Im Knast sind die Schweizer eine Randgruppe

  • Publiziert: 28.09.2006, Aktualisiert: 03.01.2012
  • von reto kohler und selina Luchsinger

BERN – In Schweizer Knästen herrscht Überfremdung. 8 von 10 Insassen von geschlossenen Anstalten sind Ausländer. Warum eigentlich?

In Sachen Ausländer-Quote sind Schweizer Knäste Vize-Weltmeister. Nur in Andorra gibt es noch mehr Fremde hinter Gittern.

Spitzenreiter unter den fremden Knastis sind Serben, Montenegriner und Albaner. Dicht gefolgt von Türken und Italienern.

Nicht nur die grossen Gruppen machen den Strafvollzugsbehörden Mühe. Syrer, Bolivianer, Sudanesen Ugander – sie sind Randgruppen in Schweizer Gefängnissen. Und alle benötigen eine Spezialbehandlung.

Kein Zweifel. «Ausländer begehen prozentual mehr Delikte als Schweizer», sagt Franz Bättig, Fahndungsleiter der Kapo Zürich. Im grössten Schweizer Kanton sind 45 Prozent aller festgenommenen Tatverdächtigen Ausländer.

Vier von fünf Gewaltverbrechen werden durch Ausländer begangen. Bei den Taschendiebstählen sind es sogar neun von zehn. Immer häufiger begehen Ausländer auch schwere Drogendelikte. «Ausländer begehen schwerere Delikte als Schweizer», sagt Bättig. Im Jahr 2004 wurden in der Schweiz 100000 Straftäter verurteilt – fast die Hälfte von ihnen waren Ausländer.

Eine Studie des Bundesamtes für Migration aus dem Jahr 2000 zeigt zudem auf: Fast 50 Prozent der ausländischen Kriminellen leben gar nicht hier. Sie kommen als sogenannte Kriminaltouristen zu uns. Häufig sind es Diebe oder Drogenhändler. «Sie reisen meist völlig legal in die Schweiz ein, oft sogar mit dem Flugzeug», sagt Franz Bättig.

In der Schweiz lebende Ausländer werden am häufigsten, nämlich in rund zwei Dritteln der Fälle, wegen Delikten im Strassenverkehr verurteilt. Das ist nicht anders als bei Schweizern. Aber Ausländer sind auch überdurchschnittlich häufig gewalttätig.

Weshalb eigentlich?

«Viele Emigranten sind in einem Milieu aufgewachsen, in dem Konflikte mit Gewalt gelöst werden», sagt Josef Sachs, leitender forensischer Psychiater in Königsfelden AG. «Oder sie hauen über die Stränge, weil sie mit dem Wechsel von einer stark patriarchalisch ausgerichteten Gesellschaft in eine liberale nicht umgehen können.»

Sachs sieht den grössten Handlungsbedarf bei der Integration: «Wir müssen unbedingt eine Ghettoisierung vermeiden, damit sich keine kriminelle Subkultur bilden kann», sagt er. «Dass Ausländer heute häufiger zu Gewalt greifen, ist ein Fakt. Aber es muss keine Konstante sein. Früher war es nämlich anders.»

Auch Marcel Suter, Jurist bei der Kapo Zürich, sieht nur eine Lösung. Vermehrte Bemühungen in der Integration. «Eine erfolgreiche Prävention muss möglichst früh einsetzen, und den verschiedensten Lebensbereichen Rechnung tragen», sagt er. Das alles geht allerdings nicht ohne Sprachkenntnisse. Suter: «Besonders wichtig scheint uns, dass Einwanderer Deutsch lernen, ganz besonders auch die Mütter.»