Hublot-Chef Jean-Claude Biver «Ich war einfach hungrig, von Monsieur Hayek zu lernen»

  • Publiziert: 02.07.2010, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Aufgezeichnet: Matthias Pfander
play Als Omega-Chef setzte Jean-Claude Biver auch auf Supermodel Cindy Crawford (l.). Nicolas G. Hayek (r.) genoss die Nähe zum Star. (Keystone)

«Diese Anekdote zeigt am besten, was für ein warmherziger Mensch und grosser Unternehmer mit Nicolas G. Hayek von uns gegangen ist: Ich verliess 2004 nach 11 Jahren in der Konzernleitung die Swatch Group, um mit Hublot meine eigene Uhrenmarke aufzubauen. Als der Vertrag für meine Beteiligung an Hublot unterschriftsreif war, rief mich Monsieur Hayek an: ‹Hören Sie, Jean-Claude, geben Sie mir den Vertrag. Ich werde ihn durchlesen, und vielleicht kann ich Ihnen ein paar Ratschläge geben.› Neben Vorschlägen für kleine Korrekturen, gab er mir folgenden Tipp: Ich solle einen Preis festsetzen im Vertrag, zu dem ich später die restlichen Aktien von Hublot übernehmen könnte.

Die kleinen Korrekturen machte ich; seinen Tipp liess ich mir von meinem Vertragspartner ausreden. Und tatsächlich: Als es 2008 um den Verkauf von Hublot ging, konnte ich die restlichen Aktien nicht übernehmen. Der Preis war so hoch geworden, dass ich ihn nicht mehr bezahlen konnte. Wir verkauften das Unternehmen an die LVMH-Gruppe (Louis Vuitton u. a. – Red.).

Monsieur Hayek rief mich darauf an und sagte: ‹Bravo, Jean-Claude!› Ich war aber enttäuscht, sagte ihm, dass ich besser auf ihn gehört hätte. Er antwortete: ‹Ach was, Sie haben ein super Geschäft gemacht!›

So war Monsieur Hayek. Einfach ein sehr warmherziger Mensch. Die Leute sagten mir öfter, Hayek und Biver – das kommt nicht gut. Beide haben ein grosses Ego, sind starke Persönlichkeiten, da wird es früher oder später einen Knall geben. Was niemand wusste: Ich habe Nicolas G. Hayek immer für alle seine Qualitäten bewundert und ihn enorm respektiert. Ich wollte nicht unbedingt besser sein als er, ich war einfach hungrig, von ihm so viel wie möglich lernen zu können. Deshalb konnten wir sehr gut miteinander zusammenarbeiten.

Was Monsieur Hayek – so sprach ich ihn immer an – als Unternehmer so einzigartig machte, wurde immer wieder beschrieben. Ich sehe das so: Er vereinte fünf wichtige Elemente in einer Person:

  • Er hatte ein unglaubliches Wissen über die Industrie und speziell über die Uhrenindustrie.
  • Er war phänomenal im Finanzwesen.
  • Genauso stark war er im Marketing.
  • Zudem war er ein genialer Händler, mit guten Verkaufsstrategien.
  • Und schliesslich war er ein hervorragender Diplomat, der perfekt verhandeln konnte.
Es gibt Leute, die vielleicht eines dieser Elemente oder zwei oder drei in sich vereinen. Alle fünf zusammen – das habe ich noch nie so ausgeprägt erlebt wie bei Monsieur Hayek.

Zum ersten Mal traf ich Monsieur Hayek ganz kurz, als ich meine Uhrenfirma Blancpain an die Swatch-Gruppe verkaufte. Das war am 7. Juli 1992 um 11 Uhr. Er wollte mich danach treffen, damit wir über meine Zukunft bei Swatch sprechen konnten. Also reiste ich kurze Zeit später nach Südfrankreich. In Cap d’Antibes hat die Familie Hayek ein Haus. Er bat mich, ihn um 11 Uhr beim Tennisplatz des Hotels Cap d’Antibes zu treffen. Dort nahm er Tennisstunden. Ich reiste eine Stunde früher an, checkte im Hotel ein und ging zum Treffpunkt.

Als er mich kommen sah, rief er mir zu: ‹Wo ist Ihr Gepäck, Jean-Claude?› Ich sagte ihm, ich hätte bereits eingecheckt. Er sagte: ‹Sie können doch nicht im Hotel wohnen, meine Frau hat für sie ein Zimmer vorbereitet.› Als ich sagte, mir sei es recht, wenn ich ein wenig Freiraum hätte, und auch die Familie nicht stören wolle, entgegnete er, es gebe ein Gästehaus, da hätte ich meine Ruhe.

Darauf habe ich das Zimmer im Hotel annulliert, holte mein Gepäck, und wir fuhren mit seinem Auto – es war ein kleiner Renault oder Peugeot – zum Haus. Als ich mein Zimmer im Gästehaus betrat, war es mit wunderschönen Rosen geschmückt, und ein phänomenaler Duft lag in der Luft. Diesen Duft werde ich nie mehr vergessen und die Geste von Frau Hayek berührte direkt mein Herz. Diese Anekdote ist der Beweis: Hinter jedem grossen Mann steckt eine grosse Frau.

Über 11 Jahre haben Monsieur Hayek und ich zusammengearbeitet. Wir sahen uns drei Mal pro Woche und sprachen mindestens fünf Mal pro Woche miteinander. Wenn man so lange so eng zusammen ist, entwickelt sich – ja, man kann es nur so sagen – eine Art Liebe und sehr grosser Respekt.

Ich werde nie vergessen, wie wir einmal in aller Frühe zusammen nach München fuhren. Wir trafen uns am Flughafen in Zürich. Kaum waren wir losgefahren, sagte Monsieur Hayek: ‹Machen Sie mal diesen Papiersack auf!› Was für eine schöne Überraschung! Darin hatte es zwei Kägi-fret, zwei Äpfel und Mineralwasser. So fürsorglich war er.

Auch nach meiner Zeit bei Swatch hielten wir Kontakt. Obwohl wir durch meine Beteiligung an Hublot Konkurrenten wurden, blieb unser Verhältnis sehr eng. Ich rief ihn immer am 1. Januar an, um ihm alles Gute für das Neue Jahr zu wünschen. Beim letzten Jahreswechsel überraschte er mich: Am 31. Dezember rief er mich an. Er hatte Freude, dass er mir mit seinen Wünschen zuvorkam.

So freudig und positiv war er die ganze Zeit. An sechs- bis achtstündigen Sitzungen sorgte er mit seinem Humor für Entspannung. Sicher, es gab auch einen traurigen, nachdenklichen oder enttäuschten Hayek. Er war eben ein sehr emotionaler Mensch. Doch diese Momente machten vielleicht einen Zehntausendstel der ganzen Zeit aus.

Ohne ihn hätte ich nicht die Erfahrung, die ich heute habe. Ich habe so viel von ihm gelernt. Als man mich über den Tod von Monsieur Hayek informierte, konnte ich es zuerst nicht glauben. Ich habe nie gedacht, dass er sterben könnte. Er war immer so jung und jugendlich geblieben. Und genau so werde ich ihn in Erinnerung behalten. Für den Rest meines Lebens.»

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