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Zugchef Thomas B.* (41) betritt den ersten Doppelstockwagen der Nacht-S-Bahn SN7. «Guete Abig mitenand, alle Billette vorweisen bitte.» Dicht hinter ihm folgt sein Kollege Andi R.* (40). Routinemässig wirft er einen Blick in die Toilette – sie ist leer.
Es ist Sonntagmorgen kurz nach 1 Uhr. Der Zug hat den Zürcher Hauptbahnhof eben Richtung Bassersdorf ZH verlassen. Schon knapp drei Stunden sind die beiden Kontrolleure unterwegs – ihr Dienst dauert noch bis 5.30 Uhr.
Sie arbeiten immer in Sichtkontakt zueinander. «So können wir uns in brenzligen Situationen unterstützen», sagt Thomas B.
Insgesamt 235-mal kam es letztes Jahr zu Tätlichkeiten gegen das Zugpersonal der SBB. Oft in Nachtzügen und frühmorgens am Wochenende – wenn betrunkene Partygänger auf dem Heimweg sind.
Die SBB setzt deshalb seit kurzem auf einigen Frühzügen immer zwei Kontrolleure ein – wie es die Eisenbahngewerkschaft forderte.
Die SN7 hält im Bahnhof Zürich Hardbrücke – der Bahnhof der Partymeile Zürich West. Angetrunkene junge Menschen besteigen die S-Bahn. Die Stimmung ist ausgelassen und fröhlich.
Ein nicht ganz nüchterner junger Mann will den Nachtzuschlag im Zug lösen: «Ich hatte kein Münz für den Automaten.» Die Fahrt mit der Nacht-S-Bahn kostet fünf Franken extra. Oder sonst halt 80 Franken Busse.
Andi R. erklärt dem jungen Mann bestimmt, er könne im Zug keinen Zuschlag kaufen. Doch der hört nicht zu, wird lauter und lauter. Kontrolleur Andi R. bleibt ruhig. Gelassen wiederholt er seine Botschaft – ein zweites und ein drittes Mal.
Schliesslich gibt Andi R. ihm Wechselgeld. Und lässt ihn in Oerlikon aussteigen – ohne Busse. Der nächste Zug fährt in einer Stunde. Andi R. ist sich sicher: «Das nächste Mal wird er den Zuschlag lösen, bevor er in den Zug steigt.»
Im richtigen Moment wissen, wie handeln. Das macht einen guten Kontrolleur aus. Auch wenn es grundsätzlich kein Pardon für die Schwarzfahrer gibt: Manchmal müsse man situativ entscheiden, sagt Andi R. «Immerhin ist er auf uns zugekommen.»
Eine Stunde später rollt die SN7 in die Gegenrichtung. Das Ziel: die Zürcher Goldküste. Jetzt sitzen ältere Paare im Zug. Und – nach 2 Uhr morgens – halbe Kinder, sie sind noch keine 16. «Eigentlich gehört ihr doch schon lange ins Bett», scherzt Thomas B. «Aber das geht mich ja nichts an.»
In über 18 Jahren Kontrolldienst wurde Thomas B. nur einmal tätlich angegriffen. «Da kriegte ich ohne Vorwarnung eine Faust ins Gesicht.» Angst hat Thomas B. aber keine.
Trotzdem: Lieber arbeitet er tagsüber. «Da hat es vielleicht fünf Prozent Betrunkene – in der Nacht fünf Prozent Nüchterne», sagt er.
2.29 Uhr: Der Zug steht in Stäfa, wartet auf die Rückfahrt nach Zürich. Thomas B. und Andi R. räumen Bierdosen und Pizzaschachteln von den Sitzen.
Der fast leere Zug rollt gegen Zürich. Die Kontrolleure gönnen sich eine Pause. Am Hauptbahnhof werden wieder Dutzende Partygänger zusteigen.