Medizinethiker warnt vor Gentests an Embryos: «Es gibt keine unzumutbaren Menschen»

BERN - Dürfen wir Embryos aussortieren? Nein, sagt Giovanni Maio (48). Der Medizinethiker von der Universität Freiburg im Breisgau ist überzeugt, dass Gentests an Embryonen eine gefährliche Bewertung von Leben sind.

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Der Bundesrat will es erblich vorbelasteten Paaren erlauben, Embryonen im Reagenzglas genetisch zu testen, bevor diese eingesetzt und ausgetragen werden. Präimplantationsdiagnostik – kurz PID – heisst diese Technologie im Fachjargon. Ziel ist es, nur gesunde Embryonen zu transferieren. Eine entsprechende Vorlage hat der Bundesrat im Frühsommer ans Parlament überwiesen. Teile der Reform bedingen eine Verfassungsänderung – das letzte Wort bei der PID hat das Volk.

Erlaubt soll die PID nur Paaren sein, deren Kindern später eine schwere Krankheit droht. Verboten bleibt die Auswahl von Retteroder Designerbabys, also von Embryonen, die bestimmte Merkmale haben. Dem deutschen Medizinethiker Giovanni Maioreichen diese Einschränkungen nicht – Präimplantationsdiagnostik sei eine unzulässige Bewertung von Leben, sagt er.

Herr Maio, die Schweiz wird über die Präimplantationsdiagnostik – kurz PID – abstimmen. Aus Ihrer Aussensicht: Halten Sie das für eine gute Idee?
Giovanni Maio: Es kommt darauf an, wie gut die Menschen in Ihrem Land informiert sind. Es wäre fatal, wenn man so täte, als sei die Antwort so einfach.

So schwierig ist das Thema ja nicht. Die Diagnostik hilft, schwere Krankheiten, also schweres Leid, zu verhindern.
Schon diese Sprachregelung ist falsch. Dieser Test verhindert nicht einen Menschen, sondern er sorgt dafür, dass schon existierendes Leben aussortiert wird.

Gut. Aber er verhindert auch Leid.
Auch das ist eine fragliche Annahme. Ob ein Kind mit Behinderungen leiden wird oder nicht, hängt nicht an der Behinderung, sondern daran, wie es in der Gesellschaft aufgenommen wird. Es geht doch letztlich um die Frage, wie wir dem ungeborenen Leben gerecht werden. Es wird so getan, als wäre es eigentlich selbstverständlich, dass Eltern entscheiden, welches Leben sein soll – und welches nicht, so als dürften wir uns unsere Kinder aussuchen.

Es muss doch den Paaren überlassen sein, sich für einen solchen Test zu entscheiden.
Wir sind es den Paaren schuldig, ihnen gerade nicht zu suggerieren, als sei die PID die Patentlösung für ihre Befürchtungen. Denn die PID hinterlässt Spuren, auch im Bewusstsein der Eltern, weil sich auch für die Eltern ein Leben lang die Frage stellen wird, was sie getan haben, als sie zum Beispiel die Geschwister ihrer Kinder aussortiert haben. Im Interesse der Eltern darf es keine Bagatellisierung geben.

Was ist daran falsch, Schwangerschaften mit potenziell behinderten Kindern zu verhindern?
Auch hier ist die Sprachregelung falsch. Bei der PID haben wir gar keine Schwangerschaft. Es besteht nicht der Konflikt, dass eine Frau ungewollt schwanger ist. Man führt über die PID den Konflikt erst bewusst herbei und man legt an den Embryo Qualitätskriterien an, die er erfüllen muss. Der Konflikt ist die Qualität des Embryos, keine ungewollte Schwangerschaft – das ist ein grosser Unterschied.

Entschuldigung, aber so gross ist doch der Unterschied gar nicht!
Doch. Wenn wir sagen, wir verhindern mit dem Test die Abtreibung, dann gehen wir davon aus, es sei selbstredend, dass man bei einem ungeborenen Kind mit Behinderung sowieso abtreiben würde. Diese suggerierte Selbstverständlichkeit einer Abtreibung finde ich absolut gefährlich.

