Jürg Brechbühl, Direktor des Bundesamts für Sozialversicherungen, über Gewalt in den Städten «90'000 Jugendliche sind Gelegenheitsschläger»

Jürg Brechbühl über die Schweizer Jugend und Gewalt. «Rund 25000 Jugendliche sind wiederholt in Schlägereien verwickelt», sagt er.

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Herr Brechbühl, heute beginnt in Genf die zweite Natio­nale Konferenz «Jugend und Gewalt». Wie gewalttätig ist die Schweizer Jugend?
Jürg Brechbühl:
Die Schweizer Jugend ist friedlich, auch im Vergleich mit unseren Nachbarländern. Nur ein kleiner Teil der Jugendlichen macht Probleme. Bei uns gibt es zum Beispiel auch nicht das Phänomen der Jugendbanden, wie es in Frankreich der Fall ist.

Wie sind die Zahlen?
2012 wurden 1700 Jugend­liche wegen Gewaltdelikten verurteilt. Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs.  

Was heisst das?
Neben den Verurteilten gibt es verschiedene Risikogruppen, deren Grösse man nur schätzen kann. Bei einer problematischen Gruppe handelt es sich um rund 25000 Jugendliche, die wiederholt in Schlägereien verwickelt sind, auch in schwere. Daneben gibt es noch eine Gruppe von rund 90000 Gelegenheitsschlägern. Also solche, die ein- oder zweimal in eine Schlägerei verwickelt sind: beispielsweise im Ausgang oder an einem Fussballmatch, aber nicht in gravierendem Mass.  

Gibt es Unterschiede zwischen jungen Männern und Frauen?
80 Prozent der Verurteilten sind Männer. Bei jungen Frauen ist mehr psychische Gewalt im Spiel. Und sie üben häufiger Gewalt gegen sich selbst aus.  

Wie hat sich die Zahl der Gewalttaten in den letzten Jahren entwickelt?
Seit 2009 nimmt die Gewalt allgemein ab. In den Städten dagegen steigt sie an. 50 bis 70 Prozent der Gewaltbetrof­fenen – Täter und Opfer – sind zudem Auswärtige. Das heisst, sie kommen in die Stadt in den Ausgang und sind in Gewalt verwickelt.

Welche Konsequenzen müssen gezogen werden?  
Das Hauptproblem liegt bei den 16- bis 18-Jährigen. Für Jugendzentren sind sie zu alt, für Club-Besuche haben sie aber zu wenig Geld.

Wie kann das Problem gelöst werden?
Jugendliche sollten nicht auf der Strasse sein. Wir müssen ihnen Räume bieten. Das heisst, die öffentliche Hand könnte zum Beispiel mit Clubs zusammenarbeiten. Dort sollten dann auch alkoholfreie Getränke billiger angeboten werden.

Was noch?
Sinnvoll ist auch die Förderung nichtkommerzieller Angebote. Vielerorts werden schon heute zum Beispiel in der Nacht die Turnhallen geöffnet. In der Stadt Zürich hat man auch gute Erfahrungen gemacht mit Partybewilligungen für Jugend­liche. Das heisst, sie können Partys feiern, die bewilligt sind und einen klaren Rahmen haben.  

Was halten Sie von einer Wiedereinführung der Polizeistunde und einem Verkaufsverbot für Alkohol, wie es der Präsident des Städteverbandes fordert?
Ich möchte mich nicht in diese Diskussion einmischen. Grundsätzlich halte ich das Bedürfnis, in den Ausgang zu gehen, für absolut legitim. Ich halte aber eine verstärkte Polizeipräsenz für sinnvoll. Wichtig ist auch die vorpolizeiliche Arbeit. Das heisst, es sollten vermehrt auch Sozialarbeiter im Einsatz sein, die einschreiten könnten, wenn sich Probleme anbahnen.

Wie steht es mit Prävention?
Mit Gewaltprävention wollen wir erreichen, dass der Topf der Hardcore-gewalttätigen Jugendlichen möglichst klein ist.

Mit welchen Massnahmen wollen Sie das erreichen?
Es gibt sehr viele gute Beispiele von Präventionsmassnahmen. Wichtig ist, bereits bei Familien anzusetzen. Wer als Kind Gewalt erfährt, der teilt auf der Gasse auch schneller aus.

Ein Beispiel?
In Zürich wird an den Schulen «Pfade» eingesetzt. Das ist ein Lehrmittel zur Förderung von sozialen Kompetenzen und soll helfen, der Gewalt vorzubeugen. Und in Luzern gibt es zum Beispiel einen Familienberatungsdienst.

Was sagen Sie zum Fall Carlos, der im Sommer für Schlagzeilen sorgte?
Konkret zum Fall möchte ich mich nicht äussern. Es wäre wahrscheinlich einfach gut gewesen, wenn auch bei ihm mit Gewaltprävention vorgebeugt worden wäre.

Sie sind Direktor des Bundes­amtes für Sozialversicherungen. Was tut eigentlich der Bund?
Wir unterstützen Pilotprojekte und den Erfahrungsaustausch unter Fachleuten.

Publiziert am 14.11.2013 | Aktualisiert am 13.11.2013
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11 Kommentare
  • Christian  Dürig aus Bern
    14.11.2013
    Das ist ja völlig harmlos, denn das sind nur 1 Prozent der Gesamtbevölkerung. Weshalb darüber diskutiern, wenn es viel mehr Steuerhinterziehenr gibt. Das schlägt zu Buche !
  • Roland  Andregg 14.11.2013
    Der Sinn des Lebens besteht doch heute darin, höchst Leistung ab dem ersten Schultag zu erbringen für eine Wirtschaft die uns dann auf moderne Weise ausbeutet. Die heutige Technick wie Samrtphones Internet etc. treibt die Jugend nur noch mehr davon weg, den Sinn des Lebens zu erkennen zu können und ein entsprechend gewaltfreises Leben zu führen. Die Jugend ist nur ein Symtom das sich eines Tages auf die ganze Gesellschaft ausbreiten wird. Die Ursache ist aber ganz wo anders.
  •   Müller Roger aus Therwil
    14.11.2013
    Wir bezahlen den Preis für die ach so hoch gelobte antiautoritäre Erziehung. Kein Respekt mehr weder vor Eltern oder sonst irgendwelcher Respektspersonen gegenüber.
  • Ronnie  Simeon 14.11.2013
    Es ist eine Frechheit von der Schweizer Jugend zu sprechen. Über 95 Prozent aller Schläger haben einen Migrationshintergrund. Das ist Realität und sollte nicht unter den Tisch gewischt werden. Legt endlich die richtigen Zahlen auf den Tisch. Schweizer, Schweizer mit Migrationshintergrund, Ausländer.
  • Lorenz   Müller 14.11.2013
    Ich denke nicht, dass die Jugend heute mehr prügelt als früher. Was hingegen erschreckend ist, ist die aussergewöhnliche und hemmungslose Gewalt, mit der heute vorgegangen wird. Früher hat man von jemandem, der am Boden lag oder blutete, abgelassen, heute wird weiter drauflos geprügelt, bis sich das Opfer nicht mehr bewegt oder nie mehr bewegt. Ausserdem tragen heute viele eine Waffe bei sich. Wieso geht man gegen solche teilweise sogar bekannte nicht rigoros vor?