Irische Autorin zerpflückt das Klischee Deshalb sind wir keine Langweiler

Clare O'Dea mag die Schweiz sehr. Die irische Autorin räumt mit dem Vorurteil auf, wir seien uninteressante Zeitgenossen.

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Der Schweizer ist ein Bünzli: farblos und freudlos, spiessig und langweilig. Kaum ein Klischee hält sich im Ausland hartnäckiger. Stimmt nicht, findet die irische Autorin Clare O'Dea (44), die sich für ihr Buch «The Naked Swiss» intensiv mit unserem Land befasst hat. Im englischsprachigen Buch zerpflückt sie zehn Mythen – unter anderem die sprichwörtliche Langweiligkeit. «Es ist ein bösartiges Vorurteil», sagt sie zu BLICK. «Da ist viel Neid im Spiel.»

Zwar mögen Schweizer auf den ersten Blick eintönig wirken, oft verberge sich jedoch viel Spannendes unter der Oberfläche. «Viele Schweizer haben ein geheimes Leben. Einer braut im Keller sein eigenes Bier. Ein anderer ist ein Jazz-Saxophonist. Einer hat ein Tonstudio.» Auch die vielen lokalen Traditionen brächten Farbe ins Land.

O'Dea, die mit einem Schweizer verheiratet ist und seit 2015 den roten Pass hat, liebt den Rababou in Fribourg – eine Puppe, die zur Fastnacht abgefackelt wird. Auch haben die Schweizer ein entspanntes Verhältnis zum Alkohol: Zwar kann man schon am Vormittag Wein trinken, zu einem nationalen Alk-Problem führe das nicht. Und dann wäre da die Bettgeschichte: Gemäss einer Durex-Umfrage sind 70 Prozent der Schweizer glücklich mit ihrem Sexleben – das sind mehr als in Deutschland und Österreich.

Nächstes Jahr brennt in Freiburg kein «Rababou». Die Bolzenfasnacht, an der die Stofffigur jeweils angezündet wird, ist für 2016 abgesagt. play
Nächstes Jahr brennt in Freiburg kein «Rababou». Die Bolzenfasnacht, an der die Stofffigur jeweils angezündet wird, ist für 2016 abgesagt. KEYSTONE/SCHMID MAXIME

«60 Küsse bei einer Party!»

«The Naked Swiss» bietet eine erfrischende Aussenperspektive auf unser Land. Geschrieben in erster Linie für Expats, gibt es Einheimischen die Gelegenheit, auf helvetische Eigenheiten aufmerksam zu werden, die man sonst kaum wahrnimmt. Die undiskutierbaren Begrüssungs-Küsschen etwa: «Bei einem sozialen Anlass musst du als Frau jeden küssen, den du auch nur ansatzweise kennst, bei Ankunft und Abschied. Und zwar drei mal auf die Backe. Bei einer Party mit 10 Leuten sind das 60 Küsse!»

Es wird nicht gegessen, bevor man einander nicht «e Guete» gewünscht hat und kein Schluck genommen, bevor man angestossen hat – während man sich in die Augen sieht, versteht sich. Nicht die Art der Rituale fällt den Neuankömmlingen auf, sondern die Verbissenheit, mit der sie durchgeführt werden. «Es hat fast etwas abergläubisches», so O'Dea.

«Die Schweizer sind sexistisch», «die Schweizer sind fremdenfeindlich», «die Schweizer haben die perfekte Demokratie»: In den zehn Kapiteln liefert O'Dea keine simplen Antworten – aber die Schweiz ist auch kein simples Land. Vielmehr zeichnet sie ein ausgeglichenes Bild davon, was die Schweiz und die Schweizer ausmacht und umtreibt.

Dabei lässt sie auch die schwierigen Themen nicht aus: Das Bankgeheimnis, das Verhalten während des zweiten Weltkrieges und die Bedeutung der Neutralität, die man als Parteinehmen für die Stärkeren auslegen kann.

«Zu hohe Standards»

Ob sie bei ihrer Recherche vielleicht dem Geheimnis auf die Schliche kam, was das Land mit seinen vier Sprachgebieten zusammenhält? «Die Schweizer eint das Gefühl, etwas erreicht zu haben», spekuliert O'Dea. Die Schweiz sei ein Erfolgsmodell, darauf sei man stolz – das beginne schon bei der Geschichte. «Die irische Geschichte zum Beispiel ist eine voller Tragödien und Versagen», sagt die Journalistin über ihr Heimatland.

Die Schattenseite dieser Mentalität sei, dass man in der Schweiz ständig unter Druck stehe. «Man hat so hohe Ansprüche hier, in der Schule, beim Job, in der Beziehung», sagt O'Dea. Wer im internationalen Vergleich immer wieder als Top-Land abschneidet, hat es schwer, sich zu entspannen. «Das ist der Preis, den man für den Erfolg bezahlt.»

Publiziert am 14.10.2016 | Aktualisiert am 14.10.2016
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