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Nachdenklich «Muslime müssen selbstkritisch sein.» (Steve Forest)
Der Genfer Religionswissenschaftler Tarik Ramadan ist der Enkel eines Islamistenführers aus Ägypten. Den Bieler Konvertiten Nicolas Blancho hält er für einen unbedeutenden Sektierer.
Sie sind gläubiger Muslim. Wie praktizieren Sie Ihre Religion?
Tarik Ramadan: Ich halte die fünf täglichen Gebete, ich faste, ich machte die Pilgerreise – alles. Als ich noch in der Schweiz lebte, hatte ich nie das geringste Problem.
Ihre Religion hat Sie bei uns nie zum Aussenseiter gemacht?
Ich spielte Fussball in der damaligen Nationalliga B, aber ich trank keinen Alkohol und ass kein Schweinefleisch. Wer unter Fussballern nicht trinkt, fällt sofort auf. Die «dritte Halbzeit» war immer ein Besäufnis. Trotzdem war ich dabei, da wie auf dem Platz draussen. Mein Anderssein hat mich in der Gesellschaft nie isoliert.
Hat sich das verändert, seitdem Sie die Schweiz verliessen?
Nein. Aber es werden Probleme entstehen. Nicht aus gesetzlichen Vorgaben, sondern aus der Instrumentalisierung von Ängsten durch politische Parteien.
Wie beim Minarettververbot?
Es gibt für Muslime keine Pflicht, Minarette zu bauen. Die muslimischen Reaktionen auf den Volksentscheid waren relativ gelassen, weil das nicht als fundamentaler Angriff verstanden wurde. Als Bürger müssen wir das Gesetz respektieren. Wir müssen es aber auch bekämpfen, weil es diskriminierend und rechtlich problematisch ist.
Weltweit radikalisieren sich junge Muslime. Das macht Angst.
Das ist beunruhigend und die Angst muss man respektieren. Da sollten Muslime selbstkritisch sein.
Sehen Sie auch bei Schweizer Muslimen eine Radikalisierung?
Eher das Gegenteil. Die muslimische Gemeinschaft in der Schweiz tritt verantwortungsvoll auf, nicht radikal. Sie weiss: Man muss mit der Gesellschaft reden, sich erklären, offen sein. Diejenigen, die Abschottung und Distanzierung predigen, sind eine kleine Minderheit. Jener, der in allen Medien war, Nicolas Blancho, repräsentiert nur einen minimalen Teil des Islams in der Schweiz.
Dennoch tritt er als Sprachrohr der Schweizer Muslime auf.
Das ist eine Illusion der Medien. Sie haben einen Mann, der sektiererische Sachen sagt und die Wahrnehmung bestätigt, wie sie die SVP verbreitet: Islam heisst Scharia. Darum glaubt man, Blancho sei ein religiöser Repräsentant.
Ist er das nicht?
Aber nein, überhaupt nicht! Alle Organisationen, die seit 20 oder 30 Jahren in der Schweiz tätig sind, sehen in Blancho und seinem Zentralrat eine Randerscheinung in der muslimischen Landschaft. Die Mehrheit der Muslime erkennt sich in seinen Worten nicht. Darum sage ich meinen Mitbürgern in der Schweiz: Passt auf! Das mediale Ereignis spiegelt in keiner Weise die Tendenzen des Islams in der Schweiz.
Welche Tendenzen meinen Sie?
Die drei Mehrheitsgruppen – Türken, Bosnier, Araber – sind friedfertig, anerkennen die schweizerische Tradition und Rechtsordnung.
Gibt es einen Schweizer Islam?
Faktisch existiert ein Schweizer Islam, weil es muslimische Schweizer gibt. Und es gibt einen Schweizer Islam in dem Sinne, als es einen Islam gibt, der den islamischen Prinzipien treu ist und sich der Kultur seiner Umgebung angepasst hat.
Kann man Türken, Bosnier, Araber als Einheit betrachten?
Das ist genau, was jetzt passiert. Sie haben eine unterschiedliche Herkunft, die Schweizer Kultur vereint sie. Sie haben die gleiche Herausforderung mit ihrer doppelten Zugehörigkeit. Um die eigenen kulturellen Wurzeln zu vergessen und die Umgebung, die Schweiz, zum Massstab zu nehmen, braucht es eine oder zwei Generationen.
