgliches wie illegales Erwerbssmodell. Die beiden Geschäftsführer zahlten sich auf dem Papier je 7500 Franken Lohn. Er war ständig krank – so gabs Krankentaggeld. Sie verunfallte regelmässig – dann gabs Unfalltaggeld. Nach einer gewissen Zeit wechselten die beiden die Rollen: Dann war sie «krank», er erlitt die «Unfälle». Immer schön so, dass die betroffenen Versicherungen keinen Verdacht schöpften. Dann aber wurde ein Sachbearbeiter bei der Suva doch stutzig. Er ordnete eine Revi­sion an und sah in der laut Estermann «wunderbar geführten Buchhaltung», dass beide nichts anderes taten, als Taggelder zu kassieren.

Fall 3

Ein weiterer Klassiker sind «Freundschaftsdienste»: Estermann erzählt die Geschichte eines Bauarbeiters, der angeblich am 17. Januar letzten Jahres in den Ferien im Kosovo tödlich verunfallte. Das Arbeitsverhältnis mit einem Schweizer Betrieb hatte laut Unterlagen am 1. Januar begonnen. Die Suva fand heraus, dass der Bauarbeiter einen Grossauftrag im Kosovo hatte und nicht etwa in den Ferien, sondern bei der Arbeit tödlich verunglückte. Der Mann war dort aber nicht versichert. Also war ein Freund der Familie – der Geschäftsführer besagter Schweizer Firma – mit einem nachträglich konstruierten Arbeitsverhältnis behilflich. So wurden für den Todesfall Versicherungsleistungen fällig.

Lisa Estermann kennt viele solche Geschichten. «Die kriminelle Energie dieser Abzocker ist riesig», stellt sie fest. Und: «Wenn jemand organisiert und professionell betrügt, haben wir fast keine Chance, das mit klassischen Mitteln zu entdecken.» Nun hofft sie auf das neue Monitoring.

Sicher ist: Ein paar Betrüger werden in den nächsten Monaten hochgehen. Rund 600 Firmen hat die Suva bereits auf ihrer Verdachtsliste.

* Namen der Redaktion bekannt

Publiziert am 04.01.2015 | Aktualisiert am 04.01.2015
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46 Kommentare
  • Roger  Huber 04.01.2015
    Die Lösung wäre ganz einfach: Restriktive Einwanderungs- und Einbürgerungsgesetze und nur noch Leute mit Schweizer Pass versichern.
  • ulrich reinhard  ehrlich 04.01.2015
    Bravo,Blick, so langsam schreibt ihr in die richtige Richtung!Auch als Sensationsblatt darf man Sozialgaunereien aufdecken,nicht nur nackte Mädchen ablichten!
  • alexa  sommer aus frauenfeld
    04.01.2015
    Warum kann ein Ausländer hier ohne wenn und aber eine Firma aufmachen ? Warum muss der Schweizer dafür jedes wc Papier zu Tisch bringen ?, und der Ausländer nicht ?, zum schluss darf der Ausländer die Firma haben, der Schweizer nicht. Unsere Verantwortlichen Behörden sind einfach nur blauäugig gegenüber am Ausländer, und gemein gegenüber am Schweizer !
    • Frank  Michler , via Facebook 04.01.2015
      Wieder mal ein wenig ausländer Bashing betreiben ? Nennen Sie mir nur ein Beispiel wo ein Ausländer es einfacher hat eine Firma zu gründen.
      Die Bedingungen sind für alle gleich.
  • Jo  Klein aus Rorschach
    04.01.2015
    Wir Schweizer hören immer und immer wieder dass diese lieben Ausländer Stellen schaffen in der Schweiz. Ja die schaffen Stellen für ihre Verwandtschaft und ihre Kollegen . Aber was soll es, Hauptsache sie haben Stellen geschaffen. Fehlt nur noch dass bei den Versicherungen auch schon die saubere Verwandtschaft dieser Firmen Einzug gehalten hat.
    • Bernd  Lehnherr aus Torrevieja
      04.01.2015
      Hr.J.Klein.Alle Ihre Worte,kann ich nur zustimmen. Besonders bei der Versicherug,wurde die Konkurrenz von Auslaendern immer groesser.Ich spreche aus eigener Erfahrung.
  • Beat  Ottiger aus Eglisau
    04.01.2015
    Was hat man dann gedacht, wie die die neusten Mercedes modelle bezahlen?!