Warum?
Weil wir auf diese Weise das ungeborene Leben in einer so gravierenden Weise negativ bewerten, dass wir diesem Leben und den anderen Menschen, die beispielsweise mit zystischer Fibrose leben, nicht gerecht werden. Dieser Automatismus, mit dem wir Leben mit Behinderung als ein in sich defizitäres Leben, als ein in sich nicht lebenswertes Leben betrachten, diesen Automatismus, den halte ich für inakzeptabel – und für eine Resignation.

Wieso eine Resignation?
Weil wir dann den Glauben daran aufgegeben hätten, dass die Gesellschaft bereit ist, jeden Menschen als einen wertvollen Menschen anzuerkennen. Es wird so getan, als sei ein Mensch mit Behinderung ein vermeidbares Übel. Und doch ist er ein einzigartiger Mensch wie jeder andere. Wir müssen nur bereit sein, in ihm die Einzigartigkeit und das Besondere und das Faszinierende entdecken zu wollen. Darauf muss man in Zukunft abheben.

Ist es denn abwegig, dass Eltern sich ein gesundes Kind wünschen?
Nein, das ist vollkommen verständlich. Es stellt sich nur die Frage, ob jedes Mittel recht ist, um diesem Wunsch nachzukommen. Die PID ist ein hochproblematisches Mittel, weil sie unweigerlich Menschen nur auf Probe zeugt und damit insinuiert, als wäre es richtig, von einem unzumutbaren Kind zu sprechen. Ich finde, dass es unzumutbare Menschen nicht gibt.

Die PID soll nur innerhalb sehr enger Grenzen möglich sein.
Wenn wir sagen, die PID ist nur in engen Grenzen erlaubt und sonst nicht, dann heisst das trotzdem, dass es innerhalb dieser Grenzen Zumutungen gibt: Ein Kind mit zystischer Fibrose wäre eine Zumutung, dieses Kind soll nicht sein. Es ist Augenwischerei, wenn wir glauben, wir würden durch solche Grenzen das Problem aus dem Weg räumen. Das Problem ist, dass überhaupt Leben bewertet wird. Das Problem ist die Ausmusterungslogik der PID. Man tut so, als wäre es fahrlässig, wenn man Kinder so annimmt, wie sie sind. Stattdessen wird eine neue Norm etabliert: die Norm, dass man gesunde Kinder zu gebären hat, wenn man nicht als fahrlässig gelten will. Das ist eine Umkehrung der Werte.

Sie laden die Frage doch einfach religiös auf.
Überhaupt nicht. Allein aus Vernunftgründen können wir ein solches Gesetz nicht haben wollen. Weil es sich auch gegen jene richtet, die den Prüfprozess überlebt haben. Wir müssen doch darüber nachdenken, was wir anrichten, wenn PID-geprüfte Kinder im Bewusstsein des Überlebthabens leben – vorausgesetzt, wir sprechen mit ihnen darüber. Es werden Kinder sein, von denen wir sagen müssen: Am Anfang waren deine Eltern fest entschlossen, dich auszusortieren, wenn du einen Gendefekt gehabt hättest. Erst nach dem Test haben deine Eltern Ja zu dir gesagt – nicht vorher. Das ist das Grundproblem: Wir nehmen menschliches Leben nicht mehr bedingungslos an, sondern nur unter Vorbehalt. Das Leben als Aktie quasi.

Das Leben als Aktie?
Ja, diese Art des Umgangs mit dem Leben hat etwas Kalkulierendes. Wir prüfen das Leben auf seine Zweckmässigkeit: Passt es mir? Was bringt es mir? Wenn der Kurs zu niedrig ist, dann setze ich die Aktie ab. Dieser Umgang mit dem ungeborenen Leben wird durch die PID weiter verschärft. Wir haben durch die Pränataldiagnostik bereits eine Denkweise etabliert, dass wir meinen, wir können selbst als die Starken über das Lebensrecht der ungeborenen Kinder verfügen. Das ist das Einfallstor für die PID. Man muss also darüber nachdenken, ob die heutige Praxis gut ist, auch gut für die geborenen Menschen, die auf diese Weise mit einer schweren Hypothek leben müssen.

