Kritik an Schweizer Behörden Warum laufen 16 Frauenfelder Mafiosi noch frei herum?

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«Arbeit ist da», sagt der Mann im Video: «Erpressung, Kokain, Heroin. Zehn Kilo, zwanzig Kilo am Tag. Bring ich euch. Persönlich.»

Die Aufnahmen stammen aus dem Boccia-Club in Wängi TG. Dort trafen sich die Mitglieder der Mafia regelmässig zu Sitzungen. Zusammen mit über 800 Seiten Ermittlungsakten, die SonntagsBlick vorliegen, gibt das Video Einblicke in die Parallelwelt der kalabrischen 'Ndrangheta in der Schweiz.

In ihren Akten listen die italienischen Mafia-Jäger 18 Männer mit Wohnsitz in der Ostschweiz auf. Minutiös protokollierten sie über Jahre hinweg die Gespräche der Mafiosi. Am Ende der Ermittlungen werfen sie den 18 Männern unter anderem vor, mit Waffen und Betäubungsmitteln gehandelt zu haben, ausserdem Erpressung und Korruption.

Am 22. August verhaftete die italienische Polizei im Rahmen der Operation «Helvetia» zwei Mitglieder der Thurgauer Zelle. Antonio N. (65) und Raffaele A. (74) sitzen nun hinter Gittern. Doch die 16 anderen Mafiosi aus der Schweiz sind noch immer auf freiem Fuss. Sie arbeiten als Versicherungsagenten, bei Banken, einer sogar bei der Stadt Winterthur.

Auf Facebook posten sie Fotos aus den Ferien und von ihrer Familie. Offenbar fühlen sie sich sicher.

Doch nicht nur auf der Strasse in Frauenfeld, sondern auch in Kreisen der Ermittler fragt man sich: Warum laufen die Mafiosi noch immer frei herum? Warum belangt die Polizei sie nicht? Haben sie sich in der Schweiz etwa nicht strafbar gemacht?

Dabei steht in Artikel 260 des Strafgesetzbuchs klar: Wer sich an einer kriminellen Organisation beteiligt, «wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe bestraft».

Doch mit Ermittlungen im Mafia-Umfeld tun sich die Schweizer Behörden schwer. Der Zürcher Kriminologe und Strafrechtler Martin Killias (66) sagt dazu: «Die Schwierigkeit besteht darin, jemandem nachzuweisen, dass ihm bewusst war, dass er sich an einer kriminellen Organisation beteiligt.» Nicht nur in der Schweiz konzentrierten sich die Strafverfolgungsbehörden trotzem oft zu sehr darauf. «Das ist viel prestigeträchtiger als das Jagen gewöhnlicher Drogenbanden.»

Um den ganz grossen Fang zu machen, werde das Eingreifen gegen einzelne Delikte zurückgestellt – «man will dieses Milieu möglichst lange überwachen». Dies könne eine Erklärung dafür sein, warum man die Thurgauer Mafiosi so lange gewähren liess.

Killias fordert: «Die Ermittler sollten sich wieder auf Straftatbestände wie Drogenhandel konzentrieren.» Solche Verfahren seien einfacher und schneller.

«Auf dem Video aus dem Thurgau ist etwa von Drogenhandel in grossem Umfang die Rede», sagt Strafrechtler Killias. «Das dürfte für eine Verurteilung ausreichen – zumindest für das ‹Anstaltentreffen zum Drogenhandel›, was ebenfalls strafbar wäre.»

Auch der Zürcher Strafrechtler und Hells-Angels-Anwalt Valentin Landmann (64) kritisiert die Behörden: «Artikel 260 des Strafgesetzbuches ist ein Papiertiger.» In etwa 400 Fällen hätten Ermittlungen gegen kriminelle Organisationen in der Schweiz stattgefunden, doch die Verurteilungen seien an einer Hand abzuzählen. «Die Bundesanwaltschaft war alles andere als erfolgreich.»

