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Beim Lesen dieser Zahlen dürfte Thomas Zeltner (61) leer schlucken: 86,4 Prozent der Schweizer Bevölkerung ignorieren seinen Rat als Chef des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Sie wollen sich nicht gegen die Schweinegrippe impfen lassen!
Dieses eindeutige Resultat ergab eine repräsentative Umfrage von SonntagsBlick und «il caffè». Nicht weniger unwillig zeigen sich die Politiker: In einer grossen SonntagsBlick-Erhebung gaben 71,6 Prozent von 116 National- und Ständeräten an, die drohende H1N1-Pandemie ohne Impfschutz aussitzen zu wollen.
Ist das BAG an diesem Impf-Fiasko selbst schuld – weil es zu früh und zu heftig auf den Panik-Knopf drückte?
Das schlechte Ergebnis mag Da-niel Koch, den BAG-Leiter für übertragbare Krankheiten, «nicht erstaunen». Die Bevölkerung könne sich nicht vorstellen, wie sich eine Pandemie anfühle. Noch nicht. Erfunden habe das BAG diese nicht. «Die Grippe kommt so sicher wie das Amen in der Kirche», sagt Koch.
Kritik an der millionenteuren Infokampagne seiner Behörde weist er von sich: «Es ist keine leichte Aufgabe, die Balance zwischen Verharmlosung und Panikmache zu wahren.»
Eine Relativierung, die SP-Nationalrätin Simonetta Sommaruga (49) so nicht akzeptiert. «Die ersten Informationen über eine bevorstehende Schweinegrippe-Epidemie waren drastisch und undifferenziert», kritisiert die Konsumentenschützerin. «Das BAG wollte den Eindruck erwecken, dass man alles im Griff hat.» Besser wäre gewesen, das BAG hätte offen über die Unsicherheiten gesprochen.
Chaotisch, unklar und vage scheint zurzeit noch beinahe alles: Erst am Freitag gab die Arzneimittelbehörde Swissmedic zwei H1N1-Impfstoffe frei. Beide enthalten einen Wirkverstärker (Adjuvans), dessen Sicherheit besonders in Deutschland umstritten ist. Ein Impfstoff ohne Adjuvans ist in der Schweiz nicht zugelassen.
Zudem kommt die Massenimpfung spät, vielleicht zu spät: Der erste Schweizer Nadelstich erfolgt Mitte November – Wochen oder sogar Monate später, als Länder wie Deutschland, Frankreich, China und Australien ihre Impfkampagnen gestartet haben. Geimpft werden vorderhand Risikogruppen: Schwangere, chronisch Kranke, das Gesundheitspersonal – erst im Dezember kommt der Rest der Bevölkerung an die Reihe. Verlorene Zeit, in der sich zig Tausende Schweizer zusätzlich mit dem Virus anstecken werden.
Mit insgesamt 13 Millionen Dosen hat das BAG viel zu viel Impfstoff bestellt. Die Schweiz sei in einer «privilegierten Lage», schlussfolgerte BAG-Chef Thomas Zeltner feierlich. Fakt ist: Aktuell ist nur ein Bruchteil davon verfügbar, 240000 Dosen des Novartis-Impfstoffs «Focetria» und 600000 «Pandremix»-Dosen des Herstellers GlaxoSmithKline (GSK).
«Wir haben bis Mitte November nicht genügend Impfstoff», räumt Daniel Koch ein. GSK habe aber versprochen, wöchentlich nachzuliefern. «Ganz wichtig ist, dass sich die Risikopatienten impfen lassen», so Koch. Wie das gehen soll, ist schleierhaft: Die Risikogruppen in der Schweiz umfassen allein zwei Millionen Menschen.