Schlimmster Sorgerechts-Streit der Schweiz «Meine Frau hat unser Kind vergiftet»

Versuchter Mord, lautet die Anklage gegen Miriam S. Der kleine Sohn, um den es geht, lebt immer noch bei seiner Mutter im Baselbiet.

  • Publiziert: 19.12.2011, Aktualisiert: 10.01.2012
  • Von Gabriela Battaglia

Rolf S.* (39) aus Bubendorf BL ist ein Kämpfer. Seit einem Autounfall im Mai 2003 sitzt er im Rollstuhl. Seine Querschnittlähmung steckt der Automechaniker weg: «Das ist nicht das Schwärzeste, was mir in meinem Leben passiert ist. Das Schwärzeste passiert jetzt!»

Rolf S. versucht, seine Stimme zu kontrollieren. Ruhig zu sprechen. Sachlich zu bleiben. Schwierig, angesichts seiner unglaublichen Geschichte. Es geht um seinen Sohn Matteo (6).

«Meine damalige Frau wollte ihn nach der Geburt zur Adoption freigeben», erzählt Rolf S., «ich verhinderte das. Matteo und ich gehen durch dick und dünn.»

Seine Ex-Frau Miriam S.* (33) versuchte vor drei Jahren, den jüngsten Sohn mit Tabletten zu vergiften. Rolf S.: «Ihr Plan ist ganz einfach: Ihm etwas anzutun, damit es mir schlecht geht.»

Die Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft wirft Miriam S. versuchten Mord vor.

Am 21. August 2008 kommt es zu einem Streit zwischen den getrennt lebenden Eltern. Es geht um das Sorgerecht. Beide wollen Matteo haben. Am Tag nach dem Streit geht Miriam S. um acht Uhr zur Arbeit. Schon um neun Uhr verlässt sie ihr Büro wieder. Sie besorgt sich in der Apotheke in Oberdorf BL das Medikament Lioresal, das ihr Mann einnimmt – bei Querschnittgelähmten dient es zur Muskelentspannung. Sie bekommt eine Schachtel mit 50 Tabletten à 25 mg.

Dann gibt sie Matteo zwei bis drei Tabletten. «In der Absicht, ihn zu töten» und «in skrupelloser Art und Weise», heisst es in der Anklageschrift von Staatsanwältin Dagmar Rieger.

Der Anwalt von Miriam S. räumt laut «Basler Zeitung» einen «Manipulationsversuch» ein, um den Vater im Sorgerechtsstreit auszustechen. Seine Mandantin habe aber «ihrem Kind nicht schaden» wollen und die Wirkung des Medikaments nicht abschätzen können.

Schliesslich fuhr die Mutter mit dem Kind ins Spital, erklärte den Ärzten, dass ihr Sohn Hilfe benötige. Sonst nichts. «Meine Frau sagte nichts vom Medikament», so Rolf S. «Sie erzählte den Ärzten, der Kleine habe beim Zmorge dreimal erbrochen.»

Der Zustand von Matteo verschlechtert sich rapid. Der Bub fällt im Spital ins Koma, muss künstlich beatmet werden. Rolf S. klagt an: «Meine Ex-Frau sass einfach zwei Tage auf der Bettkante. Sie teilte mir nicht mit, dass Matteo mit dem Tod ringt.»

Sie schweigt auch gegenüber den Ärzten. Versucht, sich ein Alibi zu beschaffen. Sie manipuliert am Computer zwei Dokumente, ändert die Zeitangaben.

Nach zwei Tagen geht es dem Bübchen besser. «Erst dann rief sie mich an, sagte, der Kleine sei eben aus dem Koma erwacht. Ich fiel aus allen Wolken», erzählt Rolf S.

Vom 3. bis 10. Oktober 2008 kommt Miriam S. in Untersuchungshaft. Sie sagt, Matteo sei am Vortag der Vergiftung bei ihrem Mann gewesen, der immer Tabletten herumliegen lasse. «Die Angeklagte sagte (...) dies in der Absicht, Rolf S. für den Zustand von Matteo verantwortlich zu machen und zu bewirken, dass ihm das Sorgerecht vom Gericht entzogen wird», heisst es in der Anklageschrift.

Matteo und seine älteren Geschwister kommen im September 2008 ins Heim. Am 26. Juni 2009 sind sie zurück bei ihrer Mutter. Auch Nesthäkchen Matteo. Sein Vater kann es nicht fassen. «Ich muss zuschauen, wie er jeden Tag bei dieser Frau aufwacht.»

Am Dienstag stand Miriam S. vor dem Strafgericht in Liestal. Doch der Prozess wird vertagt. Gerichtspräsidentin Jacqueline Kiss gibt ein neues psychiatrisches Gutachten in Auftrag.

Wohl erst in einem Jahr soll ein neuer Prozess stattfinden. Matteo bleibt bei seiner Mutter. «Es ist ein Skandal. Sie hat unser Kind vergiftet, ist wegen versuchten Mordes angeklagt und darf das Opfer trotzdem 24 Stunden bei sich haben», sagt Rolf S. «Wer kann so etwas verstehen?»

* Name der Redaktion bekannt

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