10 Monate eingesperrt und gequält!

  • Publiziert: 02.12.2005, Aktualisiert: 03.01.2012

OBERGLATT ZH – Die jungen Pitbulls, die gestern Süleyman (6) töteten, mussten monatelang in einem Raum darben und wurden misshandelt.

Der 41-jährige Italiener, dem die Hunde gehörten, weilte in der Schweiz, um die Jungtiere zu verkaufen. Er sitzt wegen Vertuschungs- und Fluchtgefahr in U-Haft, genauso wie sein Bekannter. Die Freundin des Pitbull-Züchters befindet sich in einer psychiatrischen Klinik. Gegen alle drei hat Staatsanwältin Susanne Steinhauser ein Strafverfahren wegen fahrlässiger Tötung eröffnet.

Die Untersuchungsrichterin machte heute erste detaillierte Angaben, wie es gestern zum Drama gekommen war, bei dem der 6-jährige Kindergärtler Süleyman von drei Kampfhunden zerbissen wurde.

Der Besitzer hatte die sechs Hunde in ein provisorisches Verliess auf der Terrasse der Parterrewohnung seines Bekannten gesperrt. Dies, weil die Hunde die Wohnung völlig mit Fäkalien verdreckt hatten. Drei Junghunden gelang es zu flüchten, worauf sie beim nahe gelegenen Weg auf das Kind stiessen und dieses sofort angriffen.

Bei fünf der insgesamt sechs Pitbulls handelte es sich um 15 Monate alte Jungtiere. Der Besitzer hatte sie erst wenige Tage zuvor aus Italien eingeführt, um sie hier zu verkaufen. Der sechste, ausgewachsene Hund war schon länger in der Schweiz.

Die Tiere wurden laut Steinhauser unter haarsträubenden Bedingungen bei der 78-jährigen Mutter des Besitzers in Italien aufgezogen. Sie seien zehn Monate in einem abgeschlossenen Raum gewesen, niemals spazieren geführt und misshandelt worden. Steinhauser verwies auf Narben an den drei nach dem Vorfall eingeschläferten Hunden.

Die Tiere seien jedoch legal in die Schweiz eingeführt worden, sie verfügen über den erforderlichen Hundechip und Hundepass, beides in Italien ausgestellt. Die Schweiz kennt kein Einfuhrverbot für bestimmte Hunderassen.

Werner Benz, Sprecher der Kantonspolizei, bestätigte, dass der Hundebesitzer den Behörden einschlägig bekannt war: Er hatte im April eine Busse erhalten, weil zwei seiner Pitbulls in Wetzikon ZH herumstreunten.

Keine näheren Angaben machten die Behörden zum Opfer, das heute Morgen obduziert wurde. Der Bube wird in der Türkei beerdigt.

Trauern um Süleyman

Die Gemeinde Oberglatt hat heute Freitag mit einem Schweigemarsch um den am Vortag von Kampfhunden getöteten sechsjährigen Knaben getrauert. Mehrere hundert Menschen, darunter viele Kinder, begaben sich am frühen Abend zum Tatort und stellten Kerzen auf. Er wolle damit seine tiefe Anteilnahme mit dem Opfer und seiner Mutter ausdrücken, sagte der Organisator des Schweigemarsches, Rolf Schweizer.

Was taugt ein Verbot?

Bundesrat Joseph Deiss zeigte sich am Freitag schockiert über den Vorfall. Im Namen des Bundesrats drückte er den Angehörigen sein Beileid aus. Deiss kündigte an, das Gesetz zu verschärfen. «Die gegenwärtige Situation ist unbefriedigend», sagte er. Er habe das Bundesamt für Veterinärwesen (BVET) beauftragt, Massnahmen zu prüfen.

Forderungen nach Vorkehrungen wurden am Freitag auch von anderen Seiten laut. Der Walliser Staatsrat Thomas Burgener etwa kündigte ein Begehren an, gefährliche Hunderassen landesweit zu verbieten. Und im Kanton Zürich möchte eine Parlamentarische Initiative das Hundegesetz nach dem Vorbild der beiden Basel revidieren.

Die dortigen Gesetze enthalten unter anderem eine Liste mit potenziell gefährlichen Rassen. Das Halten dieser Rassen ist bewilligungspflichtig. Für den Halter nötig sind etwa ein Mindestalter und ein makelloser Leumund. Die Hunde müssen mit einem Mikrochip gekennzeichnet sein und einen Charaktertest bestehen.

Rassenverbote sind allerdings umstritten. Der Direktor des BVET, Hans Wyss, etwa sagte gegenüber Schweizer Radio DRS: «Rassenverbote wurden breit diskutiert und Experten sind zum Schluss gekommen, dass sie nichts taugen.»

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