Schwere Vorwürfe gegen renommierten Arzt – Staatsanwalt ermittelt wegen Betrug: «Er nutzte meine Notlage aus»

ZÜRICH - 2500 Franken kassierte ein Arzt von Gertrud Winter (91). Die Rentnerin witterte Betrug, erstattete Anzeige. Sie ist nicht das einzige Opfer.

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Starke Rückenschmerzen plagen Gertrud Winter (91). Sie leidet an Osteochondrose, einer Verknöcherung der Gelenke. Erst eine Operation im Herbst 2010 bringt Linderung. «Die Schmerzen sind heute erträglicher», sagt die ehemalige Buchhalterin aus Wettingen AG. «Aber juristisch schlage ich mich immer noch mit dem Fall herum.»

Dafür verantwortlich sei der behandelnde Arzt B.* (54). Vor der Operation am Spital Sanitas in Kilchberg ZH erklärte er seiner Patientin, dass Zementierungsschrauben helfen können. Weil Winter allgemein versichert ist, übernehme ihre Krankenkasse die 2500 Franken für den Eingriff nicht.

«Wenn man Schmerzen hat, hinterfragt man das nicht, sagt einfach Ja und Amen», erinnert sich die Rentnerin. «Ich hätte mir nie vorstellen können, dass er ein mutmasslicher Betrüger ist und bezahlte.»

Auf dem vorgefertigten Einzahlungsschein ist der Name des Spitals vermerkt – Winter ist überzeugt, dass ihr Erspartes am richtigen Ort landet. Nach dem erfolgreichen Eingriff scheint die Sache erledigt.

Bis im April 2015. Das Krankenhaus, das inzwischen mit dem Spital Horgen fusioniert hat, gerät in die Schlagzeilen. «Ich las in der Zeitung, dass ein Arzt gegen das Krankenversicherungsgesetz verstossen habe.» Sie ruft bei den Verantwortlichen an, um die eigenen Erlebnisse zu schildern. Und nennt das Konto, auf welches sie die 2500 Franken einzahlte.

Konto gehört nicht dem Spital

Die Klinikleitung bestätigt: Das Konto gehöre nicht dem Spital – sondern dem Arzt. Die Kosten für die Operation, samt den teuren Schrauben, habe die Krankenkasse dem Spital schon lange überwiesen. Eine entsprechende Abrechnung liegt SonntagsBlick vor.

Winter ist überzeugt: «Er hat meine Notlage ausgenutzt und sich selbst bereichert.» Per Brief fordert sie das Geld vom Doktor zurück. Der Chirurg antwortet: «Es hat mich schon etwas überrascht, dass Sie nach so vielen Jahren Behandlung mit solch einer Anschuldigung an mich gelangen.» Bei einem gemeinsamen Gespräch könne man sicher eine Lösung finden.

Winter trifft den Arzt. Er sagt, er könne sich nicht erinnern. Falls etwas nicht richtig gewesen sei, werde er sich melden. «Er dachte wohl, damit lasse die alte Frau mit den weissen Haaren die Sache ruhen», sagt Winter. Doch weit gefehlt. Sie nimmt sich eine Anwältin, reicht eine Strafanzeige ein.
Sie beantragt der Staatsanwaltschaft, eine Strafuntersuchung wegen Betrugs und Nötigung einzuleiten. Insbesondere soll diese klären, ob es weitere Opfer gibt.

Auch Gesundheitsdirektion reichte Anzeige ein

Der zuständige Staatsanwalt bestätigt, dass ein Verfahren läuft. Weitere Fragen will er während der laufenden Untersuchung nicht beantworten. Doch Winter weiss: Die Ermittler hatten Einsicht in die Kontodaten des Arztes, bis zu 90 Geschädigte kommen in Frage. 20 wurden bislang vorgeladen, 70 weitere sollen folgen.

Ob und wann ein Prozess stattfindet, ist offen. Die Klinik hat bereits reagiert. Die Geschäftsleitung habe im März 2014 den beschuldigten Belegarzt «deakkreditiert», wie Sprecher Manuel Zimmermann (61) sagt. Und er bestätigt, dass es mehrere Fälle gab. «Wie viel Geld auf dieses Konto übertragen worden ist, ist uns nicht bekannt.»

