Lohnkürzungen und Entlassungen bei Tamedia
Knallhart: Das Verlagshaus Tamedia will beim «Tages-Anzeiger» 50 bis 80 Stellen streichen und die Löhne der Austräger kürzen.
Von Hannes Britschgi | Aktualisiert um 08:32 | 05.05.2009
Das Redaktionsbudget des «Tages-Anzeigers» (TA) von über 47 Millionen soll um elf bis zwölf Millionen zusammengestrichen werden. Fast ein Viertel der Redaktionskosten muss eingespart werden. Die TA-Redaktion – sie umfasst 230 Vollzeitstellen – rechnet mit einem Stellenabbau von 30 bis 50 Stellen. «Die Wahrheit liegt eher bei 50», meint ein «Tagi»-Redaktor. Aus gut informierten Quellen des Managements weiss SonntagsBlick, dass die Chefetage 50 bis 80 Stellen abbauen will.
Den Chefs in der Teppichetage kommt entgegen, dass bereits die Ankündigung eines Stellenabbaus Wirkung entfaltete: In den vergangenen Monaten haben eine ganze Reihe TA-Redaktoren freiwillig gekündigt. Allein im Ressort Inland sind es seit Dezember sechs, und zwar von den besten. Der Kommentar eines Insiders: «Da findet eine negative Selektion statt. Das ist äusserst bedenklich.» Der Co-Chefredaktor des TA, Res Strehle, «darf null und nichts sagen». Er habe eine strikte Vertraulichkeitserklärung unterzeichnen müssen. Nur so viel: «Sicher muss der TA schlanker werden, ähnlich wie die Swissair zur Swiss umgebaut wurde.»
Fr. 18.81 netto für die Verträger
Konkretes sagt auch Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer nicht: Bisher genannte Zahlen seien «reine Spekulation», ein Stellenabbau sei aber wegen der rückläufigen Leser- und Werbezahlen «unvermeidlich».
Der rigorose Sparkurs von Martin Kall (48), CEO der Tamedia AG, trifft auch die Kleinstverdiener der Zustell- und Vertriebsorganisation (Zuvo). Tamedia hält die Hälfte der Zuvo-Aktien. Weil die Zuvo angeblich nicht kostendeckend arbeiten soll, hat Kall den Verträgerinnen und Verträgern eine 9,3-prozentige Lohnkürzung verordnet. Fr. 18.81 netto verdienen die Frühaufsteher noch pro Stunde. Die Verträgerlöhne seien zuvor «überdurchschnittlich hoch» gewesen, mit der Reduktion seien sie jetzt auf einem «marktüblichen Niveau», heisst es dazu von der Zuvo.
Zimperlich ging man dabei nicht vor. Mehrere hundert Mitarbeiter haben am 20. April die Kündigung erhalten. Innert fünf Tagen mussten sie den Lohnschnitt akzeptieren. Bis Ende Jahr sollen alle der 2300 Angestellten die Änderungskündigungen im Briefkasten haben. «Dass die Leute verärgert sind, verstehe ich», sagt Zuvo-Geschäftsführer Christoph Wahl. «Aber die Probleme mit der Kostendeckung und ein Lohnvergleich lassen uns keine Wahl.»
Die Verleger-Familie Coninx konnte über Jahrzehnte stolz von sich behaupten, einer der sozialsten Arbeitgeber im Mediengeschäft zu sein. Diese soziale Haustradition scheint die Tamedia AG unter der Leitung Kalls nun definitiv zu beerdigen. Ans Eingemachte geht der forsche Deutsche auch bei den Redaktionen.
Verhältnisse «wie in der DDR»
Gemäss seinen Vorgaben haben vor zehn Tagen die beiden neuen Co-Chefredaktoren Res Strehle (58) und Markus Eisenhut (46) die Ressortleiter zu sich zitiert. Sie verordneten einschneidende Sparmassnahmen – und gleichzeitig Maulkörbe. Denn reden dürfen die Ressortleiter untereinander über die Budgetvorgaben nicht. «Das ist wie in der DDR», wundert man sich an der Basis. «Das Erstaunlichste: Unsere Chefs halten sich daran.»
