Interview mit Nicolas Blancho, Präsident des Islamischen Zentralrats: Wollen Sie eine islamische Schweiz?

Keine andere Muslim-Organisation ist so umstritten wie der Islamische Zentralrat der Schweiz (IZRS). Er gilt als Sammelbecken für radikale Muslime. Präsident Nicolas Blancho (31) empfing SonntagsBlick in einem modernen Büro in einem Industriequartier in Bern. Das Gespräch eröffnet er auf Arabisch, mit einem Koranvers – er hoffe auf ein «fruchtbares» Gespräch.

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Herr Blancho, Sie tragen einen Turban und nennen sich Scheich. Warum?
Nicolas Blancho:
Es ist nicht so, dass ich das besonders mag. Es wird mir zugeschrieben. In den arabischen Ländern sagt man den Menschen schnell Scheich, wenn sie einen Bart haben, anders aussehen oder ein bisschen was wissen. Der Turban gehört zu meinen Amtskleidern.

Man könnte sagen: Sie inszenieren sich als religiöse Autorität. In dieser Woche haben Sie sich in einer Videobotschaft von der Gewalt der Terrorgruppe IS distanziert. Aus welchem Grund haben Sie sich damit so lange Zeit gelassen?
Der Islamische Zentralrat hat sich immer klar von Gewalt distanziert und diese verurteilt.

Das kam in der Öffentlichkeit aber nicht so an.
Wir haben das bisher generell gehalten, haben uns gegen die Unterdrückung von Minderheiten ausgesprochen. Verfolgung und Diskriminierung kann überall passieren, nicht nur beim IS.

Der IS geht mit nie gesehener Brutalität vor!
Die Ansprache des Pressesprechers vom IS, auf die ich reagiert habe, ist definitiv eine Steigerung. Er bezieht sich nicht mehr nur auf den Irak und Syrien, sondern auch auf andere Länder, also auch auf die Schweiz. Ich habe noch niemals in meinem ganzen Leben eine so krasse, aggressive Ansprache gehört, die auf eine so platte Art und Weise zum Morden aufruft, mit genauen Anweisungen.

Gerade wurden drei Iraker in der Schweiz verhaftet, die Anschläge geplant haben sollen. Hatten sie Verbindungen zum IZRS?
Ich kenne diese Leute absolut nicht.

Fürchten Sie den IS?
Ich kann die Angst der Leute verstehen. Das ist nicht erträglich. Auch wir vom IZRS haben unsere ganzen Hilfsaktionen in Syrien abgebrochen, als der IS kam.

Ist das noch Ihr Islam, den der IS vertritt?
Die Taten, die man sieht, schaden dem Islam. Das kann man nicht vom Islam her begründen. Aber es kann auch nicht sein, dass wir uns ständig von Dingen distanzieren müssen, mit denen wir nie was zu tun hatten.

Distanzieren Sie sich auch von der Idee des Islamischen Staats?
Beim IS habe ich ein grundlegendes Problem mit Methodik und Praxis.

Aber Sie haben kein Problem mit dem Ziel, das der IS verfolgt?
Ich denke an die Tyrannen, die die Muslime vor den Augen des Westens unterdrückt haben. Assad in Syrien, Gaddafi in Libyen, Mubarak in Ägypten. Muslime wurden und werden angegriffen, ihnen wird gesagt: Ihr seid sowieso gegen das System. Wenn ein Muslim eine islamische Wertvorstellung in sich trägt, und dann ständig zurückgedrängt und angegriffen wird, dann muss ich sagen: Wenn ein Muslim keine Optionen mehr hat, dann besteht die Möglichkeit, dass er sich von solchen Ideen angezogen fühlt.

Träumen Sie auch von einem Islamischen Staat – in der Schweiz?
Hören Sie doch auf mit solchen Fragen!

Sie sagen klar: Sie wollen keinen Islamischen Staat?
Schauen Sie sich das Beispiel Israel an: Der Staat gibt Israeli und Juden weltweit Rückenwind. Er hat sich im Nahen Osten behauptet, wird geschützt von seinen Alliierten. Warum soll das nicht auch für Muslime berechtigt und möglich sein? Ein Staat, der ihre Interessen vertritt und weltweit verteidigt? Das gibt es heute nicht. Der IS allerdings schadet den Muslimen, anstatt ihnen zu nützen.

Würden Sie nach Syrien in den  Dschihad ziehen?
Wenn ich das gewollt hätte, wäre ich jetzt nicht hier. Ich habe keine militärische Ausbildung und kann den Kampf so nicht unterstützen. Ich kann ihm höchstens moralische Unterstützung geben, solange es gegen den Tyrannen geht. Dieser Kampf gegen Assad ist legitim, auch im völkerrechtlichen Sinne.

