Die Kritik am Entscheid von Moritz Leuenberger (62) über die Vergabe der Radio- und TV-Konzessionen wächst: Der Medienminister habe sich von schöngefärbten Zahlen blenden lassen.
Eine Woche nach der Konzessionsvergabe an Radio und Fernsehen kocht die Volksseele immer noch. Das drohende Ende für Energy Zürich aus dem Hause Ringier, in dem auch SonntagsBlick erscheint, wird am Montag im Zürcher Kantonsrat zum Thema. Gross ist der Ärger auch in der Innerschweiz. «Nach über 10 000 E-Mails kann ich sagen: Niemand begreift diesen Entscheid», sagt TeleTell-Geschäftsführer Bruno Hollenweger (47).Mit einem Plus von 366 Prozent weist der Sender aus
Luzern das grösste Wachstum aller Privat-TVs in der Schweiz auf. Trotzdem sollen die Gebührengelder künftig Tele 1 zufliessen, einem Sender, den es bis jetzt erst auf dem Papier gibt.Peter Wanner (64), Besitzer von TeleTell: «Unser Gesuch ist betriebswirtschaftlich. Tele 1 hat mit irrealen Annahmen gerechnet.»Tatsächlich «schlägt» das Gesuch aus dem Haus LZ Medien jenes von TeleTell bei weitem:Tele 1 verspricht 52 Vollzeitstellen, fast doppelt so viele wie TeleTell. Tele 1 spricht von Durchschnittslöhnen von 8000 Franken. Obergrenze bei TeleTell: 6700 Franken.Tele 1 verspricht mehr als dreimal so hohe Ausgaben für Weiterbildung als TeleTell.Tele 1 verspricht die 40-Stunden-Woche für seine Mitarbeiter. TeleTell macht keine Angaben.Wanner klipp und klar: «Tele 1 hat bewusst das Blaue vom Himmel niedergeschrieben, um bei Moritz Leuenberger und seinen Bundesbeamten Eindruck zu machen. Es befremdet mich, dass diese Taktik aufgegangen ist.» Gemäss Matthias Ramsauer, Mediensprecher beim Bundesamt für Kommunikation, hat das Leistungsversprechen bei der Beurteilung der Gesuche tatsächlich den Ausschlag gegeben.Den Vorwurf, man habe sich blenden lassen, weist er aber entschieden zurück: «Aus unserer Sicht konnte Tele 1 glaubhaft darstellen, dass sich der Betrieb auf diese Weise finanzieren lässt.» Zur Skepsis an seinen Zahlen äussert sich Tele-1-Projektleiter Jürg Weber (50) so: «Wir erhalten ja 2,3 Millionen Franken Gebührengelder. Diese investieren wir eben in das Personal, deshalb können wir mehr Stellen anbieten.»