Jamina war 13, als sie in Genf zur Haushalts-Sklavin gemacht wurde «Sie haben mir mit Zigaretten den Arm verbrannt»

GENF GE - Hunderte von jungen Mädchen werden in Haushalten versklavt und misshandelt, nicht selten auch sexuell.

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Es geschieht im Verborgenen. Nur selten dringt der stumme Schrei einer «Petite bonne», einer kleinen Dienstmagd, durch die noblen Fassaden ihres Gefängnisses. Es sind blutjunge Mädchen, die von ihren Eltern an reiche Familien verkauft wurden – oder mit falschen Versprechungen weggelockt. Dann werden sie eingesperrt, misshandelt, als rechtlose Dienstmagd missbraucht – nicht selten auch sexuell.

«Es sind Hunderte in der Schweiz», sagt Anne Marie von Arx-Vernon (68), «nicht nur in Genf, auch in Zürich, Basel oder Bern. Überall.» Die Genfer CVP-Grossrätin ist Psychologin und hilft seit 1997 Opfern von Menschenhandel im Genfer Frauenhaus Au Coeur des Grottes. 198 Mädchen fanden in diesen Jahren dort Schutz.

Sie kommen aus allen Teilen der Welt, aus Marokko, Ko­lumbien, Äthiopien, Eritrea, Schwarzafrika, aus dem Ko­sovo, von den Philippinen – und seit ein paar Jahren in steigender Zahl aus der Mongolei.

Die Marokkanerin Jamina (22) war eine solche Haushaltssklavin. Heute hat sie in Genf eine neue Heimat gefunden. Ihre Geschichte gleicht derjenigen vieler ihrer Leidensgenossinnen. Jamina will sie erzählen – nur, erkannt werden will sie nicht. Die Angst steckt ihr noch immer in den Knochen.

«Eine Nachbarin in meinem Heimatort erzählte meiner Mutter, dass ich in der Schweiz zur Schule gehen könne», berichtet Jamina. Die Mutter willigt ein. Die Tochter wird nach Genf gebracht. Jamina ist gerade 13 Jahre alt. Ihr Gefängnis: eine Drei-Zimmer-Wohnung. Ihre Herrinnen: zwei Marokkanerinnen. Die eine ist die Mutter eines achtjährigen Buben, die andere die Grossmutter. Sie nehmen Jamina sofort den Pass ab. Zur Schule darf sie nicht. «Ich musste bis zwei Uhr morgens schuften, hatte nie ­einen Tag frei», sagt Jamina. Sie schläft im Gang, zu essen bekommt sie Reste. Geld sieht sie nie. Den Kontakt zu ihrer Familie in Marokko haben die Herrinnen gekappt. «Wenn ihnen mein Essen nicht schmeckte oder ich etwas fallen liess, schlugen sie mich mit dem Telefonkabel. Sie haben mir auch mit Zigaretten die Arme verbrannt.»

Jamina weint viel, aber nie laut. Zwei Jahre dauert das Martyrium. Dann wird sie von einer Nachbarin befreit. Jamina kommt im Frauenhaus Au Coeur des Grottes unter. Ihre Peinigerinnen landen zwar vor Gericht, kommen aber mit Bewährungsstrafen davon.

Selten genug kommt es zu einem Prozess. «Häufig reisen Familien im diplomatischen Dienst mit Haushaltssklaven in die Schweiz», sagt Daliborka Jankovic (31) von der Schweizer OSZE-Delegation. «Sie geniessen Immunität, und es ist schwierig, Opfer zu identifizieren.» In vielen Ländern wie den Golfstaaten sind «Petites bonnes» eine Selbstverständlichkeit.

Bekannt ist das nicht erst seit dem Fall Hannibal Gaddafi (41) und dessen Ehefrau Aline (36). Der Sohn des damaligen libyschen Diktators misshandelte 2008 in einem Genfer Luxus­hotel zwei Diener. Die zeigten ihre Herrschaft an. Das Ehepaar Gaddafi wurde festgenommen. Es war der Beginn einer Staatsaffäre.