Praxis ist beispielsweise der Bluttest auf Trisomie 21. Ein grosser Fortschritt, finden viele.
Eher sehr gefährlich, finde ich. Weil er so schnell zu machen ist, wird er sehr schnell zur Routine werden. Er ist dafür gedacht, dass alle Frauen ab 35 ihn machen. Er wird billiger werden. Er etabliert eine neue Norm, eine neue soziale Erwartung: Wenn so ein einfacher Bluttest ein Kind mit Trisomie 21 ausfindig macht – dann wird erwartet werden, dass man ihn auch anwendet. Es ist nichts anderes als eine Fahndung nach Trisomie-21-Kindern, was ich unmenschlich finde.

Leben als Kapital, in das man investiert – oder eben nicht?
Ja. Jedes Leben ist wertvoll. Aber nicht deswegen, weil es etwas produziert und bringt, sondern es ist wertvoll, weil es Leben ist und damit immer ein Geheimnis bleibt. Wir meinen, wir hätten mit einem Gentest etwas über den Menschen erfahren, den wir da aussortieren wollen und übersehen dabei, dass der Gentest gar nichts über diesen Menschen aussagt, weil jeder Mensch etwas Besonderes ist und nicht auf seine Behinderung reduziert werden kann. Erst dann, wenn wir unsere Nachkommen nicht wie eine Planaufgabe, nicht als Projekt betrachten, sondern bereit bleiben, uns von diesem neuen Leben überraschen zu lassen, erst dann werden wir erkennen, dass jedes Leben zum Reichtum werden kann. Viele Eltern mit Trisomie-21-Kindern sagen genau das.

Trotzdem noch einmal der Einwand: Das klingt alles sehr religiös motiviert.
Ich begründe meine Position rein philosophisch, jenseits der persönlichen Glaubensüberzeugung. Der Mensch kann nur dann ein gutes Leben führen und sich tatsächlich als freier Mensch fühlen, wenn er in dem Bewusstsein leben darf, dass er das Sosein seiner Person nicht der Entscheidung einer anderen Person zu verdanken hat. Jeder Mensch hat ein Recht auf Zufall – und darf daher nicht durch andere Menschen ausgesucht werden.

Sie sind auch Arzt – da überrascht die heftige Kritik.
Ja, ich bin kritisch, gerade weil es mir um die Medizin geht. Dass die Medizin eine Disziplin der Hilfe ist, und nicht eine Dienstleistungsindustrie, die einfach irgendwelche Testangebote verkauft. Oder eine Defensivmedizin, die sich nur absichert. Denn Ärzte möchten sich oft nur absichern auf Kosten der Frau, die dann in eine Abtreibung hineinschlittert. Es ist das Ende der Humanmedizin, wenn der Arzt in der Frau die potenzielle Klägerin sieht und nicht mehr den Menschen, der Hilfe braucht.

Ist Ihre Sicht nicht etwas sehr pessimistisch?
Bald ist das gesamte Genom diagnostizierbar – durch einen Tropfen Blut. Und dann haben wir ein gläsernes Kind. Wenn wir die Menschen nicht darauf vorbereiten, was die neuen Möglichkeiten bringen werden, dann werden die Kinder aussortiert. Nicht mehr nach schweren Krankheiten. Dann wird es heissen: Lebensqualität ist wichtig. Veranlagungen sind wichtig – zu Krebs beispielsweise. Lieber also Kinder ohne diese Veranlagungen.

Eine Art Frankenstein-Szenario?
Zumindest da, wo die Menschen meinen, sie könnten sich eine Garantie für ein gesundes Kind erkaufen. Das aber ist eine grosse Illusion, weil es diese Garantie nie wird geben können. Deswegen sollten wir die Bereitschaft zur Demut im Umgang mit dem ungeborenen Leben neu erlernen. Wenn wir dem medizinischen Machbarkeitsglauben folgen, dann versteigen wir uns in eine Erwartungshaltung, die uns unglücklich machen wird, weil man ohne die Bereitschaft, das Kind so zu nehmen wie es ist, kein gutes Verhältnis zu ihm aufbauen kann. Daher sollten wir auch in unserer Zeit neu lernen, Kinder als Geschenk zu sehen – und nicht als bestellbare Produkte mit Rückgabegarantie.

Publiziert am 01.09.2013 | Aktualisiert am 03.09.2013
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