Minarette verbieten? Kirchenboss winkt ab

  • Aktualisiert am 03.01.2012
  • VON MICHAEL SCHARENBERG

ZÜRICH – Das Verhältnis von Muslimen und Christen in unserer Gesellschaft ist gespannt. Ist ein Verbot von Minaretten die Lösung? Kirchenratspräsident Ruedi Reich hat ganz andere Ideen.Die SVP-Initiative zum Verbot von Minaretten kocht die Emotionen hoch: Die Partei selbst verspricht sich von ihrem Vorstoss Punkte im Wahlkampf. Die Muslime sehen sich in ihrer Religionsfreiheit bedroht. Aus lauter Angst vor Streit hat der Bundesrat sogar Ömür Orhun, dem Botschafter der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) und verantwortlich für die Bekämpfung von Diskriminierung von Muslimen, mitteilen lassen, er solle die Schweiz erst nach den Wahlen im Herbst besuchen.Ist der Ofen aus zwischen Christen und Muslimen in der Schweiz? Gibt es nur noch Konfrontation? Nein, im Gegenteil! Das zeigt das Interview von Blick Online mit Dr. Ruedi Reich, dem Kirchenratspräsidenten der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich. Er spricht aus Erfahrung. Reich ist Initiant des Runden Tisches, einer Gesprächsrunde von Reformierten, Katholiken, Juden und Muslimen. Seine klare Botschaft: Man muss reden miteinander! Blick Online: Herr Reich, wie erleben Sie als Christ die Muslime in der Schweiz? Ruedi Reich: Ich rede seit Jahren mit den Vertretern der Vereinigung Islamischer Organisationen Zürich (VIOZ, siehe auch Kästchen Runder Tisch). Ich erlebe ganz klar, dass diese Menschen zum Dialog bereit sind. Und sie wollen wissen, wie sie sich bei uns sinnvoll integrieren können. Wie würden Sie das Verhältnis der reformierten Kirche zu den Muslimen beschreiben?Die Muslime bei uns sind ganz verschieden. Sie kommen aus so verschiedenen Ländern wie Bosnien oder Ägypten. Wir ermutigen unsere Kirchenvertreter ausdrücklich, mit den muslimischen Nachbarn zu sprechen. So erfahren wir von ihren Schicksalen. Auch dass sie darunter leiden, wie ihre Religion von Extremisten missbraucht wird. Der Islam – und Symbole wie Kopftuch und Minarett – sind fremd in unserer Kultur. Wie stehen Sie zu diesen Symbolen?Mit dem Kopftuch habe ich keine Mühe. Meine Grossmutter trug auch eins! Wenn eine Frau nur ihre Haare verdeckt, kann ich das akzeptieren. Das machen vereinzelt strenggläubige jüdische Frauen mit ihrer Perücke in anderer Weise auch. Mühe habe ich aber, wenn eine Frau total schwarz verhüllt daherkommt und ich nicht einmal das Gesicht erkenne.Beim Minarett halte ich ein generelles Verbot nicht für sinnvoll. Beim Balgrist in Zürich gibt es seit 40 Jahren ein friedliches Miteinander einer Moschee mit Minarett und einer Kirche. Aber es ist klar, dass sich Minarette ins Stadtbild einfügen müssen. Dafür sind auch unsere Bauvorschriften da. Das gilt übrigens auch für christliche Kirchen. In Zürich Enge hat die reformierte Kirche einen Turm, die katholische Dreikönigskirche aus städtebaulichen Gründen nicht. So läutet die reformierte Kirche auch für die katholische! Aber es sollte kein überdimensioniertes Minarett einen Kirchturm bedrängen. Doch das lässt sich alles im Gespräch lösen. Nicht akzeptabel fände ich, wenn, wie in muslimischen Ländern, der Muezzin vom Minarett herab zum Gebet ruft. Das passt nicht in unsere Kultur. Das Bekenntnis zum Glauben gehört in die Kirche oder in die Moschee. Muslime bekennen sich oft ausdrücklich zu ihrem Glauben. Wir Christen sind immer gleichgültiger geworden. Sind wir deswegen verunsichert? Ja, da ist wohl etwas dran. Es gibt auch eine falsche Rücksichtnahme von unserer Seite. Zum Beispiel, wenn in Schulen sogar erwogen wird, Weihnachten oder Ostern aus dem Kalender zu streichen, weil diese Feste angeblich Andersgläubige verletzen. Ich habe nie gehört, dass Muslime das wünschten. Was ist zu tun, damit Muslime in unserer Gesellschaft besser akzeptiert werden? In Abwandlung des Wortes von Max Frisch «Wir riefen Arbeitskräfte – und es kamen Menschen»: Bei uns leben Menschen aus den verschiedensten Ländern. Und die haben nun einmal ihre Religion. Reden wir doch mit den Muslimen! Dann können wir ihnen glaubwürdig zeigen, dass wir sie respektieren. Aber dass bei uns westlich-christliche Traditionen gelten – und nicht muslimisches Recht.

Top 3

1 So ein Eis! Kann man damit je wieder fahren?bullet
2 Kältewelle Schon 25 Tote in Italienbullet
3 Familien-Drama von Thalwil Es war eine Prügel-Ehe!bullet

Schweiz