Wie stellen Sie sicher, dass es unter Ihren Mitgliedern keine IS-Sympathisanten hat?
Jemand, der mit dem IS ernsthaft sympathisiert, hätte ein grundlegendes Problem mit uns und umgekehrt. Was ich gemacht habe, meine Ansprache, ist bei den allermeisten Muslimen auf grosse Zustimmung gestossen, wurde aber von mutmasslichen IS-Sympathisanten massiv kritisiert. Wir seien Heuchler und Abtrünnige des Islams.

In Syrien arbeiten Sie mit Gruppierungen, die Terrororganisationen nahestehen.
Das ist eine Unterstellung.

Sie haben in den letzten Jahren neun Vereine gegründet. Darin sitzen Leute, die zum Dschihad aufrufen und die Terrororganisationen finanzieren.
Sie verwechseln islamischen Aktivismus mit Terrorismus. Die Leute, mit denen ich arbeite, sind bekannt und etabliert. Sie kommen zu mir, weil sie Beratung brauchen. Oder weil sie einen Fuss in der Schweiz haben wollen. Eine Prestigefrage, da die Schweiz eine humanitäre Tradition hat.

Können Sie hier und jetzt sagen, dass keines der Vorstandsmitglieder irgendetwas mit Dschihad oder Terrororganisationen zu tun hat?
Wenn Sie die amerikanische Definition von Terrororganisation benutzen, wonach zum Beispiel die Hamas eine Terrororganisation sei, dann haben wir ein Problem. Aber wenn Sie mir unterstellen, dass meine Vereinsmitglieder Terror unterstützen, so weise ich das zurück. Die Vereinszwecke sind ja klar, da steht nichts davon, den bewaffneten Kampf zu finanzieren.

Die moderaten Muslime in der Schweiz arbeiten nicht gerne mit Ihnen zusammen.
Unsere Türen sind für alle Muslime offen. Wir vertreten Konsensfragen. Wir basieren auf der klassischen Theologie. Wenn sich jemand nicht damit abfinden kann, muss das andere Gründe haben. Wir pochen darauf, dass wir im Interesse aller Muslime zusammenarbeiten müssen.

Die Büros des IZRS sind gesichert, es gibt sogar Fingerscanner. Haben Sie Bodyguards?
Nicht permanent. Wenn es absehbare, heikle Situationen geben kann, dann ja. Wenn wir merken, dass die Stimmung heiss ist, kann es schon Leute geben, die da sind und für die Sicherheit sorgen. Vor allem bei öffentlichen Auftritten oder in grossen Menschenmengen.

Nach aussen geben Sie sich jetzt gemässigt. Kritiker aber sagen, tatsächlich hätten Sie nur ein Ziel: das Leben in einem islamischen Staat.
Das ist wie damals bei den Juden, denen man angehängt hat, sie seien nur Wölfe im Schafspelz. Das ist doch viel gefährlicher, weil man damit sagt: Die Muslime lügen euch eh alle nur an. Was soll ich dazu noch sagen?

Publiziert am 28.09.2014 | Aktualisiert am 28.09.2014
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13 Kommentare
  • Peter  Weber aus Zürich
    28.09.2014
    Ich war einige Zeit im Iran, Tunesien, Türkei, UAE, und solche Zustände möchte ich nicht hier in Europa sehen. Auch wenn die Religion Islam nur ein Sozialfaktor oder Kulturelles Element wäre, hätte ich etwas dagegen das sich sowas bei uns ausbreitet. Wer das möchte soll dorthin wo es der Mehrheitsmeinung entspricht. Das sowas in Europa geduldet wird liegt daran, das man Religion nicht ernst nimmt, weder die eigene noch die fremden.
  • Rolf  Wittwer 28.09.2014
    "Sie verwechseln islamischen Aktivismus mit Terrorismus. Die Leute mit denen ich arbeite...."
    Da versteckt sich Einiges.
  • Michael  Meienhofer aus Ostermundigen
    28.09.2014
    ...wer nicht offiziell die Taten der IS verurteilt und sich auch nicht öffentlich von dieser Organisation distanziert, läuft Gefahr, in den gleichen Topf geworfen zu werden - eine Diskriminierung durch die christliche Lebensweiseise in unserem Land ist dadurch gewollt und der Konflikt auch schon geschürt.... Wehret den Anfängen...!
  • Pollner  Josef 28.09.2014
    Ich bin objektiv der Auffassung, dass unsere Regierung den IZRS aus Gründen der Sicherheit auflösen sollte.
  • Sandra  Jakob aus Winterthur
    28.09.2014
    Es ist doch klar, dass eine Islamische Schweiz der Traum von Blancho ist. Sonst wäre er doch nicht mehr hier in der Schweiz, wenn sein Islamischen Land anderswo errichten möchte.
    • Meta  Schärer , via Facebook 28.09.2014
      Natürlich. Er reagiert ja auch auf die Frage: "Träumen Sie auch von einem Islamischen Staat – in der Schweiz?" sehr gereizt mit: "Hören Sie doch auf mit solchen Fragen!" Würde er nicht von einem islamischen Staat träumen, könnte er doch ruhig "nein" sagen.