Bereits am 18. Dezember hatte Res Strehle der Personalkommission den Personalabbau angekündigt. «Seither herrscht eine bleierne Stimmung», meint ein «Tagi»-Redaktor. Die Personalkommission beschwerte sich in einem Brief an die Chefredaktion über «die zermürbende Unsicherheit um den Arbeitsplatz» und wirft dem neuen Führungsduo «Verschweigen und Verstecken» vor. Die Informationspolitik sei «schlicht beschämend». An der Neukonzeption der Zeitung sei die Redaktion «praktisch nicht beteiligt».
Die ersten Kündigungen sollen noch diesen Monat erfolgen. Der Verwaltungsrat wird Mitte Mai tagen, um über den Personalabbau zu entscheiden. Dann will das oberste TA-Gremium auch über die Neugestaltung der Zeitung befinden. Klar ist, dass diese neu in vier Bünden erscheinen soll. Die Integration der Regionalbünde in den zweiten Bund kann allein im Druck Einsparungen von bis zu fünf Millionen Franken bringen. Wären also noch sechs bis sieben Millionen via Personalabbau zu sparen. Mit anderen Worten: 50 Arbeitsplätze weniger.
Coninx enthält sich des Kommentars
Der Verwaltungsrat der Tamedia AG hat es Mitte Mai in der Hand, das Vorgehen des Managements zu stoppen. Er kann Kall und dessen Geschäftsleitung auf einen sozialverträglicheren Kurs verpflichten. Immerhin sitzen im Verwaltungsrat die gewichtigen Vertreter der weitverzweigten Familie Coninx: Verwaltungsratspräsident Pietro Supino, Konstantin Richter und Andreas Schulthess. Sie vertreten die Interessen des Familienpools, der vom früheren Verwaltungsratspräsidenten Hans Heinrich Coninx geleitet wird. Coninx wollte gestern auf Anfrage von SonntagsBlick keinen Kommentar abgeben.
In der Familienstiftung sitzen Persönlichkeiten wie Severin Coninx, die sich der sozialen Verantwortung ihrer Firma bewusst sind. Sie dürften sich nicht einfach mit dem Hinweis auf wirtschaftlich schwierige Zeiten abspeisen lassen.
Oder setzt sich doch die andere Familienfraktion durch? Jene, die ein pragmatischer Kopf in der Redaktion schulterzuckend auf eine simple Formel bringt: «Die Familie will halt Geld sehen.»
Den Chefs in der Teppichetage kommt entgegen, dass bereits die Ankündigung eines Stellenabbaus Wirkung entfaltete: In den vergangenen Monaten haben eine ganze Reihe TA-Redaktoren freiwillig gekündigt. Allein im Ressort Inland sind es seit Dezember sechs, und zwar von den besten. Der Kommentar eines Insiders: «Da findet eine negative Selektion statt. Das ist äusserst bedenklich.» Der Co-Chefredaktor des TA, Res Strehle, «darf null und nichts sagen». Er habe eine strikte Vertraulichkeitserklärung unterzeichnen müssen. Nur so viel: «Sicher muss der TA schlanker werden, ähnlich wie die Swissair zur Swiss umgebaut wurde.»
Fr. 18.81 netto für die Verträger
Konkretes sagt auch Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer nicht: Bisher genannte Zahlen seien «reine Spekulation», ein Stellenabbau sei aber wegen der rückläufigen Leser- und Werbezahlen «unvermeidlich».
Der rigorose Sparkurs von Martin Kall (48), CEO der Tamedia AG, trifft auch die Kleinstverdiener der Zustell- und Vertriebsorganisation (Zuvo). Tamedia hält die Hälfte der Zuvo-Aktien. Weil die Zuvo angeblich nicht kostendeckend arbeiten soll, hat Kall den Verträgerinnen und Verträgern eine 9,3-prozentige Lohnkürzung verordnet. Fr. 18.81 netto verdienen die Frühaufsteher noch pro Stunde. Die Verträgerlöhne seien zuvor «überdurchschnittlich hoch» gewesen, mit der Reduktion seien sie jetzt auf einem «marktüblichen Niveau», heisst es dazu von der Zuvo.
