SBB ergreifen Sofortmassnahmen Kondukteure trauen sich nicht mehr allein in Prügel-Züge

  • Publiziert: 10.02.2008, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Fredy Herren und Jan Fischer

BERN – Die Aufforderung ist immer freundlich: «Bitte alle Billette vorweisen». Doch zur Antwort setzt es immer öfter Prügel. Die Kondukteure haben Angst. Nach einem Krisengespräch ergreifen die SBB Sofortmassnahmen.

Sie werden getreten, geschlagen und gebissen: Schweizer Zugbegleiter haben einen zunehmend gefährlichen Job. Immer häufiger sind sie brutalen Angriffen von Fahrgästen ausgesetzt.

Besonders gefährlich: Die frühmorgendlichen Wochenendzüge rund um die Städte Genf und Zürich: Sie sind oft voller betrunkener Partygänger. Immer wieder kommt es hier zu brutalen Angriffen auf das Zugpersonal. «Diese Zugbegleiter gehen nur noch mit Angst zur Arbeit», sagt Peter Moor, Sprecher der Eisenbahnergewerkschaft SEV. Die Entwicklung sei «sehr besorgniserregend».

Allein im Jahre 2007 gab es 235 Attacken auf Zugbegleiter. «Und das sind nur die Angriffe, die zu Verletzungen und Arbeitsunfähigkeit geführt haben», betont Moor. Beschimpfungen, Schubsereien und Pöbeleien werden gar nicht mehr gezählt. «Die sind für das Zugpersonal bereits Alltag.»

BLICK weiss: Ende letzter Woche hat sich die SBB-Spitze mit führenden SEV-Leuten zu einem geheimen Krisengespräch getroffen. Das verängstigte SBB-Personal hatte seine Vertreter zu diesem Schritt gedrängt: Es seien Massnahmen auf höchster Ebene nötig, so der Tenor in der Gewerkschaftsbasis.

Das Resultat des mehrstündigen Gesprächs: Wie seit langem von den Personalverbänden gefordert, setzen die SBB in heiklen Zügen nun zwei Zugbegleiter ein – statt wie bisher nur einen. Im Doppelpack sollen sich die Kondukteure besser vor den Angriffen der prügelwütigen Passagiere schützen können.

Dies geschieht vorerst als Testlauf in der Westschweiz. Im Herbst will die SBB die Resultate dieses Versuchs dann auswerten. Und wenn nötig auf die ganze Schweiz ausdehnen.

Wie aggressiv gegen das Zugpersonal vorgegangen wird, zeigen Beispiele aus den letzten Wochen.

Samstag, 2. Februar, 3 Uhr früh im Bahnhof Brig VS. Ein SBB-Angestellter (55) ist mit dem Verpacken von Material beschäftigt. Von hinten nähert sich ein junger Bursche – und tritt mit voller Wucht zu. Ein Lokomotivführer (45) sieht das, will seinem Kollegen helfen. Doch der Schläger haut sofort auch auf ihn ein. Er richtet seine beiden Opfer übel zu: Der SBB-Arbeiter hat einen Nasenbeinbruch und Prellungen, der Lokführer eine Rissquetschwunde im Gesicht. Beide werden arbeitsunfähig geschrieben. Der brutale Schläger ist jetzt in U-Haft: Ein Kosovo-Albaner (17) mit Schweizer Pass aus dem Oberwallis.

Donnerstag, 3. Januar. Im Regionalzug Pruntrut-Delsberg bespuckt und beschimpft eine junge Südamerikanerin zwei Kontrolleure. Sie schlägt um sich und beisst einen der beiden Männer in den Arm. Einem Reisenden schlägt sie die Brille kaputt. Die Frau wird festgenommen. Der Beamte muss zum Aids-Test und fällt länger aus.

Dienstag, 8. Januar. Auch im ICN-Zug Lausanne-Yverdon beisst eine Frau zu. Diesmal in den Arm einer Zugbegleiterin.

Schlimm wars schon vor den Festtagen. Bei mehreren Attacken wurden Zugbegleiter getreten, gewürgt und mit Fäusten geschlagen. In einem Fall griff ein Fahrgast einen Kondukteur sogar mit dem Messer an.

Die SBB wollen trotz Sofort-massnahmen nicht dramatisieren. Ihr Sprecher Jacques Zulauf gegenüber BLICK: «Wir haben keine Zunahme der Gewaltakte gegenüber Reisenden und dem Personal festgestellt.» Für den Präsidenten des Zugpersonalverbands, Jürg Hurni, ist die Massnahme der Doppelbegleitung zwar nur «ein Anfang». Aber er ist zufrieden: «Endlich haben die SBB das Problem ernst genommen.»

Euro 08: Angst vor Hooligans

BERN – Die Euro 08 naht. Und damit auch eine Horde von prügelnden Fussballfans.

Das Zugpersonal schaut mit gemischten Gefühlen auf die bevorstehende Fussball-Europameisterschaft. «Da viele Fans mit der Bahn zu den Spielen reisen, sind kritische Situationen bereits vorprogrammiert», sagt ein besorgter Zugbegleiter gegenüber BLICK.

Das Zugpersonal fürchtet sich vor Hooligans, alkoholisierten Fans und enttäuschten Verlierern, die ihre Aggressionen in der Eisenbahn ausleben.

Um sich vor Übergriffen zu schützen, hofft das Personal auf die Weitsicht der SBB. Die Konzernleitung müsse bei kritischen Zügen unbedingt für die Sicherheit ihrer Angestellten sorgen, fordert Gewerkschaftssprecher Peter Moor. Auch hier wären Doppelbegleitungen eine Möglichkeit.

Andererseits meldeten sich viele SBB-Angestellte freiwillig für die notwendige Zusatzarbeit während der Euro 08, weiss Moor. «Sie wollen allen beweisen, dass wir hier in der Schweiz tatsächlich den besten öffentlichen Verkehr der Welt haben.»

Jan Fischer/Fredy Herren

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