Die Zürcher Gesundheitsdirektion wurde aktiv und hat «ebenfalls Strafanzeige erhoben», bestätigt Sprecher Enrico Kopatz (49). Möglich sind auch aufsichtsrechtliche Massnahmen: «Dabei geht es um die Bewilligung zur selbständigen Berufsausübung.»

«Racheakt der Spitalleitung»

Vorerst darf der Beschuldigte weiter praktizieren. Er tut dies aktuell als Wirbelsäulen-Spezialist im Kanton Zürich. SonntagsBlick hat ihn mit den Vorwürfen konfrontiert. «Die Patientin wurde ausführlich und mehrfach über die auf sie zukommenden Kosten informiert», sagt er. Dass eine Nötigung oder gar ein Betrug vorliege, bestreitet er vehement. «Ich habe der Patientin nie gesagt, dass sie diesen Eingriff machen muss. Die in Rechnung gestellten 2500 Franken waren nicht für die Schrauben, sondern für den Mehrwert, den ich erbracht habe.»

Dass nach mehreren Jahren ein solcher Vorwurf auftaucht, komme nicht von ungefähr. «Ich interpretiere die Aktion als Racheakt der Spitalleitung. Weil ich seit einiger Zeit in den Medien Vorwürfe gegen diese ge-äussert habe und mich geweigert habe, ein Stillschweigeabkommen zu unterschreiben.»
Laut Gertrud Winter sind die Aussagen des Arztes Ausreden. «Er dachte wohl, mit mir und den anderen könne er das machen. Aber da hat er sich getäuscht.» Sie will Gerechtigkeit, wie sie sagt: «Bis er bestraft ist, gebe ich keine Ruhe.»

Ein «unglaublicher Fall»

Margrit Kessler (67, Bild), Präsidentin der Schweizerischen Stiftung SPO Patientenschutz, spricht von einem «unglaublichen Fall». Es gebe immer wieder Ärzte, die sich auf Kosten der Patienten bereichern wollten. «Aber wenn jemand so lange so viele Personen über den Tisch zieht, bis er belangt wird, stimmt etwas im System nicht.» Patienten sollten kritisch sein, die Entscheidungen von Ärzten hinterfragen. «Bei Handwerkern kontrolliert man die Rechnung ja auch ganz genau.»

Das Problem sei, dass Spitalrechnungen nur auf Verlangen an den Patienten verschickt werden. «Ein automatischer Versand könnte ähnliche Fälle verhindern.» Bei Unklarheiten empfiehlt Kessler als ersten Schritt, das Gespräch mit dem Arzt zu suchen. Bleiben Differenzen, könne man anschliessend die Klinikleitung angehen. «Wenn auch das nichts nützt, sollte man die SPO kontaktieren, damit wir uns als Stiftung für die Interessen der Patienten einsetzen können.»

*Name von der Redaktion geändert

Am See-Spital gab es schon mal Zoff

Im Frühling 2015 geriet das Zürcher See-Spital in Horgen in die Schlagzeilen. Die «Weltwoche» richtete über Monate schwere Vorwürfe gegen Chirurg D.* (49), Chef der Schmerzklinik. Dieser habe teure Ozon-Therapien angeordnet, deren Nutzen umstritten ist. Und die Behandlungen auch noch falsch abgerechnet. Das See-Spital habe davon lange gewusst und nicht reagiert.

Viele der Vorwürfe stammten vom Arzt, der jetzt selber wegen Betrugs im Visier der Staatsanwaltschaft ist. Die Spitalleitung stellte sich hinter D. und betonte, man habe nie Hinweise auf falsche Abrechnungen gefunden. Die Vorwürfe seien auf eine persönliche Fehde zwischen dem Chirurgen und dem Rückenspezialisten zurückzuführen.