Zimperlich ging man dabei nicht vor. Mehrere hundert Mitarbeiter haben am 20. April die Kündigung erhalten. Innert fünf Tagen mussten sie den Lohnschnitt akzeptieren. Bis Ende Jahr sollen alle der 2300 Angestellten die Änderungskündigungen im Briefkasten haben. «Dass die Leute verärgert sind, verstehe ich», sagt Zuvo-Geschäftsführer Christoph Wahl. «Aber die Probleme mit der Kostendeckung und ein Lohnvergleich lassen uns keine Wahl.»
Die Verleger-Familie Coninx konnte über Jahrzehnte stolz von sich behaupten, einer der sozialsten Arbeitgeber im Mediengeschäft zu sein. Diese soziale Haustradition scheint die Tamedia AG unter der Leitung Kalls nun definitiv zu beerdigen. Ans Eingemachte geht der forsche Deutsche auch bei den Redaktionen.
Verhältnisse «wie in der DDR»
Gemäss seinen Vorgaben haben vor zehn Tagen die beiden neuen Co-Chefredaktoren Res Strehle (58) und Markus Eisenhut (46) die Ressortleiter zu sich zitiert. Sie verordneten einschneidende Sparmassnahmen – und gleichzeitig Maulkörbe. Denn reden dürfen die Ressortleiter untereinander über die Budgetvorgaben nicht. «Das ist wie in der DDR», wundert man sich an der Basis. «Das Erstaunlichste: Unsere Chefs halten sich daran.»
Bereits am 18. Dezember hatte Res Strehle der Personalkommission den Personalabbau angekündigt. «Seither herrscht eine bleierne Stimmung», meint ein «Tagi»-Redaktor. Die Personalkommission beschwerte sich in einem Brief an die Chefredaktion über «die zermürbende Unsicherheit um den Arbeitsplatz» und wirft dem neuen Führungsduo «Verschweigen und Verstecken» vor. Die Informationspolitik sei «schlicht beschämend». An der Neukonzeption der Zeitung sei die Redaktion «praktisch nicht beteiligt».
Die ersten Kündigungen sollen noch diesen Monat erfolgen. Der Verwaltungsrat wird Mitte Mai tagen, um über den Personalabbau zu entscheiden. Dann will das oberste TA-Gremium auch über die Neugestaltung der Zeitung befinden. Klar ist, dass diese neu in vier Bünden erscheinen soll. Die Integration der Regionalbünde in den zweiten Bund kann allein im Druck Einsparungen von bis zu fünf Millionen Franken bringen. Wären also noch sechs bis sieben Millionen via Personalabbau zu sparen. Mit anderen Worten: 50 Arbeitsplätze weniger.
Coninx enthält sich des Kommentars
Der Verwaltungsrat der Tamedia AG hat es Mitte Mai in der Hand, das Vorgehen des Managements zu stoppen. Er kann Kall und dessen Geschäftsleitung auf einen sozialverträglicheren Kurs verpflichten. Immerhin sitzen im Verwaltungsrat die gewichtigen Vertreter der weitverzweigten Familie Coninx: Verwaltungsratspräsident Pietro Supino, Konstantin Richter und Andreas Schulthess. Sie vertreten die Interessen des Familienpools, der vom früheren Verwaltungsratspräsidenten Hans Heinrich Coninx geleitet wird. Coninx wollte gestern auf Anfrage von SonntagsBlick keinen Kommentar abgeben.
In der Familienstiftung sitzen Persönlichkeiten wie Severin Coninx, die sich der sozialen Verantwortung ihrer Firma bewusst sind. Sie dürften sich nicht einfach mit dem Hinweis auf wirtschaftlich schwierige Zeiten abspeisen lassen.
Oder setzt sich doch die andere Familienfraktion durch? Jene, die ein pragmatischer Kopf in der Redaktion schulterzuckend auf eine simple Formel bringt: «Die Familie will halt Geld sehen.»
Marktplatz
Schweiz
Blick.ch














