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Herr Vasella, wie geht es Ihnen?
Daniel Vasella: Es kann einem nicht gut gehen, wenn man so angegriffen wird. Andererseits weiss ich, dass es denen nur darum geht, Terror zu generieren. Das lasse ich nicht zu.
Hinter den Angriffen stecken wohl extremistische Tierschützer. Haben Sie Angst?
Angst ist das falsche Wort. Vorsicht ja. Aber Angst, nein.
Und Ihre Frau und Kinder?
Denen geht es ähnlich. Ich glaube, dass man mit solchen Situationen rational umgehen muss, ohne dabei die Gefühle zu verleugnen. Die Genugtuung, dass die ihre Ziele erreichen, sollte man denen nicht geben.
Sie sprechen von Vorsicht. Glauben Sie, die radikalen Tierschützer sind zu allem fähig?
Ja, sicher. Man muss ihre Drohungen ernst nehmen, dass sie bis zum Letzten gehen.
Glauben Sie das, weil auf dem Friedhof in Chur zwei Holzkreuze mit Ihrem und dem Namen Ihrer Frau entdeckt wurden?
Das kann ich nur so deuten.
Ihre Angreifer verunglimpfen Sie als «Mörder».
Ich bin mit meinem Gewissen zu hundert Prozent im Reinen. Ich bin davon überzeugt, dass unsere Arbeit bei Novartis Menschen heilt und Leiden vermindert.
Das war die Antwort des rationalen Topmanagers. Aber wie reagiert der Mensch Vasella?
Der Vorwurf «Mörder» trifft mich nicht. Auf der privaten Ebene finde ich die Schändung meiner Familiengräber inakzeptabel. Diese Tat weckte in mir viele schmerzliche Erinnerungen. Die Totenruhe ist ein gesellschaftlich anerkanntes Tabu. Sie zu brechen ist eine unverzeihliche Respektlosigkeit. Tote lässt man ruhen. Das gilt für meine Mutter wie für meine ältere Schwester, die nach drei furchtbaren Leidensjahren im Alter von 19 Jahren an Krebs starb. Ihre Totenruhe zu stören habe ich einfach als gemein und niederträchtig empfunden.
Vor einer Woche wurde auch noch Ihr Haus in Österreich in Brand gesteckt. «Schade, dass Vasella während des Feuers nicht da war», haben die Extremisten der britischen Tierschutz-Organisation SHAC auf einer ihrer Webseiten sogar geschrieben.
Das Materielle ist materiell – man nimmt nichts mit. Dass meine Kinderbücher, die ich dort aufbewahrte, verbrannt sind, hat mich mehr getroffen als der Rest. Der ist ersetzbar.
Ermittelt Novartis selbst gegen die Täter?
Nein, das ist Aufgabe der Polizei. Wir haben zwar eine eigene Sicherheitsabteilung. Aber die küm-
mert sich um Medikamentenfälschungen, um die Werksicherheit und eben auch um die Sicherheit der Mitarbeitenden.
Wann haben die Angriffe eigentlich begonnen?
Angriffe auf Mitarbeitende erleben wir schon seit Jahren. Aber seit Novartis von SHAC als oberstes Ziel eingestuft wurde, haben sich die Attacken verschärft. Die haben Autos in Brand gesteckt, Leute bedroht oder als Pädophile verleumdet. Es hat Einbrüche gegeben.
Wie geht diese Spirale der Gewalt wohl weiter?
Fantasien hat man natürlich. Aber man darf sich dadurch nicht paralysieren lassen. Und deshalb sage ich: Vor-Sicht. Das heisst Voraus-Sicht, um dann entsprechende Massnahmen zu ergreifen.
Welche Möglichkeiten hat Ihre Sicherheitsabteilung, Sie und Ihre Mitarbeiter zu schützen?
Alle, die adäquat sind.
Und da arbeitet man auch mit der Polizei zusammen?
Ja, natürlich. Aber lassen Sie mich auch sagen, dass das Vorgehen gegen SHAC in den USA oder in Grossbritannien bisher viel dezidierter war als in Deutschland und in der Schweiz.
Fühlen Sie sich von Politik und Polizei ein wenig alleingelassen?
In der jüngsten Zeit nein. Aber zuvor ja. Die Frage ist immer, wie schwer eine Bedrohung werden muss, bevor sie ernst genommen wird. Die Versuchung ist gross, zu bagatellisieren, zu verniedlichen und zu «verstehen».
Ihr Leben hat sich in den letzten Wochen enorm verändert?
Ja, mein Leben hat sich markant verändert. Das ist eine Erfahrung, die ich bisher noch nicht gemacht hatte.
Und wie sieht dieses neue Leben aus?