Verstehen Sie, wenn Bundesrätin Widmer-Schlumpf sagt, eine verschleierte Frau irritiere sie?
Absolut. Ich bin froh, wenn sie das so sagt. Dann kann man drüber diskutieren und fragen, wie man das überwindet. Aber den Schleier verbieten? Das hilft nicht.
Was sagen Sie den verschleierten Frauen?
Nikab und Burka sind vom Islam nicht vorgeschrieben, da muss ich pädagogische Überzeugungsarbeit leisten. Es sind oft junge Konvertitinnen, die mehr tun als nötig. Diese Frauen stehen an einem bestimmten Punkt im Leben, aber von da kommen sie auch wieder weiter. Wer mit 20 Nikab oder Burka trägt, sieht das ein paar Jahre später vielleicht anders.
Kleider signalisieren auch Abgrenzung.
Man muss die Vorstellung überwinden, dass die Unterschiede den Dialog verhindern. Im Gegenteil, man kann kreativ damit umgehen. Warum kann man zum Beispiel Minarette nicht so bauen, dass sie zur schweizerischen Architektur passen? Es braucht wirklich keine orientalisierenden Moscheen. In der Schweiz muss eine Moschee eine schweizerische Moschee sein.
Nur eine Frage der Architektur?
Zentral für mich ist auch, dass Frauen und Männer in einer Schweizer Moschee die gleichen Einrichtungen finden. Es geht nicht, dass in einer Moschee alles den Männern dient und nichts für die Frauen bleibt. Da muss der Schweizer Islam den patriarchalen und manchmal machistischen Islam korrigieren.
Beim Dialog mit Bundesrätin Widmer-Schlumpf stellten Vertreter islamischer Organisationen Forderungen, etwa nach eigenen TV-Sendezeiten.
Das ist nützlich und wünschenswert. Der Service public soll ein besseres Verständnis ermöglichen.
Muss Kopftuchtragen in Schule und Verwaltung erlaubt sein?
In Grossbritannien gibts kein Problem damit, wenn Bürgerservice und Unterricht neutral bleiben. Es muss gelten: Zieh an, was du willst, aber mach deinen Job korrekt.
Ist die Schweiz dafür bereit?
Vor einem Jahr hätte ich gesagt, es gebe viel Verständnis für diese Idee in der Schweiz. In der Zwischenzeit hat sich die Situation verhärtet. Es gibt rassistische Töne gegen den Islam in der Öffentlichkeit. Das ist ein gefährlicher Rückschritt.
Braucht es für Muslime in der Schweiz islamisches Recht?
Im britischen Eherecht sind muslimische Vermittler erlaubt. Denen stehe ich sehr kritisch gegenüber. Sie kommen oft aus Pakistan oder der Türkei und wenden Gewohnheitsrecht aus ihrer Heimat an, das mit unserer Gesellschaft gar nichts zu tun hat. Das Gleiche passiert auch auf vielen islamischen Help-lines und in Internetforen.
Darf man über den Islam Witze machen?
Man darf auch über religiöse Dinge lachen. Erst wenn es verletzend wird, hört der Spass auf. Muslime müssen noch eine kritische Distanz zum Humor finden. Sie sollten aufhören zu glauben, dass man sie ständig angreift, und sich als Opfer zu inszenieren.
Gilt das auch bei Mohammed-Karikaturen?
Mohammed mit Bombe im Turban ist nicht lustig, das ist schlechter Geschmack. Aber ich sage immer: Regt euch deswegen nicht auf.
Wie soll der Dialog weitergehen?
Die Initiative muss von den Muslimen kommen. Es braucht Plattformen, wo alle Tendenzen vertreten sind, von konservativ bis progressiv, die sich gegenseitig akzeptieren und respektieren. Die Regierung muss diesen Prozess institutionalisieren und fördern. Man muss dazu nicht die nächste Krise oder Volksabstimmung abwarten.
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Engagiert Islamwissenschaftler Tarik Ramadan und SonntagsBlick-Redaktor Christian Maurer in Ramadans Büro an der Uni Oxford. (Steve Forest)
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