TRIPOLI – Gaddafi macht ernst: Ab sofort werden die Rohöl-Lieferungen aus Libyen an die Schweiz gestoppt.
Der libysche Despot Muammar al-Gaddafi ist noch immer sauer auf die Schweiz. Er lässt die Öl-Lieferungen in die Schweiz stoppen. Der Export in die Schweiz würde «bald» gestoppt, teilte die staatliche libysche Schifffahrtsgesellschaft mit.
Wie offiziell in Tripolis mitgeteilt wurde, gilt dies ausschliesslich für die Transporte der nationalen Gesellschaft; andere Öltanker sind nicht betroffen. Zudem dürfen Schiffe aus der Schweiz von nun an nicht mehr in den Häfen Libyens anlegen und werden dort auch nicht beladen.
Ferner wurde mit «neuen Massnahmen» gedroht, sollte die Schweiz nicht «innerhalb der nächsten Stunden» den Fall Hannibal Gaddafi zu den Akten legen. Der Sohn von Staatschef Muammar el Gaddafi, Hannibal, und dessen Ehefrau waren am vergangenen Dienstag in Genf festgenommen worden.
Zwei Tage später kamen sie nach Zahlung einer hohen Kaution wieder frei. Die Genfer Justiz wirft den beiden Körperverletzung, Drohung sowie Nötigung zweier Hausangestellten vor.
Als erste Reaktion darauf wurden in Libyen mehrere Schweizer vorübergehend festgehalten. Zwei davon, darunter ein Mitarbeiter der ABB, sitzen seit Samstag in Polizeihaft.
Zudem leitete Libyen weitere Vergeltungsmassnahmen gegen die Schweiz ein: unter anderem wurden Schweizer Firmen aufgefordert, ihre Geschäfte in Libyen einzustellen.
Seit Mittwochabend weilt eine hochrangige Delegation des Eidg. Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) in der libyschen Hauptstadt. Sie hat zum Ziel, die Freilassung der beiden Schweizer zu erreichen und Libyen dazu zu bewegen, ihre Retorsionsmassnahmen gegen die Schweiz wieder rückgängig zu machen.
Der Lieferstopp sei eine Reaktion auf die vorübergehende Verhaftung von Hannibal Gaddafi, meldete die Nachrichtenagentur AFP aus Tripoli. Libyen ist der wichtigste Rohöl-Lieferant der Schweiz. 2006 stammte fast die Hälfte der Schweizer Rohöl-Importe aus Libyen. (SDA/zum)
Gaddafis Kummerbuben
BERN – Die Schweiz hatte schon früher Ärger wegen den Gaddafi-Söhnen: Am 12. November 1997 verhängte Lybien eine Einreisesperre für Schweizer Bürger, die erst ein halbes Jahr später wieder aufgehoben wurde. Die Schweiz reagierte damals mit einer restriktiveren Visapraxis gegenüber lybischen Bürgern. Grund für die Missstimmung war, dass die Schweiz Saif Gaddafi nicht erlaubt hatte, für zwei Jahre hierzulande zu studieren. Eine entsprechende Bewilligung hatte der Bund verweigert. Mit der Begründung, man könne nicht für die Sicherheit des Gaddafi-Sohnes garantieren. Darauf hatte Libyen mit der Einreisesperre für alle Schweizer reagiert. (SDA)
Interview mit Rolf Hartl, Direktor der Erdöl-Vereinigung
Wie abhängig sind wir vom Libyen-Öl?
Rolf Hartl über den Notfallplan der Erdölbranche bei einem Lieferboykott.
Blick: Herr Hartl , sind wir gerüstet für den Fall, dass uns Libyen den Ölhahn zudreht?
Rolf Hartl : Absolut. Wir haben Pflichtlager. Die reichen bei Benzin, Diesel und Heizöl für viereinhalb Monate, bei Flugbenzin für drei Monate.
Aber Libyen ist der wichtigste Öllieferant der Schweiz. Wir beziehen über 50 Prozent Rohöl von dort. Das ist ein Risiko.
Wenn die Libyer auf den Ölschlauch treten, können wir kurzfristig anstatt Rohöl mehr Fertigprodukte von ausländischen Raffinerien importieren. Also mehr Benzin, Diesel, Heizöl und Flugpetrol. Für diese Umstellung braucht es nur ein bis zwei Wochen.
Und langfristig?
Dann würden wir Rohöl in vergleichbarer Qualität aus einem anderen Land beziehen. Zum Beispiel aus Algerien oder Nigeria.
Steigen bei uns jetzt die Benzinpreise, weil Gaddafi der Schweiz mit Sanktionen droht?
Dieser Konflikt ist ein bilaterales Problem zwischen der Schweiz und Libyen . Unsere Öl- und Benzinpreise richten sich aber nach dem Weltmarkt. Auf den internationalen Markt hat diese diplomatische Verstimmung kaum Einfluss. Da ist die Schweiz ein zu kleines Abnehmerland.
Sie erwarten also überhaupt keine Auswirkungen?
Wenn dieser Konflikt überhaupt einen Einfluss auf unseren Ölpreis hat, ist er vernachlässigbar.
Wie gross ist die Gefahr, dass Libyen Ernst macht und die Öllieferungen an uns boykottiert?
Das wäre absurd. Der libysche Staat besitzt eine der zwei Schweizer Raffinieren und über 320 Tamoil-Tankstellen. Libyen würde so das eigene Geschäft zerstören.
Interview: Matthias Pfander