Neues Angebot für islamische Häftlinge im Gefängnis Thorberg BE: Ein Knast-Imam leistet ihnen auf Wunsch seelischen Beistand.
Es ist 13 Uhr am Donnerstag, als der Berner Imam Mustafa Memeti (48) an Stacheldrahtzäunen und Überwachungskameras vorübergeht und sein neues Beratungszimmer im Gefängnis Thorberg BE bezieht. In diesem Knast sitzen ausschliesslich Schwerverbrecher. Der Raum, in dem der muslimische Geistliche fortan inhaftierten Glaubensbrüdern beistehen soll, grenzt direkt an die Kapelle im Innenhof – und liegt neben dem Zimmer, in dem zwei Pfarrerinnen Gefangene betreuen.
Einen Nachmittag pro Woche wird Memeti hier seelsorgerisch tätig sein, mit den Inhaftierten über Allah, Familie oder persönliche Probleme sprechen. Ein Angebot, das in der Deutschschweiz bislang einmalig ist. Zwölf Insassen meldeten sich bereits zur Premiere an. «Wer will, kann kommen», sagt der Imam. Er empfängt seine Schäfchen zu Einzelgesprächen. «Darauf haben wir uns mit der Gefängnisleitung verständigt.» Bezahlt wird Mustafa Memeti aus der Kasse des Kantons – genauso wie die evangelischen Pfarrerinnen.
Insgesamt sind im Thorberg von 176 Strafgefangenen 62 Muslime. Die meisten stammen vom Balkan. Memeti ist Leiter der islamischen Gemeinschaft des Kantons Bern und Präsident des islamisch-albanischen Dachverbands in der Schweiz.
Bei seinen Besuchen will er nicht missionieren oder die Kriminalität schönreden, wie er sagt: «Wir wollen integrieren und resozialisieren, was innerhalb der Gefängnisstrukturen besser funktioniert als ausserhalb.» Der Rechtsstaat gebe Regeln vor, an die man sich halten müsse. «Kriminalität ist überall strafbar.»
Aufgegleist hat das «Projekt Knast-Imam» Georges Caccivio (52). Er ist seit Herbst 2011 Gefängnisdirektor. Was waren seine Gründe? «Die Gefangenen haben den Imam eingefordert. Schon lange verlangen sie das Recht auf freie Religionsausübung. Sie wollen die Gleichberechtigung mit anderen Religionen.» Schliesslich gebe es für christliche Gefangene die Pfarrerinnen. Noch ist das Imam-Angebot in der Testphase: «Wir werden uns im Dezember zusammensetzen und eine Lagebeurteilung machen», sagt Caccivio.
Memeti findet die Betreuung selbstverständlich: «Es gibt keinen Unterschied zwischen Angehörigen verschiedener Religionen.» So stehe es in der Verfassung; daher sei es auch logisch, dass der Kanton den Imam bezahle.
Memeti will sogar noch weitergehen: Ihm schweben Gruppengespräche vor, aber auch Freitagsgebete für die Muslime in der christlichen Gefängniskapelle. Caccivio will davon nichts wissen – zumindest vorläufig. Schon heute stehe es den Muslimen frei, die Kapelle im Rahmen der Gottesdienste zu besuchen.
In einem aber sind sich Caccivio und Memeti einig: Ein fester Knast-Imam ist ein Modell für die Zukunft. «Was im Thorberg möglich ist, kann auch in anderen geschlossenen Anstalten praktiziert werden.»
Wird es bald in jedem Schweizer Gefängnis einen Imam geben? «Das ist momentan kein Thema», sagt René Frei, Leiter des Straf- und Massnahmenvollzugs des Kantons St. Gallen und Kenner des Ostschweizer Justizvollzugskonkordats, dem auch der Kanton Zürich angehört. «Auf die Religion nehmen wir aber grundsätzlich Rücksicht.» Respekt vor den Ernährungsgewohnheiten der Muslime sei nicht nur im Thorberg, sondern in der ganzen Deutschschweiz die Regel.
Die Zahl der Muslime in der Schweiz hat sich in den vergangenen Jahrzehnten vervielfacht. Rund 350000 Muslime leben hier; folglich ist auch die Zahl der muslimischen Strafgefangenen gestiegen.
Das färbt auf den Gefängnisalltag ab. In der Strafanstalt Pöschwies ZH oder in Orbe VD etwa bittet der Imam jede Woche zum Freitagsgebet. Zudem wird Muslimen kein Schweinefleisch aufgetischt. Und im Fastenmonat Ramadan ist es üblich, dass Muslime frühmorgens Sandwiches bekommen, die sie erst nach Sonnenuntergang essen.
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