Punkt 12 Uhr: Christoph Blocher steigt im Berner Restaurant Lorenzini die Treppen hoch zum gemeinsamen Bundesratsessen im Säli. Für einmal ist er der Erste am Tisch. Eine willkommene Verschnaufpause, denn es war eine eher unerfreuliche Morgensitzung im
Bundesrat. Seine Kolleginnen und Kollegen haben ihm sein Dossier «Strafbehördenorganisationsgesetz» brutal ausgebremst und ihm auch noch einen externen Rechtsexperten aufgebrummt. Der soll den Geschäftsprüfungskommissions-Bericht über die Affäre Roschacher beurteilen. Es steht der Vorwurf im Raum, Blocher sei in ein Komplott gegen Bundesanwalt Valentin Roschacher verwickelt.
12.15 Uhr: Blocher ist immer noch allein. Unterdessen findet im Bundeshaus der erste Höhepunkt eines aufregenden Tages in Bundesbern statt: die Pressekonferenz des Bundesrats. Weil Bundesratssprecher Oswald Sigg sich weigerte, mehr als das zu kommunizieren, was im Bundesrat beschlossen wurde, orientiert Pascal Couchepin eigenmächtig über die Causa Blocher. Zu diesem Zeitpunkt sitzt Blocher noch immer allein im Lorenzini. Der alte Politfuchs realisiert immer noch nicht, dass er von seinen Gegnern meisterlich geleimt wurde. Die Journalisten schreiben schon vom möglichen Rücktritt, sollten sich die Vorwürfe bestätigen. Am Abend wird die Botschaft «Staatskrise» in jede Stube des Landes flimmern.
12.45 Uhr: Endlich treffen die anderen ein, aber jetzt muss Blocher zurück. Um ein Uhr ist die erste Nachmittagssitzung angesagt. Als er in seinem Departement ankommt, trifft er seine aufgeregten Pressemitarbeiter. Das politische
Bern ist ausser Rand und Band. Alle wollen Interviews mit dem Justizminister. Langsam merkt der Meister des politischen Powergames, dass es diesmal ihn selbst erwischt hat.
17 Uhr: Blocher antwortet mit einer eigenen Pressekonferenz. An ihr dementiert er entschieden, in irgendeiner Weise in ein Komplott verwickelt zu sein.
20 Uhr: Das hilft nur bedingt, denn jetzt legt die Geschaftsprüfungskommission (GPK) nach. Lucrezia Meier-Schatz, Präsidentin der GPK-Subkommission, präsentiert einen handgeschriebenen Komplottplan gegen Roschacher und orakelt: Wenn dieses Papier sich als echt erweise, werde das Konsequenzen nach sich ziehen müssen. Alle verstehen: gemeint ist der Rücktritt von Christoph Blocher. Am Folgetag rettet
Nationalrat Christoph Mörgeli (48) seinen Bundesrat mit einem Überraschungscoup.
Er macht den angeblichen Komplottplan öffentlich. Der vermeintlich brisante Plan entzaubert er als «politisch instrumentalisierten Bullshit». Jetzt ist vom Komplott gegen Blocher die Rede, der Gejagte wird zum Jäger. Blocher schreibt ein Gedächtnisprotokoll der Ereignisse und verlangt am Folgemittwoch eine Aussprache. In der heftig geführten Diskussion beschimpft Pascal Couchepin Blocher als Spinner: «T’es malade!» Man schenkt sich nichts mehr. Blocher kündigt seinen Kollegen an, dass er sich in dieser Sache nicht ans Amtsgeheimnis gebunden fühle, denn diese Machenschaften gehörten in der Öffentlichkeit auf den Tisch. Niemand im Bundesratszimmer protestiert. Ein Jahr danach hält er Wort und klagt.