Medienminister sauer Mekka liegt am Leutschenbach

Bühne frei Der Service-public-Sender gab jungen Radikalmuslimen viel Platz – zu viel, meinen prominente Kritiker.

  • Publiziert: 15.05.2010, Aktualisiert: 14.01.2012
  • Von Reza Rafi und Marcel Odermatt

Kaum je hat eine Splittergruppe die Schweizer Medien mehr beherrscht als der Islamische Zentralrat Schweiz (IZRS).

Auch das Staatsfernsehen hat einen Narren gefressen an der Organisation, deren knapp 40 Aktivmitglieder mehrheitlich konvertierte junge Schweizer sind. Ihre Positionen – Polygamie, häusliche Gewalt und Billigung der Steinigung – sind radikal.

Doch der IZRS erhielt vom Gebührensender, der durch den Service-public-Auftrag zur Ausgewogenheit verpflichtet ist, innerhalb von sieben Wochen gleich dreimal eine Medienbühne, von welcher manche Parteien nur träumen.

Am 30. März durfte IZRS-Sprecher Qaasim Illi (28) im «Club» sein ultrakonservatives Weltbild verbreiten. Am 23. April widmete SF der jungen Organisation eine eigene «Arena». Gast war IZRS-Präsident Nicolas Blancho (26). Letzten Dienstag durfte Nora Illi (26), IZRS-Frauenbeauftragte und Gattin von Qaasim Illi, im medienwirksamen Nikab von der Freiheit hinter dem Schleier schwärmen.

Nun hagelt es beim Schweizer Fernsehen Kritik von allen Seiten. Zwar wird goutiert, dass sich SF des Themas Islamismus annimmt – doch dass einer Kleinstgruppierung derart viel Platz eingeräumt wird, stösst auf Unverständnis. «Das Schweizer Fernsehen übertreibt», sagt Medienwissenschaftler Roger Blum (65).

Zum einen gebe es Gruppierungen, die den Islam in der Schweiz weitaus besser repräsentieren. Zum anderen findet er das Talkshow-Format falsch: «Bei einer Reportage ist die journalistische Kontrolle höher als in einer Diskusionssendung.» Es sei zuverlässig erwiesen, dass solche Auftritte mit Redegelegenheit bei einem Teil des Publikums propagandistische Wirkung haben.

Auch SP-Medienminister Moritz Leuenberger (63) ärgert sich über die Islamistenbühne Leutschenbach. «Das zeigt ein Ringen um Aufmerksamkeit und Einschaltquoten», sagt der Bundesrat zu SonntagsBlick. «Es verzerrt die Wirklichkeit, denn im Schweizer Alltag sind weder Burkas zu sehen noch Hassprediger zu hören. Wenn das so weitergeht, tritt in jeder Sendung mindestens eine Burkaträgerin auf, eine Quotenburka gewissermassen.»

Die massive Medienpräsenz des IZRS schüre Ängste, gibt Herbert Winter (63) zu bedenken, der Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes. Es sei «problematisch, dass SF, aber auch andere Medien dem Zentralrat so viel Publizität einräumen».

SF-Chefredaktor Hansruedi Schoch (44) verteidigt die Auftritte: «Sowohl ‹Club› als auch ‹Arena› haben das Thema aus verschiedenen Perspektiven und aufgrund unterschiedlicher Aktualitätslagen beleuchtet. Der Zentralrat war zwar vertreten, aber jeweils nur als eine Stimme unter vielen; andere muslimische Gruppierungen kamen ebenso zu Wort.» In der «Arena» allerdings war Nicolas Blancho der einzige Muslimvertreter am vorderen Stehpult. 

play Genervt: Leuenberger rüffelt SF. (Keystone)

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Schweiz

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