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Die zwölfjährige Kader kommt in die Schweiz, um bei ihrer Tante zu wohnen. Schnell wird klar, dass sie hier aber kein behütetes Kinderleben führen wird: Das Mädchen muss um fünf Uhr aufstehen, mit der Hausarbeit beginnen und die jüngeren Kinder ihrer Tante versorgen. Sie hat zu putzen und für die ganze Familie einzukaufen. Ansonsten darf sie das Haus kaum je verlassen. Einen Lohn erhält Kader nicht, lediglich Kleider.
Kader ist mit ihrem Schicksal nicht alleine. Ein von «Terre des Hommes» in Auftrag gegebener Bericht zeigt, dass in der Schweiz 12- bis 18-jährige Mädchen aus Südamerika, Afrika und Osteuropa für die Hausarbeit ausgebeutet werden. Zahlen nennt der Bericht aufgrund der hohen Dunkelziffer keine. Meist haben die Mädchen zu grosse Angst, über ihre Arbeitgeber zu sprechen.
Doch nicht nur Ausbeutung von Kindern ist in der Schweiz Realität geworden – auch der Handel mit ihnen kommt vor. Die Stiftung «Terre des Hommes – Kinderhilfe» in Lausanne (TdH) geht von «hunderten von ausländischen Kindern» aus, die ohne Begleitung in der Schweiz leben. Sie sind entweder bereits Opfer von Kinderhandel oder aber stark gefährdet, dies zu werden.
«Eltern schicken ihre Kinder hierher, aus ökonomische Gründen oder weil sie sich für sie ein gute Ausbildung erhoffen», so Muriel Langenberger von TdH. Oft kommen diese in Begleitung eines bezahlten falschen Onkels in die Schweiz. Hier haben sie dann aber weder einen Asylstatus noch eine Aufenthaltsbewilligung- und sind damit der Willkür ihrer «Begleiter» schutzlos ausgeliefert.
So erging es auch der knapp 16-jährigen Silvia* aus Westafrika. Ihre Eltern vertrauten sie laut TdH einem Mann an, der zusicherte, der Tochter in der Schweiz gegen Geld eine Ausbildung zukommen zu lassen. Gleich nach der Ankunft wird Silvia aber in ein Zimmer gesperrt, bedroht und von mehreren Männern vergewaltigt. Sie kann schliesslich flüchten und kommt bei einer Landsfrau unter. Dann greift die Polizei sie auf und gibt ihr eine Frist, das Land zu verlassen. Doch heute ist Silvia spurlos verschwunden.
Schlupflöcher für Kinderhandel tun sich aber auch bei der Schweizerischen Adoptionspraxis auf. Schon der Bericht des Bundesrates 2006 über Adoption in der Schweiz macht stutzig: Es zeigt sich, dass in den Jahren 2003 und 2004 zusammen 74 Kinder aus Rumänien adoptiert wurden. Eine Einreisebewilligung erhielten offiziell jedoch nur 27 rumänische Kinder. Im gleichen Zeitraum wurden 139 Kinder aus Kolumbien adoptiert. Aber lediglich 59 kolumbianische Kinder reisten in die Schweiz ein. Wenn mehr Kinder adoptiert wurden, als einreisten, liegt der Verdacht nahe, dass einige illegal ins Land geschleust und also auch gehandelt wurden.
Nachgefragt, wie diese Unterschiede zu erklären seien, relativieren die Behörden. Es sei möglich, dass die Einreisebewilligung lange vor der Adoption erteilt worden sei und sich die Zahlen deswegen nicht deckten. Oder: Nicht alle Kantone würden alle adoptierten Kinder erfassen.
Dennoch: Zusammen mit dem teilweise auf dubiose Geschäfte setzenden Adoptionsdschungel Schweiz (siehe Box) lassen sich die im Bericht leicht zu errechnenden Fälle – mehr adoptierte ausländische Kinder als legal eingereiste – kaum befriedigend erklären.
Auch der Chef vom Bundesamt für Migration, Dominique Boillard, gesteht ein: «Es gibt Fälle von Kinderhandel, da bin ich mir sicher». Aber nur mit Zahlen alleine liesse sich dies kaum belegen. Derweil werfen Hilfsorganisationen den Behörden Blauäugigkeit vor.
Die «Insel Schweiz» wird nicht mehr verschont von Ausbeutung oder vom Handel mit der «Ware Kind» – beides ist in der einen oder anderen Form auf dem Vormarsch. Christoph Kipfer von der Kantonspolizei Bern spricht zwar noch vom «eidgenössischen Rückstand». So seien etwa Fälle von Organhandel oder von fest organisierter Kinderarbeit noch nicht bekannt (siehe Box rechts). Mit Blick auf die Entwicklung in Europa sei aber mittelfristig auch in der Schweiz mit derlei zu rechnen.
(* Name geändert)