
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar abzugeben.
Wenn Sie ein Konto bei Facebook haben, können Sie sich damit anmelden.
«Jetzt ist die Wahrheit ans Licht gekommen: Ich bin erleichtert. Es sind so viele Jahre vergangen, in denen mir niemand glauben wollte.
Alles begann im September 1968: Ich kam als Erstklässler in die Klosterschule Mehrerau im Vorarlberg. Das war eine richtige Eliteschule: Die Eltern waren stolz, wenn sie ihre Kinder dorthin schicken konnten.
Pater Gregor bekam mit uns seine erste Klasse. Er war jung, wirkte sympathisch. Wir Buben waren sehr eingeschüchtert. Wir kamen aus kleinen Dörfern, vom Land. Nichts bereitete uns vor auf das, was passieren sollte.
Irgendwann packte er sein Genital aus
Alle schliefen im selben Saal, etwa vierzig Buben. Viele hatten grosses Heimweh und weinten nachts. Pater Gregor gab vor, sich um sie zu kümmern. Er setzte sich nachts an ihr Bett, angeblich um sie zu trösten. Streichelte sie. Begrabschte sie. Irgendwann packte er sein Genital aus. So erging es meinem Bettnachbarn.
Ich selber hatte kein Heimweh. Trotzdem schlich er sich auch bei mir nachts ans Bett. Ich war erst zehn Jahre alt. Oft wachte ich auf, wegen den Berührungen. Ich merkte, dass er über mir stand: Er wollte, dass ich sein Genital in den Mund nehme. Ich weigerte mich, aber er versuchte es immer wieder. Er wollte mich auch küssen. Da biss ich ihn.
Es müssen fünf bis zehn Buben gewesen sein, die er missbrauchte. Von vierzig Schülern machten 17 die Matur. Ich weiss von zwei Suizidversuchen.
Der Abt unternahm gar nichts
Nur im Zeichenunterricht fühlten wir uns wohl: Eines Tages brach dort ein Mitschüler plötzlich das Schweigen über Gregor Müller. Was für ein Dreckschwein der doch sei, rief er.
Wir redeten zum ersten Mal miteinander über das, was er im Schlafsaal mit uns anstellte.
Wir gingen zusammen zum Abt. Nichts passierte. Bis ich eines Tages alles meinem Grossvater erzählte. Drei Monate waren vergangen. Er war Polizeioffizier, bei der Gendarmerie. Er nahm mich mit, in voller Uniform, wir gingen zur Mehrerau, zum Abt. Alle sahen es.
Gregor Müller wurde sofort versetzt. Nicht weit, wie wir später erfuhren: Er landete in Birnau, auf deutschem Boden, in Sichtweite von Mehrerau.
Dort soll er seine Schüler auch anal vergewaltigt haben. Bei uns tat er das noch nicht.
Keine Rachegefühle mehr – eher Mitleid
Dass er der Pfarrer von Schübelbach SZ war, erfuhr ich erst vor etwa zehn Tagen. Es ist verrückt: Ich lebe heute im Kanton Zug, fahre oft nach Vorarlberg. Immer an Schübelbach vorbei.
Vor zwanzig Jahren hätte ich ihm Gewalt angetan. Heute habe ich keine Rachegefühle mehr. Eher Mitleid. Dieser Mann ist unheilbar krank, lebenslang. Immer wieder muss er sich selbst und andere belügen. Natürlich weiss er ganz genau, dass seine Taten verjährt sind. Entschuldigen kann er sich nicht. Heute ist dies nichts mehr wert.
Gestern habe ich die Bilder von ihm gesehen. Er ist jetzt einfach ein alter, kaputter Mann. Der ganz genau weiss, was er getan hat.»