Der deutsche Mafia-Experte Jürgen Roth sagt, die Schweiz tue generell zu wenig, um die organisierte Kriminalität zu bekämpfen. «Deshalb fühlen sich die Organisationen hier so wohl.» Er wisse von Fällen, wo die Ermittlungen stark behindert wurden, «von der Politik, von Vorgesetzten in den Behörden. Wo aussenpolitische Belange tangiert sind oder Banken, dann hiess es in der Vergangenheit oft: Finger weg und lieber nicht ermitteln.»

Die Bundesanwaltschaft will sich mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht mehr zur Operation «Helvetia» äussern. Sicher ist: Die 16 Mafiosi aus Frauenfeld sind nun gewarnt. Sie wandern nur dann in den Knast, wenn sie nach  Italien einreisen – und dabei der Polizei ins Netz gehen.

*Name bekannt

Publiziert am 31.08.2014 | Aktualisiert am 31.08.2014

Wie die Mafia ihr Geld wäscht

Goldbarren in Koffern, Dutzende von Rohdiamanten auf Zeitungen wie dem BLICK: Diese Bilder veröffentlicht der Rohstoffhändler, der für den Mafiosi C. L.* (55) aus Mettlen TG arbeitet, auf Facebook. Für Mafia-Experte Jürgen Roth ist klar: «Mit Gold und Diamanten wäscht die Mafia in der Schweiz ihr Geld.» Die Mafiosi hätten grosse Mengen an Bargeld, mit denen sie bei dubiosen Händlern Gold oder Diamanten kaufen. Damit gehen sie zu Banken, bevorzugt in Staaten wie Polen oder Montenegro. «Sie nehmen die Edelmetalle als Sicherheit und geben einen Kredit», erklärt Jürgen Roth. Damit ist die Mafia am Ziel: Das Geld ist auf einer Bank und kann legal in Aktien oder Immobilien investiert werden.

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Das bespricht die Mafia im Thurgau
Boccia-Club in Wängi: Hier hielten die Mafiosi ihre Treffen ab

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15 Kommentare
  • Abbas  Schumacher , via Facebook 31.08.2014
    Da fragt man sich, warum nicht sofort die Gesetze angepasst werden, wenn sie Zuwenig weit gegen solche Mafiosi wirken? sind unsere Juristen zu wenig interessiert, oder zu Dumm, die Gesetze anzupassen? Bei einigen Urteilen die in letzter Zeit gefällt worden sind, frage ich mich, wieso so ein Urteil, dass den Angeklagten mehr schützt als das Schweizer Volk? Diese Rückständigkeit, Gesetze der heutigen Zeit anzupassen, wer von den Verantwortlichen dafür ist da Zuständig? Schlaft, wenn ihr Tod seid!
  • Fritz  Frigorr , via Facebook 31.08.2014
    Einmal mehr ein Beweis dafür, wie sehr Schwerverbrecher jeglicher Art mit Duldung höchster Kreise aus Politik, Regierung und Justiz -wobei hier ja leider fast kein Unterschied besteht- in die Schweiz gelockt und hier "verwöhnt" werden. Und alle profitieren davon; am meisten bestimmt diejenigen Politiker, welche sich scheinbar so sehr um die Eigenossen kümmern.
  • Michael  Meienhofer aus Ostermundigen
    31.08.2014
    ,,gemäss diesen Angaben aus der Presse muss man vermuten, ein Teil unserer Justitz und Strafvollzugsbehörden sei schon durch die Mafiosi unterwandert...auch das wird auch so schwer sein, dies zu Beweisen wie dre Beweis von Mafiosi, einer kriminellen Organisation anzugehören. Eine Bankrotterklärung an unseren Staat und an unsere Gesetze !
  • Thomas  Siegler 31.08.2014
    ..laufen frei herum weil unsere Kuschelrichter die Hosen voll haben. Nur wenn kleine Kinder etwas anstellen trauen sie sch was zu unternehmen.
  • Hanspeter  Niederer 31.08.2014
    Das Ganze hat einen Namen: Bananenrepublik Schweiz. Warum werden diese Bandenmitglieder nicht an Italien ausgeliefert? Würde es in diesem Fall möglicherweise für Schweizer Banker, Politiker und Behördenmitglieder unangenehm?