Kondukteure sollen Essen servieren

  • Aktualisiert am 19.01.2012
  • Von Geri Holdener und Thomas Ley

BERN – Die SBB machen sich Sorgen um leere 1.-Klass-Abteile. Jetzt bietet die Bahn den neuesten Luxus: den Kontrolleur, der erst das Billett will — und dann das Zmittag bringt.

Ist das nun Zusatzservice? Oder ein Sparprogramm? Ab August heisst es in der 1. Klasse auf der Gotthardstrecke: «Bitte Billette vorweisen – und darf ich Ihnen etwas zu essen bringen?»

Wie bitte? Doch die SBB meinen es ernst: «Wir wollen so die Attraktivität der 1. Klasse steigern», bestätigten sie gestern per Communiqué. Dabei wollte die Bahn den vom 1. August 2009 bis Dezember 2010 befristeten «Pilotversuch» nicht an die grosse Glocke hängen. Denn die Idee war nicht mit der Gewerkschaft abgesprochen.

Und so gehts: Der Kondukteur gibt den 1.-Klass-Passagieren bei der ersten Billett-Kontrolle die Karte fürs ganze Speisewagen-Sortiment ab. Beim zweiten Besuch nimmt er die Bestellung auf und leitet sie an den Speisewagen weiter. Wenn es bereit ist, holt er das Essen in der Küche ab – und bringt es dem Passagier an den Platz.

Nicht ohne Grund wählten die SBB als Teststrecke für dieses Projekt die Gotthardlinie zwischen Arth-Goldau und Bellinzona. Denn nirgendwo in der Schweiz fährt ein Zug länger ohne Halt: 93 Minuten nonstop. Das macht hungrig.

Dann dürfen sich die 1.-Klass-Passagiere also freuen? Nicht unbedingt. Denn der Personalverband ist sauer über «Buon appetito am Gotthard» – so heisst der Pilotversuch.

«Da hat man ein paar Kollegen mit der Aussicht auf angebliche zusätzliche Trinkgelder geködert!», ärgert sich Jürg Hurni vom Personalverband SEV.

An hausinternen Info-Abenden hätten die SBB-Oberen emsig die Werbetrommel gerührt. Immer weniger Passagiere seien bereit, massiv mehr für die 1. Klasse zu berappen – die Sitze in der 2. Klasse seien ja so bequem wie diejenigen in der 1. Klasse.

Die Lösung: Mehr Wert, mehr Schick, mehr Service. Aus dem Neigezug wird der Verneigezug.

Immerhin 150 Kondukteure liessen sich für den Pilotversuch gewinnen. «Die bilden wir jetzt aus», sagt Yvo Locher, Chef der SBB-Catering-Firma Elvetino, «und zeigen ihnen, wie man Gästen nicht nur Wurst, sondern Züri-Gschnätzlets an den Platz bringt.»

Bitte halten Sie also Ihre Billette bereit – und Ihr Trinkgeld.


SBB-Kondukteure als 1.-Klass-Kellner. Schreiben Sie uns Ihre Meinung!

- Illustration: Igor Kravarik

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