Publiziert am 28.10.2016 | Aktualisiert am 06.11.2016
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22 Kommentare
  • Katharina  Sutter Parthé aus Petit Lancy
    28.10.2016
    Das ist zwar eine Bagetelle, aber die mit derm CD Nummer müssen nicht mal die Busse für Falschparkieren bezahlen. Ihre Autos stehen oft an unmöglichen Orten. Als 1973 die drei autofreien Sonntage statt fanden, kurvten viele von denen trotzdem umher, ihre Autos wurden aber von Passanten mit Steinen beworfen. Die Einheimischen ärgern sich verständlicherweise über dieses Gebaren.
  • Stefan  Koster , via Facebook 28.10.2016
    Da gibt es einen schönen Film auf Youtube "Moderne Sklaverei in Dubai". Das mag ja in den ach so aufgeklärten arabischen Ländern nichts verwerfliches sein, aber dass wir solche barbarischen Zustände bei uns akzeptieren, ist beschämend. Die, die dabei wegschauen machen sich mitschuldig.
    • Susanne  Reich 28.10.2016
      Gilt auch bei Mobbing, Kindsmisshandlung. Manchmal kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass das Umfeld nichts wahrgenommen hat, vermutlich eher, dass es nichts wahrnehmen wollte. Ein Bravo an die aufmerksame und hilfsbereite Nachbarin!
    • Tata  Tatyana 28.10.2016
      Eine Bekannte von mir Philippinische Staatsangehörige arbeitet 25 Jahre in Genf ,bei einer Diplomatenfamilie , sie durfte ausser Haus mit niemanden Kontakt aufnehmen , sie hatte 1600 Fr. Monatslohn , da sie Schwarz arbeitete wurden keine Sozialleistungen BVG bezahlt , mit 58 Jahren wurde sie vom Diplomaten (Emirates) schwarz aus der Schweiz geschafft , nun hat meine Kollegin , keine Arbeit mehr in den Philippinen so auch keine Altersrente , eigentlich Krass
  • marc  klauser aus schmitten
    28.10.2016
    Nicht vergessen. Die Wichtigtuer mit ihren CD-Kleber an Limousinen sind die Schlimmsten und kein Mensch kommt an sie ran. Nicht mal in Rechtstaaten werden diese Bestien angeklagt. sie werden behandelt wie Könige und selber die feigsten Sklaventreiber, die mit ihren Hausangestellten machen was sie dürfen. Der Politik seien die Hände gebunden, und mit Anzeigen ist nichts zu machen. Sauberer krimineller Rechtstaat eher würde ich sagen.
  • Fridolin  Glarner-Walker aus Genf
    28.10.2016
    Frau Anne Marie von Arx-Vernon und ihre Mitarbeiterinnen machen im Frauenhaus "Au Coeur des Grottes" eine Super-Arbeit, herzlichen Dank und Gratulation. Vielfach werden diese jungen Frauen gar von Leuten ausgenutzt die diplomatische Immunität haben und in Genf sind um das Elend in der Welt zu bekämpfen.
  • Steinle  Jeannette 28.10.2016
    Zitat: Ihre Peinigerinnen landen zwar vor Gericht, kommen aber mit Bewährungsstrafen davon. Ein absoluter Skandal, wie ich finde. Wieso hebt man bei solchen Monster die Immunität nicht auf und weist sie aus?
    • Christian  Müller aus Genf
      28.10.2016
      Weil es nicht an der Immunität liegt, sondern am "Rechtsstaat". Die Sklavenhalter müssen nicht für die UNO arbeiten, um mit einer Bewährungsstrafe davon zu kommen. Und das ist nicht nur in Genf so, das gilt für die ganze Schweiz. Aber wie gewisse Politclowns gerne verkünden: Hier herrscht Glaubensfreiheit. Es steht also jedem frei, die Sache mit dem "Rechtsstaat" zu glauben. Oder die mit der Demokratie, den "unabhängigen" Medien... :-]
    • Peter  Stierli aus Geroldswil
      28.10.2016
      Geld regiert die Welt, weiss jeder! Die Schweiz pflegt mit allen Menschen ein gutes Verhältnis, mit den guten und mit den bösen sowieso.
    • Andreas  Inderbitzin aus Brunnen
      28.10.2016
      Ich habe nicht gelesen, dass diese Marokkanerinnen in irgend einer Form Immunität gehabt hätten. Also wird dies wohl nicht der Grund dafür gewesen sein, dass die Schweizer Kuschjustiz nichts unternommen hat.