Im Sommer wurde dann publik, dass am Spital Röntgenaufnahmen aus den Jahren 2011 bis 2013 verloren gegangen sind. Die Leitung gab als Grund an, dass ein Server bei Umzugsarbeiten Schaden genommen hatte. Stiftungsratspräsident Walter Bosshard (65) trat zurück. Und die Zürcher Gesundheitsdirektion untersuchte die Vorwürfe gegen das Spital. Wie sie diesen Monat mitteilte, habe D. Patientendokumentationen lückenhaft geführt und Fehler bei der Kassenabrechnung gemacht.Andere Vorwürfe gegen ihn und das Spital bestätigten sich hingegen nicht. Der Chirurg arbeitet trotzdem nicht mehr am See-Spital. Die Kritik in den Medien habe das Vertrauen der Patienten untergraben, so die Spitalleitung.

Publiziert am 28.02.2016 | Aktualisiert am 26.05.2016
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9 Kommentare
  • Staschia  Müller aus Besenbüren
    29.02.2016
    Frau W. scheint eine unzufriedene, verbitterte Frau zu sein. Dr. B. ist alles andere als ein Betrüger. Ich wurde vom besagten Arzt operiert. Seine Infos waren vor, während und nach der Operation transparent; er ist bescheiden und menschlich. Ausserdem hat er eine hohe Fachkompetenz. Da Fr. W. mit ihrer Versicherung nicht die bestmögliche Ops. machen lassen konnte, war sie damals bereit, die Zusatzkosten zu übernehmen. Intrigen verhindern offenbar die Wahrheit.
  • Marga  Koch , via Facebook 29.02.2016
    Patientendokumente verlieren und Patientendokumentationen lückenhaft führen, Fehler bei der Kassenabrechnung und der Verdacht, dass da ein Doktor bei älteren Damen zu Unrecht "abgesahnt" hat, ist, jedenfalls bei letzterem, absolut gerechtfertigt, dass da die Staatsanwaltschaft richtig aktiv wird. (Leider werden in anderen Fällen die Untersuchungen nicht immer fair und vollständig durchgeführt.)
  • Benno  Schoenholzer aus Yang Talad
    29.02.2016
    Bestraft wird er ja sicherlich nicht!!!Aber beschuetzt schon!!
  • Wilhelm  Hess 29.02.2016
    Wenn ich nach dem Eingriff fast keine Schmerzen mehr habe , würde ich dem Arzt gerne etwas zu stecken. Doch der Mensch ist leider so. Bei schwerer Krankheit würde er bei einer Rettung angeblich alles Geld geben ausser so viel behalten damit ich bei der Rettung noch genug habe um einen Anwalt zu nehmen um Anklage zu erheben und alles wieder zurück zu bekommen. Die meisten Menschen können nicht anders. Dankbar sein kennen die wenigsten.
    • Ernst  Schaffhauser aus Bodensee
      29.02.2016
      Herr Hess, in diesem Fall halten Sie es also für in Ordnung dass sich Ärzte an Patienten bereichern, oder interpretiere ich das falsch ? auch wenn die Schmerzen weg sind sollte doch alles mit rechten Dingen her und zu gehen, oder nicht ? wenn sie also mit jemandem ein Geschäft machen, ihn bewusst betrügen, er dies nicht merkt, dann ist dies auch in Ordnung, haben sie so Geschäfte gemacht, ich hoffe nicht, und es ist nicht in Ordnung ältere Menschen abzulocken, als Arzt sowieso nicht, oder doch ?
    • Wilhelm  Hess 29.02.2016
      Herrn Schaffhauser sicher finde ich das nicht in Ordnung ,aber nicht erst 5 Jahre warten und dann versuchen noch Geld zu machen.Leider kenne ich Menschen wo nach der Genesung das wo sie weggaben alles wieder zu hohlen und nicht auf die saubere art.
  • Jürg  Brechbühl aus Eggiwil
    29.02.2016
    Was stand auf der Rechnung als Grund für die Forderung? Ohne den Wortlaut der Rechnung zu kennen, ist etwas schwierig, sich eine Meinung zu machen.
    • Urs  Saladin , via Facebook 29.02.2016
      Vermutlich gan es gar keine Rechnung. Der Arzt gab der Patientin den ausgefüllten Einzahlungsschein.