Wegen Medikamenten, Prothesen, Herzschrittmachern: Jeder dritte Friedhof muss saniert werden

  • Aktualisiert am 20.01.2012
  • Von Walter Hauser
Gottesacker-Job Erich Aeschlimann weiss, wie gute Friedhoferde beschaffen sein muss.- Sabine Wunderlin

Die Friedhofsanierer in der Schweiz haben Hochkonjunktur. Sie müssen Tausende Leichen exhumieren und Platz für umweltverträgliche Gräber schaffen.

Seit sechs Wochen ist ein ganzer Trupp von Bauarbeitern auf dem Friedhof von Kilchberg ZH
mit einer makabren Arbeit beschäftigt: Sie müssen 220 Leichen ausgraben. Auf diese Weise entsteht Platz für ebenso viele künftige Gräber. Im Unterschied zu den alten Grabstätten werden diese mit einem ausgeklügelten Entwässerungssystem versehen.

Kilchberg ist kein Einzelfall: Ungefähr jeder dritte von insgesamt 3600 Gottesäckern in der Schweiz muss aus Umweltgründen saniert werden. «Friedhöfe sind heute Betriebe mit erhöhtem Risikopotenzial», sagt der Sankt Galler Regierungsrat Willi Haag (61), Präsident der Schweizerischen Umweltdirektorenkonferenz. Die Gemeinden müssten so schnell wie möglich handeln und ihre Friedhöfe auf den neusten technischen Stand bringen.

Die Beschaffenheit von Leichen hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Tote sind nicht mehr, wie früher, eine Biomasse aus Fleisch und Blut, die sich im Erdreich rasch und auf natürliche Weise zersetzt, sondern «mit unzähligen Chemikalien angereicherte Ersatzteillager». So formuliert es ein Zürcher Leichenbestatter, der nicht namentlich genannt sein will.

Zusammen mit der Leiche werden vielfach Herzschrittmacher, Prothesen, Röntgen-Kontrastmittel, Amalgamfüllungen und Unmengen von Medikamentenrückständen «beerdigt».

Die auf Friedhofsanierungen spezialisierte Altdorfer Firma Tony Linder & Partner AG leitet das Projekt in Kilchberg. Ihre Arbeit sorgt dafür, dass sich die sterblichen Überreste im lehmigen Untergrund des Friedhofs abbauen und nicht ins Grundwasser oder in den nahegelegenen Zürichsee gelangen.

«Wir wollen eine saubere und umweltgerechte Erdbestattung sicherstellen», sagt Erich Aeschlimann (39), Geschäftsführer des Unternehmens.

Hunderte von Gemeinden haben diese Notwendigkeit bereits erkannt und Massnahmen getroffen. «Die Stadt Zürich hat ihre Hausaufgaben auf diesem Gebiet gemacht», sagt etwa Axel Fischer (44), Leiter Unterhalt Grün der Stadt Zürich. Die in geologisch problematischem Gebiet gelegenen Friedhöfe in Witikon und am Uetliberg haben bereits die nötigen Entwässerungs- und Belüftungssysteme.

In vielen Landgemeinden des Schweizer Mittellandes herrscht jedoch Nachholbedarf. Grossflächige Sanierungen werden demnächst beispielsweise in den Gemeinden Seuzach ZH, Ruswil LU und Schüpfheim LU in Angriff genommen, je nach Grösse des Friedhofs kann dies Monate oder sogar Jahre dauern.

Wegen der lehmigen Böden im Mittelland kommt ein weiteres Problem hinzu: Die Leichen verwesen teilweise gar nicht. Bei Exhumierungen kommen statt vermoderter Skelette gut erhaltene «Wachsleichen» zum Vorschein. Die sehen noch viele Jahre nach ihrer Bestattung beinahe wie lebendige Menschen aus.

Regierungsrat Willi Haag, ehemaliger Gemeindepräsident von Wittenbach SG: «Als in unserem Dorf Leichen ausgegraben wurden, erkannte ein Friedhofsanierer seinen bereits vor 40 Jahren verstorbenen Lehrer wieder.»

So werden Gräber ausgehoben

Jede Friedhofsanierung beginnt mit der Exhumierung der Toten. Die Überreste werden in eine speziell hergerichtete Gebeinegruft umgebettet. Nachdem das Grabfeld ausgebaggert ist, folgt der Einbau von Entwässerungsanlage und Kanalisation. Anschliessend wird das Grabfeld mit einer neuen Humusschicht aufgefüllt. Das Gemisch verfügt über einen bestimmten Säuregehalt, ist wasser- und luftdurchlässig. Dieses System stellt die Verwesung der Leichen sicher. Die Firma Linder in Altdorf hat es patentieren lassen.

Letzte Ruhe

Die Beerdigung war jahrhundertelang die einzige von der katholischen Kirche erlaubte Bestattungsart. Das änderte sich durch einen päpstlichen Erlass von 1964, der auch Kremationen zuliess. Seither nehmen diese Verfahren in der Schweiz sprunghaft zu. In den Städten beträgt der Anteil von Feuerbestattungen bereits 80 Prozent. Aber auch auf dem Land drängen sie die Erdbestattung immer mehr zurück. Das hat auch einen finanziellen Grund: Viele Gemeinden kommen für die rund 500 Franken teure Kremation selbst auf, Beerdigungskosten (etwa 1000 Franken) müssen dagegen meist Verwandte des Verstorbenen tragen.
Unruhe Auf dem Friedhof in Kilchberg werden 220 Leichen ­exhumiert.- Sabine Wunderlin

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