Sie werden verstehen, warum ich da keine Details nennen werde.
Was wissen Sie über die Täter?
Die Identität der Täter ist natürlich unbekannt. SHAC ist wie alle terroristischen Organisationen in Zellen organisiert, die relativ wenig voneinander wissen. Es gibt ein zentrales ideologisches Instrument, das ist auf dem Internet einsehbar. Die verbreiten Neuigkeiten, die filmen zum Teil auch ihre Aktionen und stellen sie dann ins Internet. Sie versuchen, ihre Opfer lächerlich zu machen. Das sind die eigentlichen Drahtzieher. Und dann gibt es noch die Financiers, die steuern die Geldflüsse. Da gehören unter anderem auch sogenannte Celebrities dazu.
Sie bezeichnen SHAC als terroristische Organisation. Bei den Ermittlungsbehörden spricht man lieber von Kriminellen. Sind Sie damit einverstanden?
Wie weit muss es denn gehen, bevor von Terroristen gesprochen wird? Für mich ist Terror, gezielt Angst zu verbreiten, gezielt Leute unter Druck zu setzen mit allen möglichen und vor allem illegalen Mitteln. Man darf sich nicht täuschen: SHAC ist eine multinationale Organisation. Diese Leute sind organisiert. Da müssen ganz klare Grenzen gezogen werden.
Genau, denn sich für Tiere einzusetzen ist an sich ein positives Engagement.
Mitgefühl für Tiere ist verständlich, nachvollziehbar und durchaus legitim, aber wo dieses Gefühl kriminell wird und Menschen schadet, schadet es auch dem legitimen Tierschutz. In der Schweiz haben wir mehrere Tierschutz-Initiativen gehabt. Die Bevölkerung hat sich ganz klar hinter die medizinisch-biologische Forschung mit dem Ziel des Fortschritts für den Patienten gestellt. Diesen Willen gilt es zu respektieren. Andererseits hat man auch viel strengere Standards eingeführt, an die sich die Industrie auch hält. Denn, seien wir ehrlich, niemand hat Tierversuche gern.
SHAC begründet ihre Angriffe auf Novartis mit der angeblichen Zusammenarbeit mit dem umstrittenen britischen Tierversuchs-Unternehmen Huntingdon Life Sciences.
Wir arbeiten seit langer Zeit nicht mehr mit Huntingdon zusammen. Und das haben wir auch schon gesagt.
Aber SHAC bleibt dabei, dass es Beweise für diese Beziehungen zu Huntingdon gebe.
Das stimmt nicht. Ich habe das jetzt noch einmal bis in die kleinste Abteilung nachforschen lassen – das ist einfach eine Lüge.
Sie sagten eben, niemand mache gerne Tierversuche. Warum hört dann Novartis nicht mit dieser Praxis auf?
Es gibt zwei Aspekte des Tierversuchs. Beim ersten geht es um Forschung und die Entdeckung innovativer Medikamente oder an den Universitäten zur Entdeckung neuer biologischer Kenntnisse. Der zweite ist ein gesetzlicher. Wir sind gemäss Gesetz verpflichtet, zur Feststellung der Sicherheit von Medikamenten Tierversuche durchzuführen.
Aber in der Forschung...
...gibt es leider bisher keinen vollen Ersatz. Wir können heute zwar viel mehr als früher durch Computer, durch Modellieren, durch bildgebende Verfahren Dinge untersuchen und voraussagen. Das hat auch zu einer begrüssenswerten Abnahme der Zahl der Versuchstiere geführt. Aber es geht immer noch nicht ohne.
Die Tiere, behaupten nicht nur die SHAC-Terroristen, leiden. Stimmt das?
Ich glaube, dass die Vorstellungen in der Öffentlichkeit viel schlimmer sind als die Realität. Natürlich gibt es auch Tiere, die leiden. Das ist so. Dies muss man aber genauso transparent vermitteln wie die Alternative: Wollen wir weiterforschen, um ein Mittel gegen Demenz zu finden? Wollen wir bessere Krebsmedikamente finden? Das ist eine Güterabwägung. Noch einmal: Niemand macht gerne Tierversuche. Die Art und Weise, wie diese Versuche gemacht werden, muss den höchsten Standards genügen. Jegliches unnötige Leiden von Tieren muss unterbunden werden. Das ist unsere Einstellung.
Das ist doch ein Thema, über das Sie mit SHAC diskutieren könnten?
Nein. Ich bitte Sie! Solange Methoden angewandt werden, die so zerstörerisch sind, gibt es keinen Dialog. Auf keinen Fall.
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Entschlossen: Novartis-Chef Daniel Vasella setzt sich auch weiterhin für den medizinischen Fortschritt ein. (Sabine Wunderlin)