Interview zum Tag der Arbeit «Ich weiss, was der Büezer denkt»

  • Publiziert: 30.04.2007, Aktualisiert: 03.01.2012
  • von simon hehli

ZÜRICH – Ausgerechnet am 1. Mai ist die Stimmung bei den Genossen auf dem Tiefpunkt. SP-Nationalrätin Chantal Galladé wehrt sich im Gespräch mit Blick Online gegen die Selbstzerfleischung – und sagt, wie sie die kleinen Leute von der SVP zurückholen will.

Der 1. Mai war früher der Tag der Arbeit und vor allem der Arbeiter. Was bedeutet Ihnen als Frau von heute dieser Tag noch?
Chantal Galladé: Er bedeutet mir viel. Es ist der Tag, an dem wir zusammenkommen und drauf aufmerksam machen, wie wichtig soziale Gerechtigkeit und Solidarität sind. Alleine im Kanton Zürich leben 20000 Kinder unter der Armutsgrenze, das darf doch nicht sein!

Sie haben bald ein Uni-Diplom in der Tasche und gehören spätestens dann zur akademischen Elite. Haben Sie überhaupt noch einen Draht zu den einfachen Büezern?
Klar. Meine Grossmutter wanderte einst aus Italien in die Schweiz ein, meine Mutter erzog uns viele Jahre lang alleine. Ich konnte aus finanziellen Gründen nicht ins Gymnasium, sondern machte eine Berufslehre; die Matura holte ich erst später nach. Ich kann mich bestens in die Arbeiter hineinversetzen.

Dann können Sie ja sicher auch erklären, wieso die SP die Arbeiter nicht mehr erreicht. Nur 18 Prozent der Menschen mit tiefem Einkommen wählten vor vier Jahren Ihre Partei, doppelt so viele stimmten für die SVP!
Wir wissen ja schon länger, dass viele Arbeiter zur SVP übergelaufen sind. Sie haben mehr existentielle Ängste als der Mittelstand und sind deshalb auch empfänglicher für einfache Lösungen, etwa in der Ausländerfrage. Ich merke sowohl bei den Arbeitern als auch bei den Schichten mit höherer Bildung, dass wir nicht wirklich rüber bringen, was wir wollen. Doch wir haben schon erkannt, wo der Schuh drückt, und ich bin nicht bereit, Themen wie Gewalt an der Schule einfach so der SVP zu überlassen.

Wieso setzen Sie nicht wieder auf die alte Klassenkampf-Rhetorik, um die schlecht Verdienenden zurück zur SP zu holen?
Wir setzen uns doch sehr für die Menschen ein, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Mein Ziel ist es aber, in erster Linie zu verhindern, dass in der Schweiz überhaupt viele Leute mit einem zu tiefem Lohn auskommen müssen. Dazu brauchen wir einen möglichst breiten Mittelstand, die Lohnschere soll sich nicht noch weiter öffnen. Das können wir erreichen, indem wir die Chancengleichheit an der Schule verbessern und mehr Lehrstellen schaffen. Daran muss doch auch die Wirtschaft ein Interesse haben!

Gerade zum 1. Mai steckt die SP nach dem Zürcher Wahldebakel in einer tiefen Krise. Die Wähler liefen in Scharen zu den Grünen und Grünliberalen über. Sind daran die Gewerkschaften schuld, die der Partei ein konservatives, verstaubtes Image verpassen, das Stadtmenschen abschreckt?
Nein, nein. Wir analysieren die Zürcher Wahlen gerade, da will ich nicht vorgreifen. Aber wir müssen nun hin stehen und sagen: Jugendkriminalität und Gewalt an den Schulen sind ein Problem. Prävention allein genügt nicht, es braucht auch klare Grenzen und harte Strafen.

Damit umgingen Sie elegant Ihre politischen Differenzen zum linken Flügel in Ihrer Partei.
Ach, die Medien bauschen diese Differenzen derzeit auf. In der SP will jeder die AHV sichern, jeder ist gegen Sozialmissbrauch. Es stellt sich nur die Frage nach dem politischen Wie. Ich will mich auch gar nicht gegen die Gewerkschafter ausspielen und in die Schublade «Reformflügel» stecken lassen. Wir sind eine breite Partei und bilden ein breites Spektrum der Gesellschaft ab. Selbstzerfleischungen und Rücktrittsforderungen in der Öffentlichkeit bringen überhaupt nichts, diese Energie sollten wir jetzt darauf verwenden, bessere politische Lösungen zu suchen.

Läuft die SP nicht Gefahr, zu einer Wischiwaschi-Partei ohne klares Profil zu werden, wenn jeder Flügel macht, was er will?
Einige Analysten behaupten, dass wir uns nun eher in die Mitte bewegen sollen, andere drängen uns zu einem markant linken Programm. Doch ich bin gegen jede Gleichmacherei. Ein Landbewohner in der Waadt hat nun mal andere Interessen als Zürcher Städter. Wichtig ist, dass wir pragmatisch vorgehen. Denn die Leute wollen von uns nicht die reine Lehre aufgetischt bekommen, sondern Lösungen. Und es gibt immer mehrere Lösungsvorschläge für ein Problem. Diese Vielfalt müssen wir zulassen, gerade wenn wir im Herbst mehr Sitze gewinnen wollen als 2003.

Pragmatische Brückenbauerin

Die Sozialdemokratin Chantal Galladé sitzt seit 2003 im Nationalrat. Die 34-jährige Winterthurerin schliesst gerade ihr Studium in Pädagogik und Politikwissenschaften ab und ist Mutter einer 30 Monate alten Tochter – dementsprechend sind Bildung und Familie zentrale Punkte ihres politischen Schaffens. Sie kämpft gegen die Armut, in der Zehntausende Kinder in der Schweiz aufwachsen, setzt sich ein für gute öffentliche Schulen, die allen Kindern gleiche Chancen bieten, und fordert die Unternehmen auf, mehr Lehrstellen zu schaffen. Die bilingue Galladé sieht sich selber als Brückenbauerin, sowohl zwischen der Deutschschweiz und der Romandie, als auch zwischen den verschiedenen Flügeln innerhalb der SP. Sie selber gilt zusammen mit der Aargauer Nationalrätin Pascale Bruderer (29) und Simonetta Sommaruga (47) als Vertreterin einer modernen, pragmatischen Sozialdemokratie, die vor allem auf linksliberale Wähler aus den Städten zählt. Auf diese muss Galladé auch hoffen, wenn sie in den Wahlen im Herbst gegen starke grüne und bürgerliche Konkurrenten einen der beiden Zürcher Ständeratssitze für die SP erobern soll.
play Die Zürcher Nationalrätin mit ihrem Töchterchen Aline. (SI)

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