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Liebe Finnen, Ihr habt gewonnen! Das US-Magazin «Newsweek» hat Euer Land zum besten der ganzen Welt gewählt. Wir gönnen Euch diesen Erfolg. Ganz im Ernst, schliesslich sind wir uns ja ähnlich: nicht zu gross, voller Freiheitsdrang und ein bisschen anders.
Nur dass es bei uns ein wenig wärmer ist als bei Euch. Und wir auch nicht dauernd die Sauna anwerfen müssen, um es ein bisschen schön zu haben. Bei Euch sind es im Durchschnitt fünf Grad, in Locarno immerhin 11,5! Wenn man genau hinschaut, spricht auch von dem, was die «Newsweek»-Leute da herausgefunden haben, nicht wirklich alles für Euch.
Vielleicht ist Eure Natur noch etwas heiler – aber das ist auch kein Wunder, weil Ihr alle am Rand des Landes wohnt. Ausserdem: Was hilft das alles, wenn Ihr am Ende nur 72 Jahre alt werdet und wir 75? Vielleicht liegts an den vielen Morden – 2,2 von 100000 Einwohnern sterben bei Euch pro Jahr durch Gewalttaten. Da haben wir’s mit 0,6 ein bisschen friedlicher. Na ja, beides nicht so schlimm wie Burkina Faso. Das kommt auf 18,4 und landet auch deshalb beim «Newsweek»-Ranking auf Platz 100.
Also freuen wir uns, dass es die Österreicher nur auf Rang vier und die Deutschen auf Platz zwölf gebracht haben. Wussten wir doch eigentlich schon immer!
Was bedeuten die Zahlen der «Newsweek»-Leute überhaupt? Angeblich seid Ihr in Finnland politisch stabiler als wir in der Schweiz. Dabei sind doch wir die «Willensnation», das Land der Freiheit und der Demokratie. Ihr aber habt Euer Volk erst mit der Verfassung von 2000 wirklich mächtig gemacht!
Überhaupt: Gehts nicht vor allem um das Lebensgefühl? Um die Kultur? Sicher, Finnland hat da einiges zu bieten: Eure heidnische Mythologie, die Turkuer Romantik, das Nationalepos «Kalevala» und Tove Janssons süsse Mumin-Kinderbücher. Aber was ist das gegen den Rütlischwur, gegen Dürrenmatt, Frisch und Keller, gegen Glauser und Muschg?
Klar, Ihr hattet Sibelius und feiert Opernfestspiele in Savonlinna. Aber mit Verlaub: Arthur Honegger ist auch nicht zu verachten, und neben Jazz in Montreux haben wir fast jeden Abend Weltklasse-Oper in Zürich. Und wer steht dort auf der Bühne? Euer Finnenbass Matti Salminen! Übrigens: Wenn Ihr es beim Eurosong-Festival mit den Verkleidungskünstlern von Lordi, diesen soften Metallrockern, ernst gemeint habt – können wir verstehen, wir meinen es mit DJ Bobo ja auch ernst –, dann legt doch bitte mal Céline Dion auf. Mmhhhh!
Gut, als Filmnation seid Ihr schon okay, Aki und Mika Kaurismäki und auch die Leningrad Cowboys sind grosse Nummern. Aber wer hat noch mal den Oscar gewonnen? Na klar, unser Arthur Cohn. Und zwar sechs Mal!
Wirklich, liebe Finnen, wir wollen Euch den ersten Platz nicht streitig machen. Aber Ihr müsst schon zugeben, dass wir Schweizer auch nicht schlecht sind: Ihr habt mit Finnisch und Schwedisch nur zwei Sprachen, wir haben vier.
Generell scheint die Welt auch eher auf unsere Helden zu stehen. Sie werden sogar in Deutschland (noch mal, weils so schön ist: Platz 12!) gefeiert: Ohne Diego Benaglio wäre Wolfsburg ein Drittliga-Verein, die deutschen Stadthallen ohne DJ Bobo verwaist, ohne Jörg Kachelmann hätten die Deutschen nicht einmal Wetter, geschweige denn richtige Boulevard-Storys, und ohne Uralt-Superheld Wilhelm Tell wäre Schiller ewig in Goethes Schatten geblieben.
Gut, vielleicht seid Ihr Finnen einfach ein bisschen bescheidener als wir. Auch deshalb gönnen wir Euch den ersten Platz. Wir sehen uns im Urlaub, wenn die Ersten zum Zweiten reisen und die Zweiten beim Ersten nachschauen, was sie nächstes Jahr noch besser machen können.